Reformagenda

Schule mit Kollateralschäden

4. April 2011, 18:53
  • Artikelbild
    foto: der standard

     

    Der Staat ist in der Pflicht. Denn noch schlimmer als selbstverschuldete Unmündigkeit ist fremdverschuldete.

  • Artikelbild
    grafik: der standard

    Im österreichischen Schulsystem befinden sich - von der Volkschule bis in die höheren Schulen - derzeit mehr als eine Million Kinder und Jugendliche.

  • Artikelbild
    vergrößern 712x465
    grafik: standard

    Nach der Pflichtschule bleiben noch knapp vier Fünftel der Teenager in der Schule, das ist weniger als im EU-Schnitt.

  • Artikelbild
    vergrößern 497x317
    grafik: der standard

    Es gibt aber auch ein Ost-West-Gefälle in der Beteiligung an höherer Bildung.

  • Artikelbild
    vergrößern 604x324
    grafik: der standard

Kein anderes Politikfeld vermittelt seit vielen Jahren einen so nach Reformen hungernden und zugleich reformresistenten Eindruck wie die Schule

Von Samuel Beckett stammt die Satzkaskade "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better". Zu finden im Stück Worstward Ho. "Immer wieder versucht, immer wieder gescheitert. Kein Problem. Versuche es nochmals, scheitere nochmals. Scheitere besser."

Die zweite Hälfte des Zitats steht auf einem Teppich, der die österreichische Bildungspolitik zum Fliegen bringen soll. Er liegt im Büro von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ), zu lesen ist darauf u. a.: "Try again. Fail again. Fail better."

Beckett als Politikberater? Ja. Das geht und passt sogar ganz gut.

Der Wiener Philosoph Alfred Pfabigan beschrieb die Beckett'schen Betrachtungen als "ein fast fröhliches Statement, das eine realistische Mitte zwischen ,Optimismus' und ,Pessimismus' besetzt". Insofern darf der Teppich-Text als adäquate Anmerkung zur Lage der Schulreform in Österreich gedeutet werden. Denn kein anderes Politikfeld vermittelt seit vielen Jahren einen so abgewohnten, überholten, nach Reformen hungernden und zugleich reformresistenten Eindruck wie die Schule.

Die Dinge sind an einem Punkt angelangt, an dem alle Beteiligten oder Betroffenen, wenn schon nicht nach der ungeliebten "Reform", so doch nach etwas anderem lechzen. Es "sitzt" nicht mehr, das Schulsystem. Die Gesellschaft ist herausgewachsen wie aus einer Hose, die spannt und zwickt, die zu klein und zu kurz ist.

Es gibt einen breiten Frust, der sich weit hineingefressen hat in die Elternschaft, die merkt, dass etwas nicht mehr stimmt. Oft ist es ein diffuses Unwohlsein - Pisa schwebt wie eine dunkle Wolke über dem eigenen Kind -, oft ein sehr konkretes Problemerleben in und mit dem Schulsystem. Sie zahlen als Steuerzahler die Schule und als Eltern oft für Nachhilfe. Zweimal zahlen für eine Schule? Das ist ein bisschen viel. Zu viel.

Ein Frust, der auch viele Lehrerinnen und Lehrer entnervt, die sich aufgerieben fühlen zwischen den Ansprüchen und Ängsten der Eltern, die berechtigterweise nicht wollen, dass gerade ihr Kind "zurückbleibt" in der beschleunigten Bildungsmaschinerie, die all zu oft als erster Zulieferbetrieb für den Arbeitsmarkt, den "Standort" Österreich, interpretiert wird.

Wozu gibt es die Schule überhaupt? Was soll sie leisten? Soll sie den Schülerinnen und Schülern Bildung vermitteln, oder soll sie vorrangig vermittlungsfähig ausbilden? Diese Frage trifft ins Herz dessen, was Schule sein soll.

Es geht um die wichtigste Selbstermächtigungsinstanz in einer Gesellschaft. Damit ist sie nicht nur für die Politik eine Herausforderung, denn gebildete, reflexionsfähige, zur Kritikfähigkeit angeleitete Bürger sind anspruchsvoller zu regieren als bildungsarm gehaltene. Die Schule ist aber nicht nur eine Emanzipationsmaschine. Sie ist eine wirkmächtige Umverteilungsmaschine. Bildung weist einen Platz im sozialen Gefüge, in der gesellschaftlichen Hierarchie zu. Das macht sie unberechenbar, das setzt Verteidigungsmaßnahmen derer in Gang, die "oben" sind, die "vorn" dabei sind, die bildungsnah und damit nah an den Trögen sind, wo gesellschaftlicher Status und ökonomischer Profit verteilt werden. Bildung untergräbt die historisch verhärtete Reproduktion sozialer Verhältnisse.

Genau das aber leistet das österreichische Schulsystem weniger denn je. Schlimmer noch, es erfüllt nicht einmal seine Kernaufgabe - stetig schlechte Ergebnisse bei internationalen Vergleichstests sind ein obszönes Fanal für ein reiches Land wie Österreich. Nein, Pisa, Pirls, Timss etc. sind weder Selbstzweck noch das Ziel von Schule, aber sie sind relevante Marker. Alarmzeichen, die nicht weggeredet werden können: Ein Viertel der Jugendlichen sind am Ende der Pflichtschulzeit de facto Teilanalphabeten. Jeder Einzelne eine individuelle Lebenskatastrophe, alle zusammen ein gesellschaftspolitisch gefährliches Kollektiv der Abgehängten.

Um sie geht es. Nicht nur, aber besonders um sie. An dieser Gruppe, die das Scheitern der Schule gnadenlos aufzeigt, lässt sich die Notwendigkeit einer tiefgreifenden, radikalen Schulreform ablesen. Oder wie es Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien - jenseits aller Strukturdebatten um Gesamtschule oder nicht - formuliert: "Das zentrale Problem ist, dass der Graben zwischen Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern wächst."

Ein Graben, der die Gesellschaft gefährlichen Zentrifugalkräften aussetzt, die niemand wollen kann. Auch nicht die, die auf die Gewinnerseite gefallen sind. Die sind, bei der derzeitigen Verfasstheit des Bildungssystems, meist von Geburt an in relativ sicheren Gefilden, weil sie den richtigen Eltern in den Schoß gefallen sind. Richtig, weil bildungsnah. Die anderen geraten in eine Menschenfressermaschine, die dergestalt ist, "dass im Bildungswettlauf die Zahl der Kollateralschäden wächst", warnt Hopmann.

Die Bildungsnahen wissen sich zu helfen, die Finanzstarken, oft identisch mit Ersteren, können sich helfen lassen. "Der Rest" fällt zurück, geht verloren. Ein besonders hohes Risiko haben Migranten. "In Österreich ist das Gymnasium eine Prämienverteilung für Mütter", sagt Hopmann. Wer das Kind brav als Nachhilfelehrerin zu Hause AHS-reif macht, wird mit dem Gymnasium "belohnt". Und noch mehr: Die "Schrägverteilung nach oben" garantiert auch, dass dort die meisten Ressourcen hinverschoben werden, dass dort die bestausgebildeten und also teuersten Lehrer auf den Nachwuchs warten - eine zynische Bindung von Steuergeldern, die den ohnehin schon Privilegierten zugute kommt.

Es ist ein Umverteilungsproblem, sagt der Bildungsforscher: "Die entscheidende Frage ist: Ist die Gesellschaft bereit, umzuverteilen und die gezielt zu fördern, die es brauchen?" Da muss das Geld hin. Also nach unten. Und schon in den vorschulischen Bereich. Mehr Geld, mehr Pädagoginnen, mehr Qualifikation für gezielte Interventionsprogramme. "Aber solange es Wohlstandszuwächse zu verteilen gibt, erspart man sich diese Debatte."

Es ist die Verantwortung eines sozialen, verantwortungsbewussten, demokratischen Wohlfahrtsstaates, die Rahmenbedingungen für gelingende Bildungsprozesse zu schaffen. Denn noch schlimmer als selbstverschuldete Unmündigkeit ist fremdverschuldete. Und Bildungsarmut ist das fahrlässigste aller Politikversagen.

An dieser Frage, wie mit den Kindern umgegangen werden soll, die nicht zu Hause aufgefangen werden, deren Eltern nicht genug Geld-, Lern-, ja, Selbsthilfe-Ressourcen haben, um ihren schicksalhaften Startnachteil, den das Leben nun mal immer ungerecht verteilt, auszugleichen, schließen alle anderen Fragen nach Lehrerbildung, Dienstrecht und Schulstruktur an.

Davor muss die Erkenntnis stehen, dass Schule mehr ist: Sozialpolitik, Integrationspolitik, Gesellschaftspolitik. Sie ist der einzige verbindliche Ort, an dem alle Kinder wenigstens neun Jahre die Chance bekommen müssen, das zu werden, was sie sein könnten. Gerade die, deren äußere Chancen geringer sind. Es ist das Zeitfenster, in dem der Staat kompensierend eingreifen muss.

Dieses Bekenntnis steht am Anfang jeder echten Schulreform. Dieses ungeteilte Bekenntnis lässt auf sich warten. Zu lange schon.

Es drängt sich ein anderes Beckett-Stück auf: Warten auf Godot.

"Estragon: Komm, wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ach ja."

Wir warten. Ach ja. Ja. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 5.4.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 134
1 2 3 4
D/E
00
Bitte, liebe Frau Nimmervoll,

auch meine Schüler lesen das.

Bessern Sie endlich die falsche Beckett-Übersetzung aus.

"Ever" heißt "jemals"!

KlaraKlar
00

klingt aber meiner Meinung nach recht komisch, wenn in diesem fall ever mit jemals übersetzt wird hr/fr lehrer. wie sollte es sinngemäß dann richtig heißen?? bitte um Ihren vorschlag.

D/E
00
Ich habe keine Ahnung, wie man daraus einen verständlichen deutschen Text machen könnte.

Es ist aber auch auf Englisch recht seltsam.

Man hätt's ja einfach so stehen lassen können.

Der groBe Mann
22
Bitte Frau N., Sie haben eh schon einen Orden von Frau Schmied.

progress
00

ist "der schüler gerber" eigentlich eine pflichtlektüre?

D/E
12
Es gibt an österreichischen Schulen keine Pflichtlektüre.

Voll der Troll sagt:
84

der letzte kontakt mit lehrern (sektor schulumbauten) lief wie folgt:

"uuuh, hier ists so heiß oben am stock. die beschattung geht nicht" - wir gehn rauf, gehen zum heizkörper, drehen ihn ab, der lehrer schaut blöd ... und die beschattung ging deshalb nicht, weil am schlüsselschalt er der pfeil für die drehrichtung rauf-runter genau verkehrt herum angezeichnet war. wow.

nein, ich hab von lehrern keine hohe meinung. die meisten sind nicht lebensfähig, sowas von realitätsfremd. und dann glauben sie auch noch, daß ihre lächerlichen 20 stunden ein vollzeitjob wären und sie "ach so gestreßt" sind.

40 stunden anwesenheitspflicht und verpflichtende weiterbildung in den ferien - 5 wochen urlaub wie der rest von uns! DANN könnt ihr meckern.

D/E
32
Sie haben Recht.

Wir sind das Letzte.

Blöd nur, dass Sie uns Ihre Kinder zum Erziehen überlassen. Was kann da nur herauskommen!

Voll der Troll sagt:
10

a) hab ich keine kinder und b) übernimmt ein lehrer in der heutigen zeit maximal die funktion der BILDUNG, nicht der ERZIEHUNG. dafür fehlt den meisten von euch nämlich die zeit - und wohl auch vielen die courage. wie wollen sie in den lächerlichen 20 stunden denn auf die einzelnen kinder eingehen? und das bei steigenden schülerzahlen/klasse?

im gleichen atemzug sollte man allerdings bemerken: die lehrer haben einen sehr undankbaren job: von den kindern müssen sie sich alles gefallen lassen, aber machen dürfen sie nichts - maximal zum direktor schicken. haha.

es ist leider ein zeichen der zeit, daß jeder alles will, aber nichts dafür zu leisten bereit ist, was auch für einen großteil der eltern gilt. komplexes thema, weiß ich. ;o)

hayseed
10
Diese Grafik mit der höheren Bildung der 15-19 Jährigen

Stimmt die wirklich? Was machen die im Westen (alles blau)? Werden die alle Schilehrer und/oder Almöhis?

Sche
10
27.4.2011, 11:31
Im Westen...

...ist es (noch) keine Schande, arbeiten zu gehen.

Mario Ahner
11

Wenn die in den Osten gehen, steigt in beiden Teilen der Intelligenzquotient.

Phillip Decker
12
...Der Start muss kompensierend eingreifen.."

Richtig: Unter der Übersetzung von " compensare "finde ich auch: "gegeneinander abwägen".Der Staat muss gegeneinander abwägen, was er will:ein Weiterführen der -oft immanenten -Kuschelpädagogik oder eine Erziehung der Jugendlichen zu leistungsbereiten, selbstverantwortlichen Menschen. Dass das nicht in allen Fällen gelingen wird, ist scchon klar, aber man sollte es zumindest als Ziel formulieren- und zwar ernsthaft!

progress
11

es gibt natürlich keine kuschelpädagogik und so wird derartiges auch nicht geführt.

KlaraKlar
35
Qualitätskontrolle für Lehrende

Wann gibt es endlich Qualitätskontrollen für LehrerInnen?? Jede/r!!! kann sich hinstellen und diesen an sich Kreativität, Einsatzbereitschaft und Geist fordernden Beruf ausüben. In der freien Marktwirtschaft Tätige müssen hingegen Selektionskriterien erfüllen. Die Leistungen des Elternhauses werden zitiert und kommentiert, die Schüler werden permanent!!! benotet - wer kontrolliert aber die Benoter??

uni kum
31

Es ist sogar so, dass es eher eine Negaivauslese gibt: Lehrer wird derjenige, dem sonst alles zu mühsam ist.

progress
01

Niemand, Kupfer macht, was er will.

hayseed
11

Im staatsnahen Bereich wird nirgends evaluiert und bewertet. Und wenn doch, dann konsequenzenlos.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01

Die Crux der Sache liegt letztlich im völligen Vertrauensverlust in die Politik. Eine gemeinsame Schule für die 10-14jährigen ist eine gute Idee, wenn sichergestellt wird, dass auf die Schüler ihrer Leistung gemäß eingegangen werden kann. Das kostet. Und damit ist auch klar dass es in Österreich nicht passieren wird, weil Frühpensionen, Tunnel und Parteienfinanzierung wichtiger sind.

Der Lithmustest findet ja im Bereich der Kindergärten statt. Hier wäre ein zentraler Ansatzpunkt, um Defizite des Elternhauses auszugleichen. Da wird ein verpflichtendes Jahr verordnet, aber Geld gibt es praktisch nicht.

Rainer Nachdenklich
00
23.6.2011, 14:25
Lithmustest

Lackmustest

thepike
 
01
Nicht zu vergessen...

... Abschaffung von Schenkungs- und Erbschaftssteuer; Grundsteuern, die seit 1970 nicht mehr erhöht wurden und sonstige Zuckerln für die Reichsten.

Übrigens: im Deutschen sollte man "Lackmustest" schreiben, nicht Lithmustest.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
10

Um Gottes Willen - ich bin Balluch!

deinfreundderbaum
03
apropos pisa:

Ich finde es schade, dass solch Debatten über Bildungsreformen immer mit dem Stichwort PISA zusammenfallen...mal ehrlich: Was heutzutage in der Schule gelehrt bzw. angepriesen wird (und da ist die Rede vom interaktiven-sozialem Lernen mit PCs, etc.) und das, was in so einem PISA Test abgeprüft wird, schmäht jeder Gleichsetzung.
Klar, dass dann niemand dran Schuld sein, und vor allem zugeben will, dass die Reform der Reform der Reform der Vergangenheit massive Fehlgriffe waren.
Im Endeffekt sollte man aber nicht nur das Bildungssystem hinterfragen, sondern generell den ganezn Ranglisten-Wahn, der seit PISA durch die ineuropäische Politik geistert.

mountaineer
12
Hofberichterstattung

Man stelle sich vor, dafür müsste man auch noch bezahlen, z. B. die Armen, die ein Abo der sog. Qualitätszeitung ihr eigen nennen.

Threonin
08

Die meisten Lehrer die ich kennen gelernt habe sind für eine umfassende Reform. Nur muss diese Reform die Bildung der Schüler in den Vordergrund stellen und darf jedenfalls zwei Beweggründe nicht haben.

1) Parteipolitik: Die Lehrer sind nicht dazu da, Wahlversprechen von Politikern zu erfüllen.

2) Sparen: Eine Reform, die sparen zum Ziel hat, ist keine Reform. Die Mittel die benötigt werden müssen auch zur Verfügung gestellt werden. Das sollte Bedingung vor der Reform sein. Vor Allem sind die Lehrer nicht gewillt, eine Reform zu bezahlen die allen zugute kommt. Eine große Reform kann durchaus ohne große Einschnitte ins Lehrerdienstrecht gemacht werden. Es fehlt einzig der Wille.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 134
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.