Man hört der Stiege an, wie jemand gelaunt ist

4. April 2011, 16:38
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Die Architektin Susanna Wagner wohnt mit ihrer Familie in einem ausgebauten Dach, wo es so gut wie keine Türen gibt

Die Architektin Susanna Wagner wohnt mit ihrer Familie in einem ausgebauten Dach, wo es so gut wie keine Türen gibt. Michael Hausenblas war zu Besuch. 

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"Der Architekt Andreas Lichtblau und ich mieten das Dachgeschoß eines Gründerzeithauses im fünften Wiener Bezirk. Wir wohnen hier mit unseren Kindern, die zwischen acht und 14 Jahre alt sind. Sie heißen Alina Anna, Marah Maria, Kira Katarina und Lorin Lukas. Schildkröten gibt es auch noch.

Seit 1991 ist unser Architekturbüro im Halbstock dieses Hauses untergebracht. 1996 sind wir dann hier eingezogen. Alles zusammengenommen, sprechen wir von einer Wohnfläche von über 200 Quadratmetern.

Den ursprünglichen Dachstuhl haben wir komplett weggerissen und durch eine Betonstruktur ersetzt. Das ergibt eine viel bessere Klimasituation, als dies bei der alten Holzkonstruktion der Fall war. Die Speichermasse des Betons sorgt für ein ausgeglichenes Raumklima, nimmt im Sommer die Wärme auf und gibt sie ab, sobald es kühler wird. Die Oberflächen bestehen aus viel Glas, das von Stahlelementen getragen wird. Im Sommer sind die Schiebefenster oft tagelang geöffnet. Dadurch werden die Räume zu einer Art Loggia, einem Sommerzimmer. Obwohl wir nahe am Gürtel wohnen, wird man am Morgen von Vogelgezwitscher geweckt. Die Verkehrsanbindung ist auch hervorragend.

An der Außenseite des Daches gibt es einen Sonnenkollektor in der Größe von 40 Quadratmetern. Er sorgt für Warmwasser für vier Dachwohnungen und zehn Altbauwohnungen im Haus.

Unsere Kinder schlafen einen Stock tiefer. Es gibt ein Telefon nach unten, aber rufen tut's in der Regel auch. Verbunden sind die Ebenen durch eine sehr schmale Stahltreppe. Man könnte von einem labyrinthartigen Schlauch sprechen. Der ist so schmal, dass man darin nicht umfallen könnte. Die Treppe führt ferner auch in unser Schlafzimmer, das auf der dritten, obersten und kleinsten Ebene liegt.

Von dort hat man einen 360-Grad-Blick auf die ganze Stadt. Aber zurück zur Treppe: Geht jemand auf ihr, hört man an dem zarten, metallenen Klang sofort, ob derjenige müde, zornig oder fröhlich ist.

Unsere Wohnung ist eigentlich ein Wohnkontinuum. Es gibt, abgesehen von den Toiletten und den Wohnungseingängen, keine Türen. Stattdessen werden Wohnbereiche mit langen, weißen Vorhängen abgetrennt. Im Sommer sind die Vorhänge die Fassade und wehen im Wind, im Winter funktioniert das wie ein Wintergarten, die Vorhänge sind dann ein thermischer Filter. Zur Raumtrennung haben wir auch verschiebbare Metallrahmen, die mit Stoff bespannt sind, so ähnlich wie man es von japanischen Häusern kennt. Unser Konzept sieht auch vor, dass zwischen den einzelnen Wohnbereichen ohne großen Aufwand rasch eine Gipskartonwand eingezogen werden kann. Auf diese Art wird es möglich, die Konfiguration der Wohnung zu ändern, Teile abzutrennen, um im Wechsel der Generationen die Größe den Bedürfnissen anzupassen - wir nennen dies das Pulsieren der Wohnung.

Es gibt Menschen, die uns fragen, warum wir den Beton sichtbar lassen. Manchmal machen wir uns einen Spaß und erzählen, das Geld sei uns ausgegangen.

Uns ist Material sehr wichtig, und Beton hat für mich viel mehr Tiefe als eine weiße Wand. Die Struktur, die Fugen und Abdrücke der Schalungstafeln vermitteln Tiefe. Man kann sogar erkennen, ob es kalt oder warm war, als der Beton eingebracht wurde. Lässt man die Struktur von Holz sichtbar, käme kaum jemand auf die Idee, das eigenartig zu finden. Beton lebt auch mit. Seine Struktur ist auch einer der Gründe, weshalb wir keine Bilder aufhängen. Beton ist unsere Kunst, so wie das Licht, der Raum, der Klang des Regens am Dach und der Klang unserer Treppe." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.4.2011)

SUSANNA WAGNER (geb. 1966) studierte an der TU Wien und betreibt seit 1987 gemeinsam mit Andreas Lichtblau das Architekturbüro lichtblau.wagner architekten. Das Büro realisierte u. v. a. die Krankenpflegeschule im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital, den Wohnbau Attemsgasse in Wien, die Zisterzienserkirche Podersdorf oder den Umbau für das Klangforum Wien und wurde mit Auszeichnungen wie zum Beispiel dem faith & form honour award des American Institute of Architecture oder zwei Nominierungen für den European Mies van der Rohe Award bedacht.

Link

www.lichtblauwagner.com

  • Susanna Wagner am Esstisch der Dachwohnung im fünften Wiener Bezirk, wo 
sie neben der Luftigkeit vor allem die Struktur der Betonelemente 
schätzt.
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Susanna Wagner am Esstisch der Dachwohnung im fünften Wiener Bezirk, wo sie neben der Luftigkeit vor allem die Struktur der Betonelemente schätzt.

    (Foto: Lisi Specht)

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