"Die Schule möchte wie eine Insel funktionieren"

4. April 2011, 17:33
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Unterrichtsministerin trifft Kinderpsychiater und Schriftsteller: Claudia Schmied (SPÖ) und Paulus Hochgatterer über Lehrerkinder und Pisa-Plaketten

Standard: Herr Hochgatterer, Sie haben einmal in den "Gedanken zum Tag" auf Ö1 über "Schule und andere mittelwichtige Sachen" gesprochen. Da sagen viele wohl sofort: mittelwichtig?! Kann das sein, die Schule nur "mittelwichtig" ?

Hochgatterer: Ich bin familiär von Lehrern geradezu umzingelt. Mein Vater war Lehrer und meine beiden Schwestern sind Lehrerinnen. In so einer Situation, quasi als einziger Abtrünniger in der Familie, muss man die Wichtigkeit von Schule ein Stück relativieren. Natürlich ist Schule wichtig, aber es gibt Dinge, speziell aus kinderpsychiatrischer Sicht, die vielleicht doch noch wichtiger sind.

Standard: Frau Ministerin, ist die Schule oft vielleicht schon zu wichtig, wenn man sich ihr Problempotenzial in vielen Familien ansieht?

Schmied: Die Aussage, dass Schule mittelwichtig ist, ist entlastend. Es liegt enorm viel Druck auf der Schule, vor allem auch auf den Lehrerinnen und Lehrern, und es ist absolut angemessen, Schule als wichtig zu positionieren, gleichzeitig aber auch zu betonen, dass aus vielen anderen Feldern der Gesellschaft immer mehr Themen am Ort Schule sichtbar werden und daher, aber nicht nur, auch in der Schule bearbeitet werden müssen. Und da kommt es derzeit an manchen Stellen zu Überforderungen.

Standard: Ist diese Überforderung der Schule gewachsen?

Hochgatterer: Schule hatte immer schon auch andere Funktionen. In der sozialen Entwicklung von Kindern ist sie eminent wichtig. In der Pubertät ist die Gleichaltrigengruppe, die Peer-Group, sehr wichtig, und die findet sich in der Schule. Was man auch nicht vergessen darf: Die neun Jahre, die sich immer nach der gleichen Struktur abspulen - die Kinder sind um acht dort, nach 50 Minuten ist die erste kleine Pause, nach weiteren 50 Minuten die große - , bilden für die Persönlichkeit von Kindern ein zentrales lebensstrukturierendes Element.

Schmied: Mich beschäftigt gerade Arno Gruens Buch Der Fremde in uns sehr. Ein zentraler Punkt ist, dass wir Schule neben dem Fachwissen und den Fertigkeiten viel stärker als Lebensraum wahrnehmen müssen. Wir müssen gesellschafts- und bildungspolitisch unbedingt ansetzen an der Persönlichkeitsentwicklung, Ich-Stärke und Identitätsbildung. Schule ist neben dem Elternhaus der Ort, wo es auch um Vermittlung von Werten geht. Da gehört Disziplin genauso dazu wie Mitgefühl, Mitmenschlichkeit. Das neben Pisa, Bildungsstandards und neuer Matura stärker zu diskutieren, halte ich für wichtig. Lehrer und Lehrerinnen sind Vorbilder. Sie müssen wir stärken und mit anderen Professionen zusammenbringen.

Hochgatterer: Das zu hören freut mich sehr. Die Kinderpsychiatrie ist ja ein Fach, das von Anfang an multiprofessionell funktioniert, es war immer klar, dass es nicht nur den Mediziner gibt, sondern Psychologen, Sozialarbeiter, Ergotherapeuten, Logopäden, Musiktherapeuten usw., viele Disziplinen, die an einer Sache gemeinsam arbeiten. Dieses Funktionsprinzip hat sich unglaublich bewährt. Ich frage mich manchmal, wie es sein kann, dass die Schule nach wie vor so wie eine Insel funktionieren möchte. Uns allen ist doch sonnenklar, dass Lernen nicht unabhängig von psychosozialen Bedingungen funktioniert.

Schmied: In der Neuen Mittelschule machen wir das: Zwei Lehrer in bestimmten Fächern gemeinsam in der Klasse. Das war am Anfang total skeptisch konnotiert. Ein zweiter Lehrer, um Gottes Willen, das ist doch "meine" Klasse, werde ich jetzt beurteilt, ob ich gut genug bin in meiner Arbeit. Mittlerweile ist es nicht mehr wegzudenken, und die Lehrer sind begeistert. Wir müssen die Arbeitsstrukturen in der Schule viel stärker arbeitsteilig organisieren und den Lehrberuf in den Funktionen ausdifferenzieren. Die Pädagogenbildung neu und das neue Dienst- und Besoldungsrecht sind da wichtige Bausteine.

Standard: Sie sind selbst fast eine Art Schuldirektor.

Hochgatterer: Wir haben im Landesklinikum Tulln dezidiert einen Schwerpunkt im Bereich der schulassoziativen Störungen gesetzt, also Schulphobie, Schulverweigerung, der große Bereich der sozialen Auffälligkeit, Leistungs- und Teilleistungsstörungen. In meiner Abteilung gibt es eine Heilstättenschule, drei Klassen zu maximal sieben Kindern, und in jeder Klasse zwei Lehrer. Da geht es darum, höchst bedürftige und höchst schwierige Kinder zu unterrichten, aber es sitzen in einer Klasse Kinder der ersten Schulstufe gemeinsam mit Kindern der neunten Schulstufe, und es sitzen weniger intelligente Kinder und hochbegabte Kinder in einer Klasse - also ein Gemisch, von dem man prima vista annehmen würde, das kann nicht funktionieren - aber es funktioniert ganz hervorragend. Es hängt an Personen, die engagiert und sehr gut ausgebildet sind und die sich was trauen.

Schmied: Diesen Weg gehen wir mit der Neuen Mittelschule. Es geht um das Ermutigen. Wir brauchen bei Innovationen immer einen Teil, vielleicht 20, 30 Prozent, um die anderen 50 Prozent mitzureißen, und dann gibt es halt immer welche, die nicht wollen. Ich will jene stärken, die sich auf den Weg machen.

Standard: Anfang März war der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Thema "Spannungsfeld Schule" . Beim Lehrersymposium wurde gefragt: "Machen die Kinder ihre Lehrer krank?" Machen sie das? Es ist ja oft die Rede von Burnout und Frühpensionierungen.

Schmied: Nein. Es ist ganz wichtig im Leben, möglichst immer Ja zu sagen und Ja zu meinen. Unstimmig wird es dann, und möglicherweise steigt auch die Anfälligkeit für Burnout oder Krankheiten, wenn du zwar nach außen hin Ja sagst, aber Nein meinst. Daher müssen wir den Lehrerinnen und Lehrern Weiterentwicklung, Alternativen und andere Szenarien bieten.

Hochgatterer: Rein statistisch ist es ja immer noch so, dass nach den Klosterschwestern, die die höchste Lebenserwartung haben, die Vertreter jener Berufsgruppen eine besonders hohe Lebenserwartung haben, die mit Kindern zu tun haben. Die Frage ist also mit einem eindeutigen Nein zu beantworten. Im Gegenteil: Die Arbeit mit Kindern hält gesund. Wenn man aber hilflos oder unzureichend unterstützt einer zu großen Zahl besonders schwieriger oder bedürftiger Kinder begegnen muss, ist das fast ein sicheres Rezept in einen Erschöpfungszustand zu kommen.

Standard: Herr Hochgatterer, Sie kritisieren die zunehmende Systematisierung oder Uniformierung der Schule: "Man lernt unter Aufsicht ein Leben lang, kriegt alle paar Jahre die Prüfplakette, und knapp vor dem Tod machen alle die gleiche Matura." Was stört Sie?

Hochgatterer: Für Kinderpsychiater gibt es eine paradigmatische Haltung, der man tunlichst folgen sollte: die Zentrierung auf das Individuum. Daher ist mir alles, was möglichst gleich ist, suspekt. Ich beäuge die Zentralmatura sehr kritisch, weil sie den Beziehungsaspekt zwischen Lehrer und Schüler, der in der Schule ja ganz zentral ist, ausblendet und so tut, als ginge es darum, beziehungsunabhängig eine Leistung zu erbringen. Mir ist die wesentlich sympathischere Variante immer noch, dass ein Schüler darauf vertrauen kann, dass er in der Beziehung zu einem Lehrer auf eine Prüfung genau richtig vorbereitet ist.

Schmied: Ich bin überzeugt, dass unser Weg einer Teilstandardisierung - wissenschaftliche Arbeit mit individuell gewähltem Thema, mündliche Prüfung wie bisher und Standardisierung der schriftlichen Prüfung in Deutsch, Mathematik und lebender Fremdsprache, um die Kompetenzen abzubilden - große Chancen bietet. Zur Beziehungsebene: Vielleicht gelingt es ja, mit dem Element der Teilstandardisierung den Lehrer stärker als Coach in der Beziehung zum Schüler zu positionieren, also die gemeinsame Arbeit auf ein Ziel hin, das es zu erreichen gilt. Den Vorteil der vergleichbaren Kompetenzen sehe ich auch mit Blickrichtung auf die nächste Institution, auf die Universitäten, weil wir dann ja Kompetenzen auch anrechnen könnten. Das hielte ich für attraktiv.

Hochgatterer: Ich kann das schon mitvollziehen. Aber was es nicht sein sollte, ist eine Situation, in der sich Schüler und Lehrer gemeinsam fürchten vor etwas, das beide nicht beeinflussen können.

Schmied: Nein, ich glaube, es müssen beide Betroffene und Beteiligte zugleich bleiben.

Hochgatterer: Nur das mit dem Beteiligtsein ist, wenn man die Aufgabenstellung nicht beeinflussen kann, schwierig oder schwieriger als in der Situation, wie wir die Matura noch erlebt haben, dass man sich darauf verlassen konnte, dass der Lehrer die Prüfung so gestaltet, dass man sie überlebt.

Schmied: Oder auch nicht. Die Matura soll fair sein. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 5.4.2011)

CLAUDIA SCHMIED (51), Wirtschaftswissenschafterin, begann ihre berufliche Karriere in der Investkredit, wechselte 1997 für drei Jahre als wirtschaftspolitische Beraterin ins Finanzministerium, kehrte 2000 in die Investkredit zurück, 2004 wurde sie Vorstandsmitglied der Kommunalkredit Austria, 2005 auch der Dexia Kommunalkredit Bank. Die gebürtige Wienerin lehrte an der WU über die "Rolle der Wirtschaft in der Literatur" . Im Jänner 2007 wurde sie als Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur angelobt.

PAULUS HOCHGATTERER (49), Kinderpsychiater und Schriftsteller, ist seit 2007 Primar der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landesklinikum Tulln, davor war er u. a. Leiter des Instituts für Erziehungshilfe in Wien-Floridsdorf. Der gebürtige Niederösterreicher greift in seinen vielfach ausgezeichneten Büchern (z.B. 2007 Deutscher Krimi-Preis, 2009 Literaturpreis der EU, 2010 Österreichischer Kunstpreis) immer wieder Themen aus seiner psychiatrischen Praxis auf. Zuletzt erschien Das Matratzenhaus (Deuticke).

  • Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer im 2+1 Reformgespräch.
    foto: der standard/corn

    Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer im 2+1 Reformgespräch.

  • "Wir müssen die 
Schule neben dem Fachwissen viel stärker wahrnehmen als Lebensraum."
    foto: der standard/corn

    "Wir müssen die Schule neben dem Fachwissen viel stärker wahrnehmen als Lebensraum."

  • "Die 
Zentralmatura blendet den Beziehungsaspekt zwischen Lehrer und 
Schüler aus."
    foto: der standard/corn

    "Die Zentralmatura blendet den Beziehungsaspekt zwischen Lehrer und Schüler aus."

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