"Da kommt der Gerichtshof, da wirst narrisch"

4. April 2011, 15:37
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Stimmungstest aus dem zweisprachigen Gebiet: Was Kärntner zur fast gelösten Ortstafelfrage sagen

Wien - "Ich werde nichts sagen, weil euch in Wien das gar nichts angeht", sagt der Herr am anderen Ende der Telefonleitung. "Warum soll ganz Österreich entscheiden, was hier in Kärnten passiert", fragt er und legt den Hörer auf. Ein anderer Gesprächspartner erklärt: "Ich will dazu keine Stellungnahme abgeben. Ich sage Ihnen nicht, warum nicht."

Die Ortstafelfrage erregt noch immer viele Menschen in Unterkärnten, vor allem im Bezirk Völkermarkt. Auch nach der Verkündung der möglichen Lösung der Ortstafelfrage. Oder gerade deswegen? derStandard.at fragte in Unterkärnten nach, bei Bürgern vor Ort. Wie beurteilen sie die Verhandlungen der Kärntner und Wiener Politik? Wie sehen sie die slowenischen Ansprüche? Das Ergebnis ist keine repräsentative Umfrage, eher ein Aufspüren von Stimmungen. Die sind teilweise auch heute noch unversöhnlich.
Ortstafel-Umfrage von derStandard.at auf einer größeren Karte anzeigen

"Jeden Tag Danke sagen"

Als Kind ging Rosina Egger in einem zweisprachigen Ort zur Schule, Probleme zwischen Slowenisch- und Deutschsprachigen hätte es dort nie gegeben. Heute wohnt Egger in Klagenfurt, ist 70 Jahre alt und in Pension. Sie sagt: "Die Slowenen sollen erstens eine Ruh' geben, und zweitens muss die Öffnungsklausel endgültig weg. Das wird ja sonst eine endlose Geschichte." Nie bekämen die Slowenen genug. Und die Justiz auch nicht. "Da kommt der Gerichtshof und nochmal der Gerichtshof und nochmal der Gerichtshof. Da wirst ja narrisch." Kärnten sei ein schönes Land. Wer hier wohnt, dürfe sich glücklich schätzen, sagt Egger. "Wenn ich a Slowenin wär', wär' ich schön still und würd' jeden Tag Danke sagen, dass ich hier leben darf. Denen ist es bei uns immer viel besser gegangen als in Slowenien. Daran sollen sie einmal zurückdenken."

Auch Gerhard Opietnik sagt ganz offen: "Eine zweisprachige Ortstafel muss ich nicht haben." Der Kaffeehausbesitzer in Sittersdorf, 15 Kilometer südlich von Völkermarkt, meint zum - ohnehin wackligen - Kompromiss zwischen Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK), Staatssekretär Josef Ostermayer (SPÖ) und den Slowenenvertretern: "Sittersdof bleibt gleich, das ist mir recht so. Sie werden schon ein paar aufstellen in diesen kleinen Ortschaften. Mir persönlich ist nur wichtig, dass wir keine haben."

Am besten "gar keine"

Opietniks heile, einsprachige Welt erscheint dennoch ringsum einsturzgefährdet. Im Ortstafel-Kompromiss vom Wochenende wurde die Hürde für zweisprachige Schilder auf 17,5 Prozent festgelegt. Die Gemeinde Sittersdorf besteht aus 27 Ortschaften (eine davon heißt ebenfalls Sittersdorf), die noch alle einsprachig sind. Es werden nach Inkrafttreten der Einigung aber zweisprachige Ortstafeln in manchen dieser Orte stehen, bestätigt Sittersdorfs Bürgermeister Jakob Strauß (SPÖ) im Gespräch mit derStandard.at.

"Besser, wenn's so bleibt, wie es ist", fände Rosi Künstl, Frisörin aus Sittersdorf. "Gibt es zweisprachige Ortstafeln unten in Slowenien oder zum Beispiel in England?", fragt sie scharf und gibt sich die Antwort gleich selbst: Nicht etwa 150 bis 160 zweisprachige Tafeln, wie die hohe Politik will, sondern "gar keine soll stehen, wir sind in Österreich". Im Übrigen empfiehlt sie den Kärntner Slowenen, "nicht so fanatisch" zu sein. Es sei ja "schön, wenn man mehrere Sprachen kann, aber wir sind da in Kärnten".

Viele Bewohner wollen Ruhe vom Streit

An der slowenischen Grenze liegt die Marktgemeinde Bad Eisenkappel - hier muss bis 30. September auch eine zweisprachige Ortstafel stehen, sagt der Verfassungsgerichtshof. Der Anrufbeantworter des Gemeindeamts begrüßt die Anrufer bereits auf Deutsch und Slowenisch. Cvetka Hribar, eine 66-jährige Eisenkapplerin, sagt: "Man sollte nur dort zweisprachige Tafeln aufstellen, wo es viele Slowenen gibt." Sie hofft, die politischen Verhandlungen würden endlich aufhören: "Mit dem Kompromiss bin ich zufrieden, weil das, wenn das so weitergeht, den Staat zu viel Geld kostet." Auch in Neuhaus, das nur einen Spaziergang von der slowenischen Grenze liegt, gibt sich die 68-jährige Wirtin Hannelore Rupitz versöhnlich: "Die sollen die Ortstafeln endlich einmal aufstellen, dass wir in Frieden leben können."

In St. Kanzian reden trotz der in Aussicht gestellten Lösung viele noch immer nicht gerne über die Sprache auf ihren Ortsschildern. Josef Krainz, Installateur und Obmann im Eisschützenverein, erklärt die Zurückhaltung mit der veröffentlichten Meinung. Die "Kleine Zeitung" etwa "bauscht das immer so auf", argwöhnt er. "Aber anscheinend werden die Slowenen überall mehr", wittert er den Grund für die zu "slowenenfreundliche" Blattlinie.

Nicht mit Haider

Er sei "kein Extremer", betont Krainz, aber vom diskutierten Kompromiss halt "persönlich nicht so begeistert". Eine solche Einigung mit dem verstorbenen Landeshauptmann? Niemals, glaubt er. "Der Haider hätte sich zu wehren gewusst." Viele der kleineren Ortschaften, die zu St. Kanzian zählen, würden bald zweisprachig beschildert werden, ist sich Krainz sicher.

Nicht alle sehen das so. "Eine Lösung hätte es unterm Haider schon längst gegeben. Er hätte es noch interessanter gemacht", sagt der 43-jährige LKW-Fahrer Hussein Badran aus Poggersdorf. "Aber ich finde die derzeitige Lösung gar nicht schlecht - für beide Seiten." Eigentlich jucke es aber keinen, wie viele Tafeln es gebe. "Es ändert sich ja für niemanden etwas." Dass jetzt rund 160 Tafeln aufgestellt werden sollen, stört nicht einmal Frau Egger aus Klagenfurt: "Weh tut's ma net. Aber die Slowenen sollen endlich eine Ruh' geben." (Lukas Kapeller, Benedikt Narodoslawsky, derStandard.at, 4.4.2011)

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