Der Büro-Kühlschrank hatte zuviel Potenzial

5. April 2011, 09:08
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Mit dem KMU-Energiescheck werden Beratungen gefördert, ambitionierte Betriebe können auch Klimabündnis-Partner werden

Energieeffizienz ist das Gebot der Stunde, wenn die Menschheit den Weg aus der rohstoffintensiven und gefährlichen Energiegewinnung erfolgreich gehen will. Einsparungs-Potenzial ist reichlich vorhanden, nicht zuletzt in den heimischen Klein- und Mittelunternehmen (KMU), die ja das vielzitierte "Rückgrat" der heimischen Wirtschaft darstellen.

Oft wird dieses Potenzial aber nicht gehoben, weil es gar nicht bekannt ist. Diverse Initiativen arbeiten schon seit geraumer Zeit daran, dies zu ändern - allen voran der jüngst wiederholt aufgelegte "Energiescheck" für KMU. Im Rahmen dieser vom Klima- und Energiefonds geförderten Aktion gibt es geförderte Energieberatungen für Betriebe, die den Verantwortlichen die Möglichkeiten aufzeigen sollen.

Erhebung und ...

Alternativ führt auch das "Klimabündnis", dem in Österreich schon mehr als jede dritte Gemeinde angehört, solche Beratungen durch. Bernhard Holzbauer, der Klimabündnis-Betriebe in Wien, Niederösterreich und Burgenland betreut, erklärt, wie man sich dies vorstellen darf: "Zuerst erheben wir die Situation, lassen uns etwa alle Energierechnungen geben." Im Rahmen einer Klimabündnis-Zertifizierung wird außerdem die ganze Verkehrs- und Mobilitätssituation begutachtet, "wir beziehen also sowohl den Fuhrpark als auch die Mitarbeiterfahrten zum und vom Arbeitsplatz mit ein".

Nach einer solchen "Erstaufnahme" wird dann der Betrieb besichtigt und versucht, Schwachstellen zu finden - "im Produktionsprozess bei Produktionsbetrieben, oder wo halt sonst Energie verbraucht wird". Im folgenden Bericht steht dann Schwarz auf Weiß, wie die aktuelle Situation ist und welche konkreten Maßnahmen umgesetzt werden könnten.

... Umsetzung

Beispielhaft für einen Klimabündnis-Vorzeigebetrieb nennt Holzbauer die oberösterreichische Firma Samen Maier GmbH. Dort wird seit einigen Jahren nicht nur auf nachhaltige Energieträger gesetzt, sondern an einem ganzheitlichen Energie-Ansatz gearbeitet. Initialzündung dafür war der Umzug an einen neuen Standort im Jahr 2006, als man von Ried nach Taiskirchen im Innkreis übersiedelte, erzählt Geschäftsführer Johann Huber im Gespräch mit derStandard.at.

Dass punkto Energieeffizienz reichlich Potenzial vorhanden war, habe sich schon am alten Standort abgezeichnet, so Huber. Der Entschluss war dann rasch gefasst: "Wir wollen das umsetzen."

Ökostrom und Autobusse

Es wurde zwar ein bestehendes Betriebsgebäude gekauft, davon wurde am neuen Standort allerdings "fast alles abgerissen". Die bestehende Ölheizung wurde durch Hackschnitzel- und Solaranlage ersetzt, mit einem Pufferspeicher für 20.000 Liter Warmwasser. Die Photovoltaikanlage liefert 10.000 Kilowattstunden (kWh) Strom, eine weitere 20.000-kWh-Anlage soll 2013 kommen. Am Ziel ist man damit noch nicht: 70.000 kWh beträgt der jährliche Verbrauch, die Vision "Stromautarkie" lebt aber weiter. Bis dahin bezieht man Ökostrom.

Ob sich das alles ausgezahlt hat, ist für Huber keine Frage: Schon allein die überaus positiven Rückmeldungen von Seiten der Kunden seien jeden investierten Euro - Huber beziffert die Gesamtinvestitionen auf rund eine halbe Million - wert gewesen. "Es kommen regelmäßig Autobusse mit interessierten Besuchern zu uns, die sich den Betrieb anschauen."

Mitarbeiter in E-Autos

Auch für die Mitarbeiter wurden bei Samen Maier Energieeffizienz-Schulungen angeboten, und zwar "während der Arbeitszeit", wie Huber betont. So richtig notwendig erscheint das im Grunde genommen aber ohnehin nicht mehr: "Die Beschäftigten stellen ein enormes Innovationspotenzial dar, es kommen laufend neue Ideen von unseren 30 Mitarbeitern."

Die konkrete Vision des Johann Huber: "In 20 Jahren sollen die Mitarbeiter nur noch mit E-Autos in die Arbeit kommen, während der Arbeitszeit die Batterien aufladen und dann wieder mit den E-Autos heimfahren." Das Angebot zum Strom-Tanken bestehe von Seiten der Firma auch jetzt schon, erklärt Huber. Allein, es gebe halt noch keine Mitarbeiter, die per E-Auto in die Arbeit kommen.

Dafür wurde von der Unternehmensleitung schon die eine oder andere Fahrgemeinschaft initiiert und ein Heimarbeitsplatz geschaffen. Zwei Vertreter-Pkw laufen mittlerweile mit Erdgas, und auch die Liefer-Logistik wurde völlig umgekrempelt: "Statt mit fünf großen LKWs wie früher fahren wir heute nur noch mit Kleintransportern." Drei Außenlager vervollständigen das neu überdachte Logistik-Konzept, das die Wege minimieren soll.

Branchen-Benchmarks

Klimabündnis-Berater Holzbauer weiß sehr gut, dass es im Bereich der Mobilität oft gar nicht so einfach ist, Einsparpotenziale zu heben. "Bei der Beleuchtung ist es einfach, da rechnet man ganz genau aus, was das in Kilowattstunden oder CO2-Einsparungen bzw. konkret in Euro bedeutet, wenn man diese oder jene Maßnahme setzt. Und das rechnet sich auch sehr schnell. Beim Fuhrpark ist es schwieriger. Elektroautos sind für viele Betriebe von den Kilometer-Reichweiten noch nicht geeignet. Da geht es eher in die Richtung, dass man dazu rät, Fahrzeuge zu nehmen, die niedrige Werte beim Schadstoffausstoß haben."

In welchen Bereichen Einsparpotenzial vorhanden ist, hängt naturgemäß stark von der Branche des jeweiligen Unternehmens ab. "Jede Branche hat so ihre Schwerpunkte. Ein Installateur hat meist selbst sein Gebäude gut in Schuss, aber beim Fuhrpark kann man ihm eventuell noch Hilfestellung geben", so Holzbauer. Den Beratern stehen dafür auch "Benchmark"-Tabellen zur Verfügung, die Auskunft über die Energieeffizienz vergleichbarer Unternehmen liefern. "Da hat man dann Durchschnittswerte zur Verfügung, die zeigen, wo man was tun kann, wenn man drüber liegt."

Beispiele solcher "Benchmarks" liefert die Begleitstudie vom Energieinstitut der Wirtschaft GmbH im Auftrag des Klima- und Energiefonds (Zwischenbericht, Teil II). Dort werden etwa Vergleichszahlen für so unterschiedliche Branchen wie Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe, Tischlereien oder Lebensmitteleinzelhändler geliefert. Unter anderem liest man dort, dass bei Friseurbetrieben häufig bis zu 50 Prozent der Gesamtenergie für die Warmwasserbereitung verwendet wird, was auf sehr hohes Einsparpotenzial hinweist.

Für zwölf Branchen wurden derartige Berechnungen für die Studie angestellt, die Energiekennzahlen der diversen Branchen divergieren hier mitunter extrem und oft auch überraschend. So wurde für Fleischereien ein durchschnittlicher Stromverbrauch je Mitarbeiter von rund 18.500 kWh pro Jahr gemessen, bei Druckereien beträgt der entsprechende Wert weniger als die Hälfte, in Kfz-Werkstätten nur ein Drittel.

Der Kühlschrank flog aus dem Büro

Die Firma Samen Maier ist seit 2008 zertifizierter Klimabündnis-Betrieb. Der Kontakt zum persönlichen Energieberater ist in der Zwischenzeit nicht abgerissen - auch wenn dieser dafür sorgte, dass gleich einmal der Kühlschrank aus dem Chefbüro verschwindet, wie Geschäftsführer Huber schmunzelnd berichtet. Man bleibt in Kontakt, denn schließlich muss die Zertifizierung als Klimabündnis-Partner nach zwei und nach fünf Jahren überprüft werden.

Zertifizierte Klimabündnis-Betriebe dürften das Klimabündnis-Logo verwenden. Wer nicht gleich Klimabündnis-Partner werden will, sondern erst einmal "nur" über den Klima- und Energiefonds eine Gratis-Energieberatung in Anspruch nehmen will, braucht nicht mit derartigen strengen Regelungen zu rechnen. "Der Energieberater zeigt dann nur auf, wo und mit welchen Maßnahmen was eingespart werden könnte. Ob der Betrieb das umsetzt, bleibt ihm selbst überlassen, die Erstberatung ist damit zu Ende. Im Rahmen der KMU-Energieeffizienzinitiative kann man sich aber auch bei der Umsetzung wieder extra beraten lassen", erklärt Holzbauer.

Mit wem bekommt es der Energieberater üblicherweise im Betrieb zu tun? "Bei kleineren Betrieben bis zu rund 50 Mitarbeiter ist die Energieeffizienz Chefsache. Darüber gibt es dann meist schon eigene Mitarbeiter dafür, definierte Energie-Verantwortliche etwa", so der Klimabündnis-Experte.

Zwei bis fünf Tage an "Manpower"

In der Frage, ob man sich beraten lassen will oder nicht, ist nicht zuletzt für eher kleine Betriebe meist auch die dafür nötige "Manpower" wichtig. Laut Holzbauer muss man als Geschäftsführer für die Energieberatung zwei bis fünf Arbeitstage eines Mitarbeiters einrechnen - für die Begehung und die Besprechungen mit den Verantwortlichen. "Die gesamte Beratung kann sich aber natürlich auch schon einmal über Monate hinziehen, weil man ja erst einmal gemeinsame Termine finden muss und dann auch noch alles auszuwerten ist." Soll - wie bei der Klimabündnis-Beratung - auch die gesamte Mobilität einbezogen werden, inklusive Dienstreisen der Mitarbeiter, ist der Aufwand dafür hoch.

Das Problem, dass sich vorrangig die ohnehin schon energiebewussten Firmenchefs für die kostenlosen Beratungs-Aktionen melden, und weniger jene, die es nötiger hätten, sieht Holzbauer als nicht so groß an. "Der KMU-Energieeffizienzscheck ist ja genau dafür gemacht, dass man viel mehr Betriebe bekommt, die sich bisher keinen Berater geholt haben. Und erreichen tut man meist ohnehin nur die, die vom Berater angesprochen werden. Sprich: Jeder Berater akquiriert sich üblicherweise seine Unternehmen selbst."

Ob das nicht umgekehrt sein sollte? Nicht unbedingt, sagt Bernhard Holzbauer. "Dem Klimafonds ist es hauptsächlich wichtig, dass die Betriebe erreicht werden. Ob sie sich selbst melden oder darauf aufmerksam gemacht werden müssen, ist nicht so wichtig." (Martin Putschögl, derStandard.at, 5.4.2011)

  • Bio-zertifiziert und Klimabündnis-Partnerbetrieb: Die Samen Maier GmbH im oberösterreichischen Taiskirchen gilt als vorbildhaft in punkto Nachhaltigkeit. Im Bild Betriebsleiter und Umweltbeauftragter Rudolf Spießberger und die Geschäftsführer Johann und Johannes Huber (v.l.).
    foto: samen maier

    Bio-zertifiziert und Klimabündnis-Partnerbetrieb: Die Samen Maier GmbH im oberösterreichischen Taiskirchen gilt als vorbildhaft in punkto Nachhaltigkeit. Im Bild Betriebsleiter und Umweltbeauftragter Rudolf Spießberger und die Geschäftsführer Johann und Johannes Huber (v.l.).

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auf den Kühlschrank im Büro (Symbolbild) verzichtet Geschäftsführer Huber nun reinen Gewissens.

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