Wer viel gähnt, braucht eine Pause

4. April 2011, 13:32
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Arbeit funktioniert nur mit Pausen gut - sonst drohen Gesundheitsschäden und geringere Produktivität

Wenn der Schreibtisch vor lauter Akten zusammenzubrechen droht, die nächste Sitzung in zwei Minuten los geht oder das Telefon einfach nicht aufhört zu klingeln, da kann die wohlverdiente Pause schon einmal ausfallen. Oder man haut sich sein Essen einfach zwischen Email-Eingang und Post-Ausgang am Arbeitsplatz rein. Dabei wäre eine "Pausenkultur" gerade für den langfristig gesunden Arbeitnehmer von sehr großer Bedeutung, meinen Karl Proyer, stellvertretender Bundesgeschäftsführer der GPA-djp, und Gudrun Kaspar, Linzer Arbeitsmedizinerin.

Am Montag präsentierten sie gemeinsam mit Georg Michtenthaler vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) eine Befragung unter Angestellten zum Thema "Pausenregelungen". Die Ergebnisse kurz zusammengefasst: 15 Prozent der Arbeitnehmer gaben an, dass in ihrem Unternehmen keine tägliche Pause vorgesehen ist. Die übrigen 85 Prozent machen täglich durchschnittlich 0,5 Stunden Pause. Im Branchenvergleich schneidet gerade "Gesundheit und Soziales" eher schlecht ab (27 Prozent der Befragten gaben an, es gebe keine geregelte Pause), "Banken und Versicherungen" hingegen scheinen über überdurchschnittlich gute Pausenregelungen zu verfügen.

Rund ein Viertel derjenigen, die eine Ruhepause haben, nehmen diese höchstens gelegentlich wahr. Dabei sind qualifizierte und leitende Angestellte weniger regelmäßig im Ruhemodus. Was die Infrastruktur für den pausenwilligen Mitarbeiter betrifft, gaben nur sieben Prozent der Befragten an, es gebe gar keine adäquaten Pausenräume, Kantinen, Teeküchen oder Ähnliches. Die meisten (60 Prozent) verbringen nämlich ihre Pause im Betrieb, nur 27 Prozent sind regelmäßig außer Haus. Und, was Michtenthaler herausstreicht, 21 Prozent verbringen ihre Pause direkt am Arbeitsplatz.

Weg vom Schreibtisch

Für die Arbeitsmedizinerin Kaspar ist das keine sonderlich gute Lösung. Wer am Arbeitsplatz sitzen bleibt, kann nicht richtig abschalten. Eine einkommende Email führt rasch zur Rückkehr zum Arbeitsprozess. Wer seinem Körper nicht auch die erforderliche Ruhe gönne, setze sich selbst einem chronischen Stresszustand aus. Gähnen, Durst, Konzentrationsabfall seien die gängigsten Signale, mit denen der Körper auf eine Erholungsphase hindränge, so Kaspar. Letztendlich kann permanenter Stress zu Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Magen-/Darm- Beschwerden, Schlafstörungen, Schädigungen am Bewegungsapparat, und sogar Depressionen bis hin zum Burn-out führen. Kaspar ist überzeugt, dass mehrere kurze Pausen über den Tag verteilt besser seien als eine lange. "Je länger eine Pause ist, desto schwieriger ist es, wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen." So sollten sich Aktivitätsphasen von 90 bis 120 Minuten mit Ruhephasen von 15 bis 20 Minuten abwechseln. Auch wenn es nicht immer durchsetzbar scheint: Eine individualisierte Pausenregelung sei laut Kaspar durchaus anzustreben.

Dass eine adäquate Pausenkultur im Betrieb letztlich auch dem Unternehmen zu Gute kommt, daran glaubt auch Gewerkschafter Proyer. Schließlich sind die Österreicher "europaweit Anwesenheitsweltmeister", was für Proyer nicht unbedingt eine Auszeichnung sein muss. "Die durchschnittliche kollektivvertragliche Arbeitszeit beträgt 38,5 Stunden pro Woche, die tatsächliche liegt in Österreich bei 43 bis 44 Stunden pro Woche." Längere Anwesenheit sei aber nicht gleichbedeutend mit größerer Produktivität, so Proyer. Auch sei jeder 15. Krankenstandstag auf psychische Ursachen zurückzuführen, ebenso wie der Anstieg an Frühpensionen. "Die Arbeitgeber sollten weniger Aufwand in immer neue Programme zur Zählung von Krankenstandstagen reinstecken, sondern untersuchen, welche Ursachen diese Krankenstände haben", plädiert Proyer. Aus der IFES-Studie geht hervor, dass, je mehr "Arbeitszeitautonomie" bzw. Verantwortung jemand hat, desto geringer oder kürzer werden die Pausen. Während es bei einfachen Angestellten noch 62 Prozent sind, die so gut wie immer pausieren, sind es bei den leitenden Angestellten nur noch 47 Prozent. Dabei sei das Bewusstsein für eine vernünftige "Pausenkultur" durchaus vorhanden. "Nur wird sie von den Führungskräften vielfach nicht vorgelebt", betont Meinungsforscher Michtenthaler. (rom, derStandard.at, 4.4.2011)

WISSEN

Wer länger als sechs Stunden arbeitet, hat Anspruch auf eine halbe Stunde Pause, diese kann auch aufgeteilt und muss nicht am Stück konsumiert werden. Wann wer auf Pause gehen kann, hängt ebenfalls von den Vereinbarungen in einem Betrieb ab und kann nicht einfach einseitig festgelegt werden. Der Arbeitgeber muss die Pause nicht bezahlen, aber er muss sie gewähren. Während der Pause darf man den Arbeitsplatz verlassen und muss auch nicht auf Abruf verfügbar sein.

Wer länger als zwei Stunden täglich Bildschirmarbeit macht, hat Anspruch auf zehn Minuten Pause nach jeweils 50 Minuten am Bildschirm. Auch Tätigkeitswechsel, die die Belastung durch die Bildschirmarbeit ausgleichen, gelten als Pausen. Bildschirmpausen müssen vom Arbeitgeber bezahlt werden, sie gelten als Arbeitszeit.

  • Arbeiten ohne Pause geht nicht lange gut. (Im Bild: russische Kadetten, die wohl auch eine Pause brauchen können)
    foto: epa

    Arbeiten ohne Pause geht nicht lange gut. (Im Bild: russische Kadetten, die wohl auch eine Pause brauchen können)

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