Jean Ziegler und das schlechte Gewissen

4. April 2011, 13:27
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Mutiger Schritt auf halbem Weg gescheitert

Der Rückzieher des Landes Salzburg, Jean Ziegler als Redner für die Salzburger Festspiele 2011 einzuladen, hat hohe Wellen geschlagen. Wir sind froh, dass in diesem Zusammenhang in zahlreichen Medien das Engagement Zieglers für die Überwindung von Hunger und globalen Unrechtsstrukturen gewürdigt und dabei auch klargestellt wurde, dass sich Ziegler längst von el Gadafi distanziert hat. Anders als etwa Ölfirmen, die bis zuletzt gute Ölgeschäfte mit dem lybischen Regime gemacht haben.
Es war ein mutiger Schritt, dass die Salzburger Landesregierung auf Vorschlag der Robert-Jungk-Stiftung dem ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung 2008 den Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung verliehen hat. Es war ein noch mutigerer Schritt der Landeshauptfrau, ihn bei den Salzburger Festspielen zu Wort kommen lassen zu wollen. Ein Schritt, den keiner ihrer Vorgänger je gewagt hätte. Sie ist an den Widersprüchen des Systems gescheitert. Der Grund für die erneute Ausladung liegt wohl tiefer als die kolportierten Befürchtungen.

Reichtum erfordert hohe Verdrängungsleistung 

Ein Wirtschaftssystem, das laut World Wealth Report 2010 zehn Millionen Dollarmillionären zulässt, während eine Milliarde Menschen an Hunger leidet, erfordert ein hohes Maß an Verdrängungsleistung - gerade vieler Festspielgäste und mehr noch jener Konzerne, die sie sponsern. Jean Ziegler hätte - einmal mehr - an dieses zu Recht schlechte Gewissen erinnert. Das ist unangenehm. Doch um es mit der großen Österreicherin Ingeborg Bachmann zu sagen: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar". Nur so hat die Humanität eine Chance. So ist der Vorfall ein Lehrbeispiel oder Spiegel für unsere kollektive Schizophrenie, die das Leid in der Welt permanent abspalten muss. Jene Menschen, für die Ziegler sich einsetzt, haben freilich ohnedies andere Sorgen als Salzburgs erneuten Festspieleklat.

PS: Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung
Am 20. November 2008 erhielt Jean Ziegler den Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung Ein Bericht über Zieglers Rede vor über 500 Gästen in der bis zum letzten Platz gefüllten Salzburger Residenz anlässlich der Verleihung ist nachzulesen auf der Homepage. Nachzuhören ist der Vortrag auch auf CD, die gegen eine Spende in der Jungk-Stiftung erhältlich ist. (Hans Holziner, derStandard.at, 4.4.2011)

Mag. Hans Holzinger ist Pressesprecher der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

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