EZB vor erster Zinser­höhung nach der Krise

4. April 2011, 11:10
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Experten rechnen mit einer Erhöhung auf 1,25 Prozent, damit würde sich der Leitzins von seinem historischen Tief entfernen

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte an diesem Donnerstag (7. April) erstmals nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ihren Leitzins anheben. Von dpa-AFX befragte Experten rechnen unisono mit einer Erhöhung um 0,25 Punkte auf 1,25 Prozent. Damit würde sich der Leitzins von seinem historischen Tief bei derzeit 1,0 Prozent entfernen. Zugleich dürfte es nicht die einzige Zinserhöhung in diesem Jahr bleiben, sind sich EZB-Beobachter sicher. Allerdings gilt eine quasi-automatische Straffung in regelmäßigen Abständen wie beim letzten Zinserhöhungszyklus vor der Krise als höchst unwahrscheinlich.

Angezogene Inflation

Hauptgrund für die erwartete Straffung ist die zuletzt deutlich angezogene Inflation im Währungsraum. Im März lag die Jahresteuerung bei 2,6 Prozent und damit klar über dem Zielwert der EZB von knapp zwei Prozent. Verantwortlich sind vor allem hohe Energie- und Rohstoffpreise, die die Notenbank freilich nicht direkt beeinflussen kann. Gleichwohl hat die EZB die Inflationserwartungen im Blick, die sich mit einer anziehenden Inflation zusehends aus ihrer Verankerung lösen könnten. Darüber hinaus will die Notenbank offenbar Zweitrundeneffekte verhindern - denn hohe Lohnforderungen als Ausgleich für starke Preissteigerungen könnten eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen und damit die Inflation weiter treiben.

Dass sich die EZB wegen der wieder aufgeflammten Schuldenkrise und der Dreifach-Katastrophe in Japan von ihrem Kurs abbringen lässt, halten Experten für unwahrscheinlich. So hatten hochrangige EZB-Vertreter, darunter auch Notenbank-Chef Jean-Claude Trichet, bis zuletzt klare Signale für eine Zinserhöhung gegeben. Nachdem Trichet nach der vergangenen Zinssitzung im März eine Anhebung in Aussicht gestellt hatte, bekräftigen wichtige EZB-Mitglieder diesen Kurs. Zwar hat sich die Schuldenkrise rund um angeschlagene Euroländer wie Portugal zuletzt wieder verschärft. Die japanische Katastrophe hat die Unsicherheit an den Märkten aber nicht derart deutlich verstärkt, wie man zunächst hätte meinen können.

Keine weiteren Ausblicke erwartet

Überzeugt sind die Experten auch, dass sich die EZB zunächst nicht auf weitere Schritte festlegen wird. "So klar die Hinweise der EZB auf eine bevorstehende Zinsanhebung ausfielen, so wenig dürfte sie sich in die Karten schauen lassen, wie es danach weitergeht", schreibt Commerzbank-Experte Michael Schubert. Neben der Schuldenkrise verweist Schubert darauf, dass die Notenbank unmittelbar nach einer Zinsanhebung eher die Gründe für diesen Schritt erläutert, anstatt in die Zukunft zu blicken. Auch die Bank-Austria-Mutter UniCredit rechnet nicht mit konkreten Hinweisen auf die Geldpolitik in den nächsten Monaten.

Neben dem Leitzins könnte am Donnerstag auch die Liquiditätspolitik der EZB Thema sein. Mit Spannung verfolgen Beobachter, ob die Notenbank ein Konzept präsentiert, wie besonders schwache Banken aus dem Währungsraum unterstützt werden könnten. Bereits seit Monaten verweist die Notenbank darauf, dass an einer entsprechenden Lösung gearbeitet wird. Im Euroraum gibt es einige Banken, die stark von der Liquiditätsversorgung der EZB abhängig sind. Für diese Institute will die EZB offensichtlich eine mittel- bis langfristige Lösung erarbeiten. (APA)

 

 

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    Hochrangige EZB-Vertreter, darunter auch Notenbank-Chef Jean-Claude Trichet, hatten bis zuletzt klare Signale für eine Zinserhöhung gegeben.

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