"Belastung jenseits aller zulässigen Werte"

4. April 2011, 14:40
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Max Bichler, Professor am Atominstitut der TU Wien, über die jüngsten Ereignisse in und die mangelnden Informationen

Der Radiochemiker beantwortete vergangene Woche im Live-Chat die Fragen unserer User zur Katastrophe in Japan. Seither rissen die Hiobsbotschaften aus Fukushima nicht ab: Durch ein 20 cm langes Leck im Betonboden von Reaktor 2 gelangt verstrahltes Wasser ins Meer, zusätzlich wurden 11.500 Tonnen in der Anlage gesammeltes, "schwach" verstrahltes Wasser bewusst in den Ozean gepumpt. derStandard.at bat Max Bichler um ein Update:

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derStandard.at: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation in Fukushima? Können Sie aus der Distanz sagen, ob sich die Lage gebessert oder verschlechtert hat?

Max Bichler: Die Informationslage ist nach wie vor so dünn, dass man höchstens spekulieren kann. Laut Atombehörde (IAEO) wurde aber zumindest die elektrische Versorgung für die Kühlwasserpumpen in einem Ausmaß sichergestellt, sodass man sagen kann, die Lage dürfte wieder etwas stabiler sein.

derStandard.at: Durch den kürzlich im Betonboden entdeckten Riss gelangt verstrahltes Wasser ins Meer. Wie ernst ist die Gefahr für das Ökosystem?

Max Bichler: Wir haben auch hier keine Angaben, welche Radionuklide in welcher Menge darin vorkommen. Manche Elemente werden im Meerwasser ausgefällt, sinken zu Boden, werden einsedimentiert und das war es. Andere gelangen in die Nahrungskette und können Mensch und Umwelt umso vehementer treffen. Wenn man aber davon ausgeht, dass es sich um Kühlwasser handelt, das mit Kernbrennstoff in Kontakt gekommen ist, dann dürfte eine große Menge an Spaltprodukten abgeflossen sein, die sicher jenseits aller zulässigen oder als harmlos zu betrachtenden Werte liegen. Um das ohne Zweifel bewerten zu können, wäre eine Probe des Wassers notwendig.

derStandard.at: Die kolportierten Strahlenwerte, die den Medien zur Verfügung gestellt werden, helfen dabei nicht weiter?

Max Bichler: Ich habe vor kurzem gelesen, das Wasser hätte eine "Radioaktivität" von 1.000 Millisievert pro Stunde – das ist eine Dosisgröße, mit der allein man aber nichts anfangen kann. Man muss dazu noch wissen, unter welchen Voraussetzungen die Dosis diese Höhe aufweist. Es macht einen großen Unterschied, ob man dieses Wasser trinkt, darin badet, oder ob ein dünner Strahl in zwei Metern Entfernung vorbeifließt.

derStandard.at: Die Arbeiter in Fukushima versuchen derzeit verzweifelt, den Riss abzudichten. Was ist so schwierig daran?

Max Bichler: Ich bin kein Bauingenieur und kann nichts zum Verhalten von Beton in strömendem Wasser sagen. Die Strahlung des Wassers selbst hat aber nicht wesentlich mit den technischen Schwierigkeiten bei der Abdichtung des Risses zu tun.

derStandard.at: Da das Kühlwasser offensichtlich ins Meer abläuft, prüfen die Techniker in Fukushima, ob alternativ auch eine Temperatursenkung der Brennstäbe per Luftkühlung möglich ist. Für wie aussichtsreich halten Sie diese Option?

Max Bichler: Für diesen Fall müssten die Techniker auch wissen, wohin sie die Abluft leiten können, ohne wiederum flüchtige radioaktive Stoffe in die Atmosphäre zu pumpen. Ich kenne die Anlage nicht und weiß nicht, ob dort ein dermaßen geschlossener Kreislauf möglich ist. Aber die effektive Luftkühlung der Brennstäbe stelle ich mir schon rein wegen der Wärmekapazität der Luft sehr schwierig vor.

derStandard.at: Neben dem verstrahlten Wasser, das aus dem Leck abfließt, wurden zusätzlich 11.500 Tonnen "schwach radioaktiv verseuchtes" Wasser aus der Anlage bewusst ins Meer gepumpt. Vermögen Sie hier die Gefahr einzuschätzen?

Max Bichler: Dass hier lediglich von einem schwammigen Begriff wie "schwach" die Rede ist, grenzt wieder an eine Nullinformation. In der österreichischen Strahlenschutzverordnung ist bis ins Detail festgesetzt, welche Nuklide bis zu welchem Becquerel-Wert pro Kubikmeter Luft oder Wasser abgeleitet werden dürfen. Dahingegen sind Begriffe wie "schwach" in solchen Fällen Pseudo-Informationen und nicht seriös. Auch jeder Ziegel und jeder Granitstein in Österreich ist "schwach" radioaktiv, wenn man so will.

derStandard.at: Die IAEO hat letzte Woche empfohlen, die Sicherheitszone um Fukushima vom 20-km- auf einen 40-km-Radius auszuweiten, die japanische Regierung weigerte sich. Welche Grenzen halten Sie in der derzeitigen Situation für angebracht?

Max Bichler: Einige Strahlenwerte waren laut meinen letzten Informationen in der unmittelbaren Umgebung zum Teil relativ hoch. Ein kurzer Blick rechtfertigt aber vermutlich eine große Evakuierung (noch) nicht, da auch damit große Probleme und teilweise Schäden für die Bevölkerung verbunden sind. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 4.4.2011)

  • "Auch jeder Ziegel und jeder Granitstein in Österreich ist 'schwach' 
radioaktiv, wenn man so will", kritisiert Max Bichler die ungenauen Informationen aus Japan.
    foto: derstandard.at

    "Auch jeder Ziegel und jeder Granitstein in Österreich ist 'schwach' radioaktiv, wenn man so will", kritisiert Max Bichler die ungenauen Informationen aus Japan.

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    Das havarierte Kraftwerk Fukushima Eins ist offenbar nicht in Griff zu bekommen.

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