Katastrophale Auswirkung für Pazifik befürchtet

4. April 2011, 16:12
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Schwach radioaktives Wasser wird in den Ozean geleitet - Leck bei Reaktor 2 noch nicht geschlossen - Hülle zur Versiegelung von Reaktorgebäuden geplant - Jod- und Cäsiumwerte in Shiitake-Pilzen über gesetzlichem Grenzwert

Die japanische Regierung befürchtet katastrophale Auswirkungen für den Pazifik, wenn weiterhin radioaktiv verstrahlte Substanzen aus dem havarierten AKW Fukushima ins offene Meer strömen. "Wir müssen die Ausbreitung in den Ozean so bald wie möglich stoppen", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. AKW-Betreiber Tepco hat am Montag Millionen Liter schwach radioaktives Wasser ins Meer abgelassen, um Platz in den Reaktoren zu schaffen. Angesichts der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe sprachen sich in einer Umfrage zwei Drittel der Japaner für die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit aus.

"Wenn die gegenwärtige Lage mit der Anreicherung radioaktiver Substanzen über lange Zeit anhält, wird es riesige Auswirkungen auf den Ozean haben", sagte Edano. Tepco forderte er auf, schnell zu handeln. Diese ließ jedoch erst einmal zehn Millionen Liter schwach radioaktiv belastetes Wasser aus dem AKW ab. Es sei 100 Mal stärker verstrahlt als rechtlich zulässig, teilte das Unternehmen mit. Bei dem Wasser handelt es sich um Kühlwasser, das sich in den Reaktoren angesammelt hat. Es müsse abgelassen werden, um Platz für stärker belastetes Kühlwasser zu schaffen.

Leck in Reaktor 2 nicht geschlossen

Durch einen rund 20 Zentimeter langen Riss im Bereich des Reaktorgebäudes 2 war am Wochenende bereits radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik gelaufen. Nach Angaben von Tepco hatten Arbeiter am Samstag zunächst versucht, den Riss mit Beton zu verschließen. Da dieser Versuch scheiterte, setzten sie am Sonntag eine Mischung aus Kunstharz, Zeitungspapier und Sägespänen ein. Auch hier blieb ein Erfolg vorerst aus. Durch den Riss war das Wasser von den Kühlarbeiten am Reaktordruckbehälter, das sich im Untergeschoß des an den Reaktor angrenzenden Turbinengebäudes gesammelt hatte, in eine Betongrube gelangt und von dort aus in den Ozean geflossen.

Wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf informierte Kreise berichtete, wird auch erwogen, eine Hülle über die 45 Meter hohen Reaktorgebäude zu bauen und diese dann zu versiegeln.

Pilze verstrahlt

Inzwischen sind in der Unglücksprovinz Fukushima nun auch in Shiitake-Pilzen radioaktive Substanzen gefunden worden. Wie japanische Medien am Montag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium berichteten, wurde in Pilzen in der nordöstlichen Stadt Iwaki Jod-131 gefunden, dessen Konzentration um das 1,55-Fache über dem gesetzlichen Grenzwert liegt. Bei Cäsium war es das 1,78-Fache. Die Provinzregierung wies 23 Pilzbauern in der Stadt an, keine der Pilze mehr auszuliefern.

Auf verstrahlte Lebensmittel reagierte nun auch die deutsche Fischindustrie: Ware aus dem Pazifik soll künftig frühzeitig auf Radioaktivität untersucht werden. Neben den staatlichen Grenzeingangskontrollen würden die Unternehmen dazu Kontakte zu ihren Lieferanten im Pazifik nutzen, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Fischindustrie und des Fischhandels, Matthias Keller, am Montag in Hamburg.

Infosystem für Katastrophenfälle geplant

In Japan sollen in Zukunft die Menschen außer über Fernsehen und Radio auch über Navigationssysteme im Auto, Mobiltelefone und andere Geräte automatisch mit detaillierten Informationen versorgt werden. Das neue System solle im Herbst 2013 in Dienst genommen werden, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei" am Montag unter Berufung auf das Kommunikationsministerium.

Allem Anschein nach hätten sich nur wenige Prozent der Bewohner von Gebieten, die bei dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert worden waren, tatsächlich in Sicherheit gebracht. Möglicherweise bekamen viele Menschen zu wenig oder nichts von der Brisanz der Lage mit.

Die Regierung habe daher beschlossen, mehr Gebrauch von sämtlichen heutzutage zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln zu machen und darüber schnell Informationen bereitzustellen. So ist ein neuer digitaler Funkservice geplant, der es ermöglicht, Textnachrichten und Fotos sowie gesprochene Nachrichten zu senden. Für den neuen Dienst werde möglicherweise ein Unternehmen gegründet, bestehend aus 15 Firmen und Organisationen, hieß es weiter. 

IAEO wünscht sich mehr Einfluss

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), Yukiya Amano, wünscht sich mehr Einfluss für seine Organisation bei Sicherheitsfragen. "Es gibt Wege, nukleare Katastrophen künftig zu verhindern", sagte er anlässlich der fünften Überprüfungskonferenz des Übereinkommens zu nuklearer Sicherheit am Montag in Wien.

Ob die IAEA künftig so etwas wie ein "nuklearer Wachhund" werden sollte, so weit wollte Amano dann noch nicht gehen. "Dazu ist es zu früh", meinte er. Derzeit ist es auch noch nicht absehbar, ob die nach Tschernobyl beschlossene Konvention Sanktionen beinhalten sollte. Amano will aber auf jeden Fall den Überprüfungsprozess verstärken. (APA)

  • Arbeiter im zerstörten Atomkraftwerk Fukushima haben am Montag weiter gegen ein radioaktives Leck gekämpft. Der 20 Zentimeter lange Spalt klafft in einem Kabelschacht des Turbinengebäudes von Reaktor 2.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Arbeiter im AKW Fukushima eins versprühen Kunstharz, um die radioaktive Belastung einzudämmen.

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