Kartoffelpüree für die Geborgenheit

13. Mai 2005, 11:52
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"Etwas Schönes, Praktisches und Solides" planten die Gründer des "Hotel Waldhaus" im Schweizer Engadin in Sils-Maria. Thomas Mann und Theodor W. Adorno haben hier logiert. Impressionen aus einem einzigartigen Haus von Claus Philipp

Ein krankes Kind, dem ein haubengekrönter Koch allabendlich nichts anderes als Kartoffelpüree auftischt - und was für eins. Ein junges Mädchen, das soeben Shining von Stephen King gelesen hat, und all die Gänge, die Salons, die Bibliothek, und vor allem die Bar so aufregend findet, dass es in ein kleines Schulheft einen höchst amüsanten Horrorkrimi niederschreibt. Die riesige Uhr über der Rezeption. Andere Uhren, von denen man meinen könnte, sie wären stehen geblieben, aber vielleicht verstreicht die Zeit nur ein wenig langsamer in der Lobby, wo das Hotelorchester soeben zum nächsten Walzer ansetzt.

Erinnerungen an eine Sommerwoche im Waldhaus. Der Hoteldirektor, der einen verheißungsvoll begrüßt: "Wir dachten, sie möchten vielleicht die Zimmer von Thomas Mann wählen." In der Tat, das möchten wir! Der Minigolfplatz hinten, eigentlich ein Waldparcours, auf dessen verzogenen Holzbahnen jeder Schlag zur Lotterie wird. Die Frage beim Abendessen, warum heute - bitte, wieder Kartoffelpüree für den jungen Herrn - so viele ältere Herren hier alleine dinieren und so viele Damen zu zweit. Ein Amerikaner, schräg gegenüber, er studiert schon den vierten Tag hintereinander zwischen den Gängen des Menüs bibliophile Editionen aus der Bibliothek. Und als man sich selbst wieder einmal in dieselbe begeben, die Frage: In welchem Hotel sonst könnte man heute Alexander Kluges Chronik der Gefühle (mit Widmung!) entleihen?

"Grand Hotels liefern ein Stück institutionelle Beruhigung", schreibt Kluge - nicht in der Chronik, sondern in einem herrlichen Bildband über Das Waldhaus, in dem Luc Bondy, offenbar auch Stammgast, schwärmerisch notiert: "Diese herrliche Umgebung hier verdient Vornehmheit, äußerste Vornehmheit." Kluge weiter: "Es ist ein Kinderglaube nötig, um einschlafen zu können: Es sei kein Feind in der Nähe, ich sei unbedroht, und ich werde immer erneut aufwachen, so wie ich mich niederlegte. Dies ist die Botschaft der Schlafwagen, der Grand Hotels, der nächtlichen Bereitschaftsdienste, der Morgenröte und der auf dem Planeten verborgenen Zeitreserve."

Zeit also

Zeit etwa, die Hermann Hesse, Theodor W. Adorno oder eben Thomas Mann hier verbracht haben. Wartezeit in der Lobby, eine Stunde vor dem nächsten Dinner, in der man tagträumerisch unterscheidet: zwischen Menschen, die hier als Zaungäste das Waldhaus kurz auf sich einwirken lassen, solchen, die sich bei einem ersten Aufenthalt noch orientieren, und Gästen, die hier schon immer gelebt zu haben scheinen. Von welchen Hotels kann man sagen, man sei in ihnen nicht nur "gewesen", sondern habe in ihnen "gewohnt"? In den Zimmern von Thomas Mann zeugen, wie überall im Hotel, die alten Möbel davon, dass dieses Wohnen auch Abnutzung bedeutet. Notwendiges wird ausgebessert, aber dies - froher Kinderruf: "Wie bei Oma!" - ist ein Wohnbereich, kein unheimeliger Luxus einer Suite. Als der Waldhaus-Gründer Josef Giger 1908 die durchaus wagemutige Idee hatte, oberhalb von Sils-Maria, wenige Kilometer hinter St.Moritz, eine kleine Burg zu errichten, da wollte er dem Vernehmen nach "etwas Schönes, Praktisches und Solides".

Zeit zum Lesen, zum Schreiben, zu ausgedehnten Wanderungen. Rund um den Silsersee und nachher zu Nietzsches Haus in Sils. "Wenn der zum Weibe ging. . .", erzählt später unser Sohn in der Lobby. Und weiter wandern: auf die Almböden des Fextales. Da das "Basislager" in etwa 1800 Metern Höhe gelegen ist, erreicht man schnell die Plateaus der umliegenden Bergketten, allein oder mit der Bergführerin, die jeden Tag nach dem Dinner mit neuen Routenvorschlägen zur Verfügung steht. Einmal bei einem solchen Marsch: die ersten Edelweiße, eine ganze Grasmatte voll, unter einer Felsnische. Und leider diesmal: kein Steinbock.

Später dann

Das dampfende Schuhwerk raus auf die Veranda, ein paar Längen im Hallenbad, dann wieder Minigolf-Lotterie. Fröhliches Raten, wo der Ball diesmal hinrollen könnte, aus dem Garten Orchesterklänge. Nicht vergessen, dass am Abend das Welte-Mignon-Piano vorgeführt wird. Dieses automatische Klavier, wie alles im Waldhaus in liebevoller Kleinarbeit renoviert und in Schuss gehalten, spielt mit Hilfe von raffinierten papierenen Lochstreifen Musikkompositionen exakt so, wie sie von teils prominenten Pianisten am Beginn interpretiert wurden.

Alexander Kluge: "Frequentierte Musikstücke, sie blieben deshalb erhalten, weil sie vergessen und deshalb nicht durch etwas Neues ersetzt wurden. Von der Aufmerksamkeit des Tages verlassen, in einem Schränkchen, daneben ein Sofa, eine Stehlampe, überwinterten sie am festen Ort und spiegeln eine Momentaufnahme dessen, was gebildete und besitzende Menschen zu Anfang des Jahrhunderts als eine Vielfalt bezeichnet hätten. Wäre der Fund ein Monument, so wiese er auf die Macht der Musik hin."

Vielfalt

Vor dem Gang in den Speisesaal noch ein Abstecher in die Großküche. Schwere alte kupferne Töpfe, bei denen es einer eigenen Kunstfertigkeit bedarf, sie aus den Regalen zu heben. Wie ist das erst, wenn sie voll sind? "Was gibt es heute zur Nachspeise?", fragt ein Kind. "Sonnenblumenkerne-Halbgefrorenes auf Himbeersauce". Und ja, der junge Herr will als Hauptspeise wieder Kartoffelpüree.

Was nimmt man aus so einem Refugium wie dem Waldhaus mit, einem Ort, der einem automatisch wieder einfällt, als einem ein Freund erzählt, er bedürfe ganz dringlich eines Platzes, an dem er in Ruhe trauern könne? "Vielleicht sind wir Schweizer ein bisschen zu solide", sagt einer der Hoteldirektoren. Aber in der Solidität des Waldhauses ist so etwas wie eine Subversion durch Raum für Erinnerung.

Kluge: "Wildnis heißt der Gegenpol solcher Orte. Es sind entweder Orte, die ein Mensch nie berührt hat, oder die vergessen wurden und wieder zur Wildnis verwuchsen. Das können auch Zimmer oder Ecken sein in einem hochfrequentierten Gebäude. In Wildnissen steht die Zeit still. Im Waldhaus liegen solche ,Flecken ohne Erinnerung' in unmittelbarer Nähe hochkonzentrierter, erinnerungsträchtiger Orte." Im Hotel in Shining wird eine derartige "Konzentration" unheimlich. Im Waldhaus führt sie zu Geborgenheit. (Der Standard/rondo/16/5/2003)

Info

Hotel Waldhaus, CH-7514 Sils-Maria, Tel. 0041/81/838 51 00, www.waldhaus-sils.ch

Beginn der Sommersaison: 12. Juni

Das Buch "Das Waldhaus" mit Texten von Luc Bondy, Irene Dische, Alexander Kluge, Donna Leon u.a. ist ebenfalls dort erhältlich; ISBN 3-87448-192-1

  • Das Waldhaus im nächtlichen Blau
    www.waldhaus-sils.ch

    Das Waldhaus im nächtlichen Blau

  • Die Zeit scheint still zu stehen

    Die Zeit scheint still zu stehen

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