Karaoke ist der neue Punk, Diebstahl zahlt sich aus

15. Mai 2003, 18:07
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Die A.R.E. Weapons aus New York nehmen alte Platten von Robert Palmer, singen falsch dazu und deklarieren das Ganze als eigenes Werk

"There's no business like show business. And money makes the world go round. Fuck you, pay me, give me my money!" Wenn man glaubt, es geht nicht mehr tiefer, was daher rührt, dass Dieter Bohlen mittlerweile jeden Tag im Fernsehen auftaucht, dann kommt mit Sicherheit ein weiterer größter anzunehmender Ernstfall für die Nerven.

Ähnlich wie Modern Talking legen es nämlich auch diese drei Amphetamin-Fresser aus New "Fucking" York an. A.R.E. Weapons singen zwar nicht, als ob man ihnen mit einem Wäscheklupperl zwischen den Beinen in den hohen Tonlagen Hilfe zukommen lassen würde. Dafür aber bauen auch sie ihre Musik aus all jenen schäbigen Versatzstücken zusammen, die so über die Jahre beim Kaufen von Platten zusammengekommen sind, die niemand im Second-Hand-Laden haben will.

Wo Modern Talking mit ähnlich antiintellektuellen Texten allerdings mehr in Richtung Häusl-Disco und Fitnessstudio-Bärli tendieren, versuchen sich Matthew McAuley, Brian F. McPeck und Paul Sevigny (Bruder von Schauspielerin Chloe Sevigny) heftig am Image des wilden, selbstzerstörerischen Mannes mit nackter Brust unter der zerschlissenen Lederjacke abzuarbeiten. A.R.E. Weapons agieren also eher mit Schnürstiefeln als mit College-Patscherln.

Das klingt dann so, als ob sich drei 14-Jährige daheim im Kinderzimmer einsperren, mit wasserfestem Filzstift falsche Dreitagesbärte und geile Drachen-, Feuer- und Schwert- und Muschi-Tattoos aufmalen, die Karaokemaschine anwerfen und zu Robert Palmers Addicted To Love die Luftgitarre würgen. Drei Tonlagen über dem Original wird hier der Text einen halben Takt versetzt nachgequengelt.

Das haben zwar schon die New Yorker Altspatzen Sonic Youth 1988 unter dem Pseudonym Ciccone Youth auf dem Album The Whitey Album mindestens genauso schlecht gemacht. Aber A.R.E. Weapons sind wenigstens noch unverfrorener und deklarieren das Lied von Robert Palmer zehn Mal als Eigenkomposition. Merkt niemand, falsch gesungen, falsch gespielt, Text nicht gemerkt. Wie bekanntlich das alte Nomadensprichwort sagt: Überfall ist unsere Landwirtschaft.


Im schick abgefuckten East Village von New "Fucking" York wird dann laut Eigenaussage dieser begnadeten Poser unter dem Einfluss alter Platten der eigentlich an diesem Kunstraub Leid tragenden Paten des Synthie-Punk, Alan Vega und Martin Rev alias Suicide, gleich einmal eine Rockrevolution ausgerufen. Vor einer Publikumsmischung aus Models, Junkies, Studenten, Hell's Angels und Schauspielerinnen quäken A.R.E Weapons zu billigen Computer-Beats, schlecht edierten Rockgitarren-Samples und einer Härte, die an die Weicheier der alten Comics-Futuristen Sigue Sigue Sputnik erinnert, neben den oben zitierten Plattheiten und einigen Lou Reed-Zitaten aus Walk On The Wild Side Schimpfwörter und Klosprüche, die man nur mehr im derzeit eher darniederliegenden Gangsta-Rap vermutete.

Und wissen Sie was: Diese bodenlose Frechheit, die A.R.E. Weapons hier mit ihrem namenlosen Debüt abliefern, klingt gar nicht so schlecht! Immerhin macht selbst ein Dieter Bohlen zeitweise Spaß. Auch wenn er sich öfter die Fingernägel putzen dürfte als diese Herrschaften hier. Oder gibt es statt Fingernagellack auch Fingernageldreck zu kaufen? Electro-Punk wie er sein sollte: Grauslich und in jeder Hinsicht billig.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2003)

Von
Christian Schachinger
  • A.R.E. Weapons (Rough Trade/Zomba)
    foto: rough trade

    A.R.E. Weapons
    (Rough Trade/Zomba)

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