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24.06.2005 12:35

Ubi bene, ibi Jeruzalem. Kurz: Sipon.
Die Untersteiermark beginnt dort, wo die Südsteiermark aufhört. Für die Slowenen ist es Stajerska, das Steirische. Und damit es geografisch noch verwirrender wird: Eine Wallfahrt nach Jerusalem, slowenisch mit "z" geschrieben, was ein gesprochenes weiches "s" bedeutet, findet hier ihr lohnendes Ziel - 1 Foto

Dass es kein Sakrileg ist, diesen Flecken in einem Atemzug mit dem Jerusalem zu nennen, zeigt die überlieferte - wenngleich historisch nicht abgesicherte - Geschichte der Namensgebung. Demnach sollen Malteser Ritter, die den Kreuzzug nach Jerusalem aus Geldmangel nicht auf dem Seeweg, sondern zu Lande unternahmen, von diesem Flecken mit seinen Weinbergen so angetan gewesen sein, dass sie kurzerhand beschlossen, sie seien schon am Ziel. Ubi bene, ibi Jerusalem, sozusagen: Wo es uns gut geht, da liegt unser Jerusalem. Was aus Kreuzzügen jeglicher Art geworden wäre, hätten alle heiligen Krieger so gedacht, lässt sich ausmalen.

Eine andere Version besagt, Angehörige des Deutschen Ritterordens hätten im 13. Jahrhundert die Kopie eines Bildes der traurigen Muttergottes von Jerusalem in eine Kirche des Hügellandes gebracht. Das Bild hängt jedenfalls in der sehenswerten kleinen Kirche von Jeruzalem.

Wir haben die Kirche besucht, wenn auch nicht als Vorwand für unsere Pilgerfahrt genommen. Die Einzigartigkeit des Ortes ergibt sich erst aus der Verbindung des Namens mit einer wundervollen Kulturlandschaft und dessen, was sie hervorbringt. Der Wein von diesen sanften Rebhängen im östlichsten Zipfel von Slowenien, südlich der durch die Mur geteilten Städte Bad Radkersburg/Gornja Radgona, ist auch manchem Österreicher noch ein Begriff. Wie dem Autor dieser Zeilen, der sich erinnert, dass in seiner Kindheit im obersteirischen Gasthof seines Onkels zwei offene Weiße ausgeschenkt wurden: der Jerusalemer und der Luttenberger. Dieser milder, jener rescher.

Wobei resch relativ ist: Generell unterscheiden sich die Weine des Anbaugebietes Podravje, das etwa von Luttenberg, dem heutigen Ljutomer, im Norden bis Ormoz (früher Friedau) an der Drau im Süden reicht, von ihren Artgenossen jenseits der österreichischen Grenze durch eine mildere Säure, eine "südlichere" Note. Wie auch die Landschaft sanfter und weitläufiger ist als die südsteirische und eine Ahnung des Meeres mitschwingen lässt. Anders als in der Südsteiermark sind die Weingärten hier terrassenförmig und nicht parallel zur Hangneigung angelegt.

Die Sorten freilich sind fast durchwegs die gleichen wie in der Steiermark. Welschriesling (Laski Rizling), Rheinriesling (Renski Rizling), Sauvignon, Chardonnay, Pinot Gris, Gelber Muskateller, Kerner. Und durchaus vergleichbar der Entwicklung in Österreich hat sich eine Qualitätsproduktion durchgesetzt, die im internationalen Vergleich besteht. Die Vinothek neben der Kirche von Jeruzalem bietet einen schönen Überblick über das vielfältige Angebot.

Den typischen Jerusalemer, eine Cuvée, gibt es Gott sei Dank auch noch. Zu verkosten (und auch im offenen Gebinde zu erwerben) beispielsweise im Gostisce "Vinski Hram" von Vincenc Brenholc gleich auf dem Nachbarhügel. Diesfalls handelt es sich um eine Mischung von Welschriesling und Sipon.

Hier kommt eine weitere Legende ins Spiel. Der Sipon von Stajerska wird aus der selten gewordenen Furmint-Traube gekeltert. Als Napoleon vor rund 200 Jahren in Pettau (heute Ptuj) einzog, so geht die Mär, ließen ihn Bauern ihren Wein, den Furmint, kosten. Nach einem Schluck meinte der Feldherr gnädig: "C'est bon." Damit war der "slowenische" Sipon geboren.

Einige Flaschen davon haben wir uns nach Hause mitgenommen. "Wie viele ungefähr?", fragte der österreichische Zöllner in Sicheldorf. Wir gaben eine ungefähre Antwort, und der gute Mann war zufrieden. In elfeinhalb Monaten wird er ohnehin nicht mehr fragen. Sipon. (Der Standard, Printausgabe 15.05.2003)


Von Josef Kirchengast

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