E-Mail als Kronzeuge der Anklage

14. Mai 2003, 17:55
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Als die zehn größten Wall-Street-Banken 1,4 Milliarden Dollar Buße zahlen mussten, spielte E-Mail eine entscheidende Rolle

Wien - E-Mail, erzählt Microsoft-Gründer Bill Gates gerne in Vorträgen, ist in den letzten Jahren eine der wichtigsten Anwendungen für Unternehmen geworden. Das Volumen an E-Mail übersteigt längst jeden konventionellen Briefverkehr, und E-Mail macht auch dem Telefon als unentbehrliches Kommunikationsmittel Konkurrenz.

Zweischneidiges Schwert

Aber E-Mails sind für Unternehmen längst zum zweischneidigen Schwert geworden. So sehr sie die interne Kommunikation beschleunigen können, so schnell können damit auch Interna in die falschen Hände geraten. Und zunehmend finden sich E- Mails vor Gericht als inkriminierende Beweisstücke wieder, wie auch Bill Gates schmerzlich erfahren musste.

Im Kartellverfahren gegen Microsoft standen E-Mails wiederholt im Mittelpunkt, etwa jene von Gates, in der er den Chef von Inuit (eine Finanzsoftware) dazu bewegen wollte, "gegen einen Gefallen", der mit einer Millionen Dollar beziffert wurde, den Microsoft-Konkurrenten Netscape nicht mehr als Browser zu verwenden. Auch Netscape war nicht zimperlich und nannte Gates in internen Mails gern "Hitler".

Spektakuläre Rolle

Jetzt spielte E-Mail wieder eine spektakuläre Rolle, als Anfang Mai zehn der größten Investment-Häuser der Wall Street einer Buße von 1,4 Milliarden Dollar zustimmte, weil sie ihren Anlegern wider besseres Wissen und während die Kurse bereits purzelten, zu riskanten Internetaktien geraten hatten, um große Klienten dadurch zu begünstigen.

Klein beigeben mussten die Investmentbanken letztlich aufgrund der Last Tausender E-Mails, mit denen ihre Sünden über einen langen Zeitraum detailliert dokumentiert werden konnten. Was E-Mails für Ermittler besonders reizvoll macht, ist der zwanglose Charakter vor allem interner Mails, der mehr einem privaten Gespräch als einer geschäftlichen Korrespondenz entspricht und sehr enthüllend sein kann.

"Piece of Shit"

In einem längeren E-Mail- Exchange ging es unter anderem um die Aktien von 24/7 Media, die von Henry Blodget, dem Merrill-Lynch-Star der Internetanalysten, mit einer hohen Kaufbewertung empfohlen wurde. Als eine Mitarbeiterin Blodget auf Probleme der Firma aufmerksam machte, konstatierte Blodget, dass 24/7 Media ein "pos" sei - ein "piece of shit" (Stück Scheiße), wie er selbst hilfreich in einer weiteren E-Mail erläuterte. Eine Bewertungsänderung nahm er aber nicht vor.

Kaum zu löschen

Dabei sind E-Mails selbst eine Art "pos": Kaum mehr loszukriegen, wenn man einmal hineingestiegen ist. Anders als Papier, das vernichtet werden kann, sind E-Mails aus IT-Systemen kaum zu löschen. "Die größte Fundgrube sind persönliche E-Mail-Speicher, die aktuelle Mailbox und Archive", sagt der IT-Managementcoach Michael Vesely, früher Chef eines heimischen Internetproviders und Präsident des Future Network. Aber selbst wenn sie dort gelöscht werden, sind sie praktisch immer in zahlreichen Kopien vorhanden, sagt Vesely: bei einem oder mehreren Empfängern, in den Systemen, die die Mail befördern, und den Backups dieser Systeme noch über viele Monate und oft Jahre. "Auch ein PC- Wechsel nützt nichts, denn kaum jemand beginnt gleichzeitig ein neues Leben mit einem leeren E-Mail-Archiv", und Firmen achten meist penibel auf Datensicherung.

Beweismittel

Auch wenn E-Mails für Kundige relativ leicht zu manipulieren oder überhaupt zu fälschen sind, macht sie das als mögliches Beweismittel auch hierzulande nicht weniger brisant. "E-Mails sind als Beweismittel in Verfahren grundsätzlich geeignet, es gilt das Prinzip der freien Beweiswürdigung durch den Richter", sagt der Wiener IT- Rechtsexperte Klaus Richter. Richter wissen um Manipulationsmöglichkeiten und können dementsprechend Kontext und Umstände beurteilen. Im Übrigen aber wird die Fälschung in einem Verfahren selbst zum Risiko für den Fälscher, da sie strafbar ist. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe 15.5.2003)

  • E-Mails finden sich vor Gericht zunehmend als inkriminierende Beweisstücke wieder.
    foto: derstandard/cremer

    E-Mails finden sich vor Gericht zunehmend als inkriminierende Beweisstücke wieder.

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