Provokationen eines Kuschelmonsters

14. Mai 2003, 17:36
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Statt Satan lockt jetzt die Hochkultur: Marilyn Manson steckt mit dem neuen Album "The Golden Age of Grotesque" in der Bredouille

US-Schockrocker Marilyn Manson steckt mit seinem neuen Album "The Golden Age of Grotesque" und wegen seines besonnenen Auftritts in Michael Moores Dokumentation "Bowling for Columbine" in der Bredouille. Statt Satan lockt jetzt die Hochkultur.


Wien - Bowling For Columbine, Michael Moores Oscar-gekrönte Dokumentation über die heuchlerische Beziehung der US-Amerikaner zu ihren Waffen, zeitigte eine möglicherweise unbeabsichtigte Konsequenz. Brian Warner alias Marilyn Manson, der neben brutalen Videospielen und Gewaltfilmen als unterstellter musikalischer "Anstifter" des Amoklaufes an der Columbine High School von Littleton, Colorado, spätestens seit diesem von zwei Fans seiner Musik verübten Massaker aus 1999 als Amerikas liebster Sündenbock für die Verkommenheit der Jugend herhalten muss, wird in diesem Film als der einzig Normale gezeigt.

Der geschminkte Freak wirkt hier reflektierter und sensibler als der kleine Durchschnitts-Maxi mit der Pumpgun beim regelmäßigen Shoot-out im Wald am Wochenende. Auf die Frage, was er denn den Killern von Columbine sagen würde, antwortet Manson im Film: "Nichts. Ich würde erst einmal zuhören, was sie zu sagen haben. Das ist genau das, was vor der Tat niemand gemacht hat."

Der selbst ernannte "God of Fuck", der "Antichrist Superstar" stellte immerhin schon im Jahr 2000 auf seiner Homepage die dunklen Seiten des "American Way of Life" auch außerhalb seiner brachialen Kunst mit einem schlichten Statement infrage: "Is adult entertainment killing our children? Or is killing our children entertaining adults?"

Wie Kitty Empire, die große alte Dame des britischen Musikjournalismus, anlässlich des Erscheinens des Albums The Golden Age of Grotesque jetzt richtig anmerkt: "Brian Warner war immer schon ein intelligenter und sarkastischer Provokateur, eine Kunstfigur, die sehr genau weiß, welche Knöpfe sie drücken muss. Abgesehen von zufälligen Nebenprodukten wie seinem offensichtlichen Frauenhass: Manson hat immer nur jene Leute aus der Fassung gebracht, die das auch verdienen. Seine Musik mag den Geschmacksnerv des breiten Publikums beleidigen, aber er traf bezüglich der Widersprüche in der amerikanischen Gesellschaft immer den Punkt."

Fürst der Finsternis

Möglicherweise hat Michael Moore also Marilyn Manson mit seinem Auftritt in Bowling For Columbine einen schlechten Dienst erwiesen. Die Zielgruppe wird es bei ihrer beständigen Suche nach Idolen, mit denen man die Eltern erschrecken kann, nicht goutieren, wenn hier ein Fürst der Finsternis öffentlich deprogrammiert und Richtung handzahmes Kuschelmonster interpretiert wird.

Spätestens mit The Golden Age of Grotesque, seinem sechsten Studioalbum, bewegt sich der 32-jährige nach einem Jahrzehnt der beständigen Befeuerung einer nach Skandalen gierenden Öffentlichkeit auch selbst auf gefährlichem Terrain.

Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass gerade die Kunst des Skandals bei Manson selbst immer höher im Kurs stand als die Musik. Nicht nur, dass die anstehende Welttournee nicht mehr mit Sadomaso-Bedarf aus dem Sexshop und Nazikrempel vom Flohmarkt ausgestattet werden wird. Weit gefehlt. Die auch schon etwas alt gewordene postmoderne französische Modeinstitution Jean-Paul Gaultier, die sich in ihrer aktuellen Kollektion nachweislich auf den Marilyn-Manson-Look bezieht, soll jetzt Hand an die Bühnenkorsette legen und das Ganze in Richtung schäbige Hochkultur-Perversität trimmen.

Bei einer jugendlichen Zielgruppe, die selbst alle Farben trägt, solange sie nur schwarz sind, dürfte dieses plötzliche Streben, relevante und gehaltvolle Kunst zu schaffen, auch dank aktueller Ausstellungen von eigenen, an die Kunst der Weimarer Zeit angelehnten Aquarellen des Meisters in Los Angeles und Berlin zumindest zarte Verunsicherung auslösen.

Zwar hat sich am lärmigen Walzblech-Industrial-Metal im Stile seines ehemaligen Mentors Trent Reznor (Nine Inch Nails) grundsätzlich wenig geändert. Die vor allem im Titeltrack unternommene Anrufung Kurt Weills, der Kunst der Weimarer Republik, des dekadenten Berlins der späten 20er- und frühen 30er-Jahre, schließlich Verweise auf Vaudeville, Dada, den Stil der Burleske, auf untergangene Zirkuswelten des 19. Jahrhunderts (inklusive Humpta-Humpta-Blasmusik) entsprechen allerdings nicht exakt den Vorstellungen seiner pubertären und vom Leben der Erwachsenen "entfremdeten" Anhängerschaft. Die will bei Manson-Konzerten die Hand zum Teufelszeichen recken und zwei Stunden "dem System" mit dem Gesäß übers Gesicht fahren.

Sogar Melodien und weiblicher Chorgesang ("Be obscene! Be, be obscene!") haben sich jetzt bei Marilyn Manson eingeschlichen. Das zeigt die aktuelle Single mOBSCENE. Vor allem aber: Neben einer Neudeutung des Filmklassikers Cabaret und seiner Ausstattung Richtung Hardcore-Porno-Ästhetik scheint Manson nach dem relativen Flop seines um Drogen kreisenden Albums Mechanical Animals aus 1998 wieder einmal David Bowie und den Glam-Rock von dessen Ziggy-Stardust-Phase herbeizusehnen. Motto des aktuellen Titels Doll-Dagga Buzz-Buzz Ziggety-Zag: "Swing Heil!" Blöd nur, dass Mansons Stammkundschaft lieber in die Unterwelt als in den Weltraum reist.

Von Bowies Berliner Phase, in der dieser mit die besten Alben seiner Karriere produzierte (Heroes, Low, Lodger), ist Brian Warner trotz der Mitarbeit und Koproduktion von Tim Skold, einem ehemaligen Mitglied der alten deutschen Industrial-Onkels KMFDM, so weit entfernt wie ehedem.

Rock mit Mittelfinger

Dank seiner neuen Rolle als provozierender, jetzt aber auch reflektierender Kommentator der westlichen Kultur muss er die Rolle als "Public Enemy" ohnehin zu weiten Teilen Eminem überlassen. Mit Texten wie dem Refrain aus Vodevil scheint Marilyn Manson allerdings gerade noch einmal die Kurve zu kratzen: "This isn't music, and we're not a band. We're five middle fingers on a motherfucking hand." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2003)

Von
Christian Schachinger

Links

marilynmanson.com

www.wiesen.at
(Am 20. Juni Livekonzert in Wiesen)
  • Schockrocker und  Assistenzfigur
    foto: interscope

    Schockrocker und Assistenzfigur

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