Reportage: Herr K. stellt einen Denkzettel aus

13. Mai 2003, 20:18
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Zehntausende Demonstranten aus allen Bundesländern im Anmarsch auf Wien: Die Kundgebung auf dem Heldenplatz wurde zu der Demonstration gewerkschaftlicher Stärke - manchem der Teilnehmer ging es darüber hinaus um sehr persönliche Anliegen

Früher waren andere Zeiten, daran kann nicht gerüttelt werden. Da sahen auch die Demonstranten ein bisserl anders aus, die gegen die Regierung auf die Straße gingen, damals in den heißen 60er Jahren. Jung, Studenten meistens, "Berufsdemonstranten" schimpfte man sie praktisch, und ihre "Ho-Ho-Ho Chi Min"- Rufe klangen ein bisschen beängstigend. Befremdend für ältere Menschen, irgendwie.

Am Dienstag hat Herr Max K., 75 Jahre, pensionierter Magistratsdirektor, SP-Mitglied seit Jahrzehnten, in einer kleiner steirischen Bezirksstadt, gemeinsam mit seiner Gattin und 40 anderen Mitbürgern den Bus nach Wien bestiegen. Um dem Herrn Schüssel bei der Kundgebung am Heldenplatz einmal zu zeigen, dass es so nicht geht. Obwohl, im Fall von Herrn und Frau K. eigentlich schon zum zweiten Mal. Denn bei der Angelobung der ersten schwarz-blauen Regierung hat es Herr K. dem Kanzler auch gezeigt, und, wenn man's genau bedenkt, letztendlich Recht behalten.

Als Berufsdemonstrant lässt sich Herr K. deswegen noch lange nicht bezeichnen. Es ist nur so, dass er nicht einverstanden ist mit der Pensionsreform. Und nicht einsieht, warum die Jungen um ihre Zukunft und die Alten um die Versorgung zittern sollen, für die sie ein Leben lang eingezahlt haben. Damit will er sich nicht einfach abfinden, sagt Herr K. Auch nicht damit, wie "der Schüssel und seine Konsorten" mit der Macht umgehen: "Überall drücken's die Schwarzen rein und die Roten raus, seit sie an der Regierung sind." Das habe es früher nie gegeben. Und wenn doch ein bisschen, dann "haben wir's wenigstens versteckt gemacht", sagt Herr K. Also gehört der Regierung ein "Denkzettel" verpasst, und wenn die Gewerkschaft wieder rufen sollte, wird Herr K. wieder nach Wien fahren, um es der Regierung zu zeigen: "Aber selbstverständlich." Ob's was nützen wird? Oh ja, glaubt Herr K., Frau K. dagegen: "Wenn man sich die Regierung anschaut, nicht viel."

Kampfesfrohe Steirer

Die Steirer im ganzen geben sich jedenfalls kampfesfroh. "Weit mehr als erwartet", frohlockt der steirische ÖGB-Chef Horst Schachner zu Mittag, sind auf dem Weg nach Wien: 150 Autobusse und zwei Sonderzüge starten nach Osten. Einer führt die Demonstranten über die Aspang-Strecke, der andere über den Semmering. Sie kommen aus allen Gewerkschaften: Bau-Holz, Chemie, Handel. Die Eisenbahner sind dabei, die traditionsreichen steirischen Metaller natürlich auch. "Es ist nur der nächste Schritt", sagt Schachner im STANDARD-Gespräch. Am 16. und 17. Mai werden im ÖGB-Bundesvorstand weitere "Maßnahmen besprochen". Man rechnet ganz offensichtlich nicht mehr mit einem Einlenken der Regierung.

Etwa 2000 Demonstranten reisten mit 28 Bussen und per Sonderzug aus Kärnten an. Den Großteil davon mobilisierte der Kärntner ÖGB, der landesweit etwa 84.000 Mitglieder zählt. Mit dabei sind sämtliche Fachgewerkschaften, vom Öffentlichen Dienst, Gemeindebedienstete, Privatangestellte, Arbeiter, sowie sämtliche Fraktionen. Die Demonstranten kommen aus den unterschiedlichsten Betiebssparten. Dabei haben etliche Gewerkschafter über ihre Betriebe selbst Busse organisiert, so etwa die Frantschacher Papierfabrik, die Kelag oder das Landeskrankenhaus Klagenfurt. Auch aus den TCW (Treibacher Chemische Werke) sind einige Gewerkschafter trotz des vorwöchigen Verbots von Vorstandschef Reinhard Iro Betriebsversammlungen durchzuführen, mitgekommen.

Satte Kärntner

"Die Leute nehmen sich frei oder Zeitausgleich. Da hat es eigentlich seitens der Unternehmen keine Probleme gegeben", sagt der Kärntner ÖGB- Landesekretär Dieter Samitz. Auch bei den christliche Gewerkschaftern kocht der Zorn. "Die Leute sind irrsinnig satt", so FCG-Sekretär Oskar Gattermann. Auf die ÖVP kann und will man keine Rücksicht mehr nehmen.

Der Beschluss, an der Kundgebung teilzunehmen, fiel einstimmig: " Es geht um die Arbeitnehmer und nicht um eine Partei, der wir nahe stehen. Die Pensionsreform muss verschoben und die Sozialpartner einbezogen wer 4. Spalte den". Auch die Kärntner SPÖ- Spitze war bis auf SP-Chef Pater Ambrozy und Soziallandesrätin Gabriele Schaunig- Kandut nahezu vollzählig dabei. Ambrozy und Schaunig- Kandut waren "wegen dringlicher Sitzungen verhindert". Schaunig-Kandut hatte dennoch eine Botschaft an den Kanzler:

Sie will gegen die Pensionsreform klagen, sollte diese in dieser Form beibehalten werden. Grundlage für den Rechtsweg bilde der Amsterdamer Vertrag, der Österreich als EU-Mitgliedstaat dazu verpflichte, geschlechtsspezifische Benachteiligungen abzubauen und neue zu verhindern. Dies sei nicht der Fall, die Pensionsreform benachteilige Frauen massiv, argumentiert Schaunig-Kandut."Alle, die keine Verpflichtungen haben fahren, nach Wien, vom Gemeindefunktionär bis zum Landesrat".

Von Salzburg aus reisten rund 3.000 Menschen an. Knapp ein Drittel davon bekleidet gewerkschaftliche Funktionen. Nach Schätzungen der Gewerkschafter stellt der Öffentliche Dienst mit rund 900 Teilnehmern die größte Gruppe. Der GPA sind etwa 500 Teilnehmer zuzurechnen.

Während sich also aus dem ganzen Land die Menschen in Bewegung setzten, suchte die FPÖ ihren Anteil am Kampf gegen die Pensionsreform von jenem des ÖGB zu trennen.

Der stellvertretende FPÖ- Chef Max Walch attackierte die Gewerkschaften, weil sie trotz des geplanten Runden Tisches weiter an ihren Protesten gegen die Pensionsreform festhielten: "Nun wird hoffentlich allen klar, worauf es des angeblichen Vertretern der arbeitenden Bevölkerung tatsächlich ankommt: nämlich aus Eifersucht gegen die Regierung zu polemisieren, weil sie selbst nicht darin vertreten sind." (kob, mue, stein/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.5.2003)

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    foto: standarc/cremer
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