HIV-infizierte Menschen schon 1930

22. September 2003, 18:26
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Erster deutsch-österreichischer Aids-Kongress tagt bis Samstag in Hamburg

Wien - Neue Erkenntnisse über Evolution und Epidemiologie des tödlichen Virus, die Zulassung einer neuen Medikamentengeneration gegen HIV und aktuelle Zahlen zur Immunschwächeerkrankung: Aus Anlass des heute, Mittwoch, in Hamburg beginnenden ersten gemeinsamen Aids-Kongresses von deutschen und österreichischen Forschern überschlugen sich Dienstag die Meldungen zum Thema. Die überraschendste: Das Virus soll um 1930 vom Affen auf den Menschen übergesprungen sein, sich schon ab 1963 rasant verbreitet haben. Wie? Durch einen Krieg.

In den 40ern Guinea-Bissau befallen

Das Aidsvirus HIV-2, das vor allem in Westafrika verbreitet ist, hat laut jüngster Studie - publiziert im US- Fachmagazins Pnas - bereits Anfang der 40er-Jahre die ersten Menschen im westafrikanischen Staat Guinea-Bissau befallen. Zur Zeit des dortigen Unabhängigkeitskrieges in den 1960er-Jahren infizierte HIV-2 schließlich immer mehr Menschen und löste eine Epidemie aus. Entdeckt wurden die Aidsviren erst 1984.

Ein internationales Forscherteam hatte das Erbgut von HIV-2 mit jenem eines Virus in Grünen Meerkatzen verglichen, aus dem sich HIV-2 entwickelt hat. Diese Abspaltung vom Meerkatzen-Virus und der Befall des Menschen hatte sich den Analysen zufolge bereits um 1940 ereignet. Erst zwischen 1955 und 1970 aber wurde HIV-2 zur Plage. Als treibende Kraft vermuten die Forscher den Unabhängigkeitskrieg Guinea-Bissaus gegen Kolonialist Portugal zwischen 1963 und 1974.

Verbreitung durch unsterile Spritzen

Neben einem veränderten Sexualverhalten hätte vor allem eine schlechte medizinische Versorgung - etwa die Benutzung von unsterilen Spritzen - die Verbreitung von HIV-2 gefördert, vermuten die Forscher: Mit dem Zurückdrängen der Kolonialmacht ging auch das Gesundheitssystem zugrunde. Die damals angelaufenen Impfkampagnen (etwa gegen Pocken und Schlafkrankheit) wurden bald von schlecht ausgebildetem Personal oder den zu Impfenden selbst durchgeführt. Die ersten Fälle von HIV-2 in Europa seien bei portugiesischen Veteranen aufgetreten, die in dem Krieg gedient hätten.

Neues Medikament

Weltweit bedeutend mehr Menschen leiden unter dem Aidsvirus HIV-1. Dieses entwickelte sich vermutlich aus einem Schimpansen-Virus und ist den Analysen zufolge bereits um 1930 auf den Menschen übergegangen.

Zur Bekämpfung steht ab Juni auch in Österreich eine neue Medikamentengeneration zur Verfügung: der Fusionshemmer "Fuzeon". Die Arznei, die dann eingesetzt werden soll, wenn Aidspatienten auf die herkömmlichen Medikamente aufgrund von Resistenzen nicht mehr ansprechen, wird injiziert. Fuzeon wirkt, bevor das Virus in die menschliche Zelle gelangt, indem es die Anlagerung von HIV an der Außenseite der Immunzellen verhindert.

Tagung in Hamburg

Der Wiener Fachmann und Kongress-Vizepräsident Erwin Tschachler erwartet für die Tagung etwa 1500 Teilnehmer aus aller Welt - auch aus den am meisten betroffenen Ländern im südlichen Afrika und in Ostasien. Mehr als 20 Millionen Menschen sind bereits an Aids gestorben (siehe Grafik). Ende 2002 trugen 42 Millionen Menschen das Virus in sich, darunter 3,2 Millionen Kinder. Fünf Millionen haben sich 2002 neu infiziert; 3,1 Millionen starben in dieser Zeit. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2003)

Link

PNAS

Der lange Kampf gegen Aids

Eine Seuche ging um die Welt

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