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12. Mai 2003, 20:16
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In 36 von 73 Artikeln, die Jayson Blair seit vergangenem Oktober für die "New York Times" schrieb, wurden Fehler gefunden

Der verhängnisvollste Fehler des unredlichen "New York Times"-Reporters Jayson Blair war wahrscheinlich, den Namen seines Herausgebers Arthur Ochs Sulzberger Jr. falsch zu schreiben. Die Redaktion begann zu recherchieren und brachte einen Medienskandal zutage, der sich für das renommierte Blatt nur mittels Selbstanklage einigermaßen entschärfen ließ. Auf vier Seiten listete die "Times" in der Sonntagausgabe die Vergehen des 27-jährigen Mannes auf: In 36 von 73 Artikeln, die Jayson Blair seit vergangenem Oktober für das Innenressort schrieb, wurden bei einer internen Untersuchung Fehler gefunden - von Berichten über den "Sniper" bis hin zu frei erfundenen Reflexionen von US-Soldaten im Irakkrieg. Während seiner vierjährigen Tätigkeit bei der "Times" verfasste Blair mehr als 600 Artikel. Sie alle stehen inzwischen auf dem Prüfstand.

Abgeschrieben

Blair berichtete etwa von zwei verwundeten Marines, die in einem Krankenhaus in Bethesda bei Washington lagen. Einer von ihnen, "fragte sich, ob er sich Kummer erlauben dürfe, als er seinen Kameraden erblickt - ein Soldat, der einen Teil seines Beines bei der Explosion einer Landmine verloren hatte". Teilweise war der Reporter gar nicht vor Ort, dachte sich Emotionen von angeblichen Interviewpartnern aus oder schrieb einfach ab, gestand die Zeitung.

Warum man auf wiederholte Hinweise - sein Vorgesetzter äußerte bereits vor einem Jahr Bedenken - nicht reagiert habe, versucht die "Times" ebenfalls zu erklären. Es habe Kommunikationsprobleme unter Vorgesetzten gegeben, nur wenige der Betroffenen hätten sich beschwert, der Reporter habe es verstanden, seine Spuren zu verwischen. "Was ich getan habe, tut mir Leid", erklärte Blair. "Ein Tiefpunkt in der 152-jährigen Geschichte der Zeitung", sagt die "Times".

Im Moment herrscht vor allem Rätselraten um Blairs Motive. Seine Vorgesetzten hätten ihn zu sehr unter Druck gesetzt, heißt es beispielsweise. Sogar Stimmen, die unter der ungewöhnlich ausführlichen Selbstanklage der "Times" verdeckten Rassismus vermuten, wurden laut. Für die meisten der nun mit Häme reagierenden Konkurrenz war Blair freilich schlicht ein Hochstapler. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe vom 13.5.2003)

  • Jayson Blair verfasste mehr als 600 Artikel, sie alle stehen inzwischen auf dem Prüfstand
    foto: standard

    Jayson Blair verfasste mehr als 600 Artikel, sie alle stehen inzwischen auf dem Prüfstand

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