Eine Oper im Schwebezustand

14. Mai 2003, 11:36
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Deutschsprachige Erstaufführung der Italo-Calvino-Fassung von Mozarts Singspiels "Zaide" in der Kammeroper

Wien - Der Applaus bei der deutschsprachigen Erstaufführung der Italo-Calvino-Fassung des Mozartschen Singspiels Zaide war wegen der experimentellen Herangehensweise von Helmut Wiesner (Regie) vorprogrammiert; die Kammeroper bewies erneut, dass sie zu diskussionswürdigen Produktionen befähigt ist.

Ein von Calvino erfundener Erzähler (brillant: Urs Hefti) berichtet über einen zufälligen Fund: Die Entdeckung des Fragments der Mozartschen Oper in einem Reisekoffer. Dieser Erzähler nun hat durch seine kombinierende Fantasie sämtliche möglichen Handlungsabläufe in der Hand, die er - mit stets gleichem Material - von Mal zu Mal komplexer gestaltet, ohne dass jedoch eine endgültige Version festgelegt würde.

Die Musikseite? Dirigent Daniel Hoyem-Cavazza steigert sich immer dramatischer in das orientalische Abenteuer um Zaide (exponiert: Anna Kovalko), Gomatz (Xavier Mas), Soliman (höhensicher: David Alegret), Allazim (edel: Johan F. Kirsten) und Osmin (umwerfend: Markus Raab) hinein.

Am Ende des Puzzlespieles bleibt die Handlung in Schwebe; die Oper steht ständig im Begriff zu enden, hört aber nicht auf. Das Mosaik aus Gesangsstücken - noch zarter als jene im Schwesterwerk Entführung aus dem Serail - überdauert in seiner schillernden Form als Fragment die Zeit, während Minister Allazim der Zaide und ihrem Gomatz bei der Flucht aus dem morgenländischen Serail hilft: womöglich ein Bild für das Schicksal der Flüchtlinge des 20. Jahrhunderts? (henn/DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2003)

Kammeroper,
Wien 1.,
Fleischmarkt 42,
512 01 00
19.30
  • Mozarts "Zaide"-Fragment an der Kammeroper in der Version von Dichter Italo Calvino
    foto: kammeroper

    Mozarts "Zaide"-Fragment an der Kammeroper in der Version von Dichter Italo Calvino

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