Tote in Afghanistan: Pastor Jones zeigt keine Reue

3. April 2011, 21:01
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Umstrittener Prediger fühlt sich für Morde nach seiner Koranverbrennung nicht verantwortlich

Schon einmal, im September, wollte der umstrittene Prediger Terry Jones einen Koran verbrennen. Vor zwei Wochen tat er es tatsächlich. Nun bringen Radikale in Afghanistan Menschen dafür um.

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Da ist er wieder, der Pfarrer mit dem grauen Walrossbart, selbstgerecht und ohne das geringste Anzeichen des Bedauerns. Die Toten in Afghanistan erfüllten ihn mit Trauer, sagt Terry Jones. Aber Reue empfinde er nicht. "Wann immer jemand ermordet wird, finden wir es sehr tragisch. Doch wir spüren nicht, dass wir dafür irgendeine Verantwortung tragen." Vielmehr sehe er sich bestätigt in seiner Ansicht, dass der Islam ein "sehr radikales Element" enthalte.

Es ist zwei Wochen her, dass Jones, der radikale Pastor einer winzigen Kirche in Florida, einen Koran verbrennen ließ. Heftige Ausschreitungen in Afghanistan sind zeitverzögert die Folge. Am Freitag kamen in Masar-i-Sharif 14 Menschen ums Leben, unter ihnen sieben UN-Mitarbeiter, als ein Mob das lokale Büro der Uno stürmte. Samstag starben in Kandahar neun Personen.

In Washington meldete sich Präsident Barack Obama zu Wort, um die Wogen zu glätten. "Die Entweihung eines heiligen Texts, den Koran eingeschlossen, ist ein Akt extremer Intoleranz und Engstirnigkeit." Als Reaktion darauf Unschuldige zu töten, fügte er hinzu, sei ein "Affront gegen die menschliche Würde" .

Wahrscheinlich diese Woche will Obama verkünden, dass er sich ein zweites Mal um die Präsidentschaft bewirbt. Die weitere Entwicklung in Afghanistan, wo rund 100.000 US-Soldaten stationiert sind, entscheidet mit darüber, wie die Wähler seine erste Amtszeit bewerten und ob es ihm gelingt, am Hindukusch ein zweites Vietnam zu verhindern. In diesem Sommer soll der Abzug beginnen, und wenn es gut läuft, bis 2014 abgeschlossen sein. Eine Eskalation der Gewalt ist fürs Weiße Haus das Worst-Case-Szenario.

Schon am 11. September 2010 hatte Jones zündeln wollen. Damals bedurfte es tagelangen Zuredens von Spitzenpolitikern, Kirchenleuten und Generälen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Wochenlang stand der obskure Prediger im Rampenlicht. Anders diesmal. Die Medien schenkten ihm keinerlei Beachtung, als er für den 20. März einen Prozess anberaumte, mit dem Koran auf der Anklagebank.

Angetan mit schwarzer Robe, nahm Jones auf einem Richterstuhl Platz, während ein Assistent den Koran auf eine Metallunterlage legte. Es gab Kläger, Geschworene und Verteidiger, einen sympathisierenden Imam aus Texas. Erwartungsgemäß endete die Farce damit, dass der Koran in Flammen aufging. Zum Provozieren reichte es, dass es einen Kanal gab, der es übertrug. Truth TV, der Satellitensender von Ahmed Abaza, einem zum Christentum konvertierten Muslimen, berichtete live. Via Youtube ließ Jones die Sendung global verbreiten.

Nach einer Austrittswelle sind es noch zwei Dutzend Kirchgänger, die ihm sonntags im Dove World Outreach Center in Gainesville zuhören. Zuletzt musste der 59-Jährige sogar bei Ebay Möbel verkaufen, um die Stromrechnung bezahlen zu können. Den Stadtvätern wäre es am liebsten, würde der Fanatiker endlich verschwinden. Jones kontert, indem er unbeirrt sein nächstes Medienspektakel ankündigt. Am Karfreitag will er in Dearborn, der Hochburg arabischstämmiger Amerikaner vor den Toren Detroits, vor einem islamischen Zentrum stehen. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

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