Den Bärenschwanz hab ich bereut

  • Forelle in Himberg, eher kein Muss
    foto: harald fidler

    Forelle in Himberg, eher kein Muss

  • Saibling in Tulln, aber hallo
    foto: harald fidler

    Saibling in Tulln, aber hallo

  • Da errötet der Hecht fotografisch irreparabel - unter dem Heizpilz des On
    foto: harald fidler

    Da errötet der Hecht fotografisch irreparabel - unter dem Heizpilz des On

  • Schöner Saibling in der Weinschenke, auch Wien-Margareten
    foto: harald fidler

    Schöner Saibling in der Weinschenke, auch Wien-Margareten

  • Großartiger Tintenfisch im Bodulo, 1170
    foto: harald fidler

    Großartiger Tintenfisch im Bodulo, 1170

  • Fette Fische im Bodulo
    foto: harald fidler

    Fette Fische im Bodulo

  • Der Drachenkopf spielt sich da in den Vordergrund, absolut zurecht
    foto: harald fidler

    Der Drachenkopf spielt sich da in den Vordergrund, absolut zurecht

  • Matjestatar im Rosnovsky, 1080, feine Sache
    foto: harald fidler

    Matjestatar im Rosnovsky, 1080, feine Sache

  • Da ist er ja, der Bärenkrebsschwanz, im Rosnovsky Bärenschwanzkrebs. Von den Nudeln kann ich abraten
    foto: harald fidler

    Da ist er ja, der Bärenkrebsschwanz, im Rosnovsky Bärenschwanzkrebs. Von den Nudeln kann ich abraten

Fasten Seatbelts: Zehnmal Fisch zur Fastenzeit, klingt aber nur wie eine Sammelklage

Schön langsam kann ich einen Wiederaufnahmeantrag stellen bei der einen oder anderen Religionsgemeinschaft: Kein Alkohol zu Jahresbeginn, das kennen treue Schmecks-Userinnen und aufmerksame User ja schon. Aber jetzt auch noch dieser Gusto auf Fisch zur Fastenzeit! Ich mache mir ernsthaft Sorgen um mich. Und um die Wasserbewohner, klar.

Wenn die schon sterben müssen, damit meinereinem nicht der Magen kracht, dann sollen sie wenigstens in einer Form auf den Teller kommen, dass einer oder eine was von diesem Exitus hat. Das gelingt beileibe nicht immer, wie Sie diesen zehn Versuchen entnehmen können. Keine Sorge, das wird keine Sammelklage, klingt nur streckenweise so.

Erst, logisch, die fischigen Vorspeisen auf unserem kleinen, etwas willkürlichen Kost-Kurs zwischen Salzburg und Favoriten, Himberg und Hernals.

1) Saiblingstatar im Carpe Diem in Salzburg. Ich muss ja sagen, das Häppchenhaus von Dietrich Mateschitz in der Getreidegasse ist mir ein bisserl zu schick, ein bisserl zu rauchig bisweilen, und nicht so hundertprozentig sympathisch. Aber: das Tatar eine wahre Pracht. Das fängt ja gut an. Vom Beef Tatar, der geschmorten Wachtel, dem kleinen Filetsteak nicht zu reden, schließlich solls hier ja um Fisch gehen.

2) Saibling, hausgebeizt, nicht minder prachtvoll, im Gasthaus zur Sonne in Tulln. Ja, schon wieder. Und zurecht. Wegen des Saiblings, noch mehr wegen des herrlichen warmen Kaninchensalats, und das Beuschl war auch nicht von schlechten Eltern. Sie sehen, fastentechnisch brauchen Sie sich um mich nicht ganz so zu sorgen.

3) Oktopus gegrillt, wahrlich herrlich, im Bodulo in Wien-Hernals. Ja, ich habe es endlich dorthin geschafft. Das schlechte Gewissen  meldet sich halt zwischendurch, wie inzwischen ziemlich oft bei Fischen aus dem Meer. Ablenkung versprechen zwei beherzte Fischundauchsonstpraktischallesesser, damit sich eine gscheite Grillfischplatte ausgeht, und die sich auch vor dem Drachenkopf nicht fürchten. Der macht nicht nur, aber auch hier viel Freude, die Brasse anständig, die Scampi ebenso. 197 Euro für drei Vor-, drei Haupt- und zwei Nachspeisen plus überschaubar Wein haben mich ein bisschen überrascht, andererseits für drei. Die getesteten Desserts - Birne in Rotwein und Rozata (kroatische Creme Caramel) - beurteilten die Mitesser gut, fanden aber die Fische ungleich spannender. Ich Dessertverweigerer sowieso.

4) A propos (Meer, Geld, Dessert nämlich): Kurz nach Fukushima ins Unkai in 1010, erstmals mittags. 25 Euro, 30 Euro fürs Mittagsmenü, schau an. Ich empfehle: Wenn schon, dann nicht an den letzten fünf Euro sparen. Allein das wunderbare Udon-Suppentöpfchen ists wert, die Rohfischauswahl ein Eck spannender und üppiger als beim 25-Euro-Knausermenü, und das Grünteedessert isst sogar der Fidler. 

5) Wo wir schon in Asien sind: On in 1050, geht immer, nicht nur, aber insbesondere wenn's ein Lokal im Fünften sein soll - und man die Mitesserin irrtümlich auf eine Ehrenrunde in die Werdertorgasse schickt, die On als Tippfehler für wahrscheinlicher hält als Werdertorgasse einen Denkfehler für Wehrgasse. Sorry dafür nochmal. Die Teigtaschen fand sie allerdings wirklich gut, den beheizten Garten für die Freizügigkeit (nur Rauchen, wohin denken Sie!) auch. Mir ließ die herausfordernde Beleuchtungsheizkombination den Hecht etwas widernatürlich erröten, wie mein iPhone-Porträt zeigt. Sautiertes Filet, praktisch ein Trumm aus der Hechtmitte, sehr okay, aber als solcher ein bisschen langweilig. Wenn ich mich da an Hecht beim Varga in Gols erinnere... Egal. Wirklich überrascht hat mich am Hecht, dass mir die Gemüse-Saucen-Kombination, in der er schwamm, sehr bekannt vorkam von den Lammnieren direkt davor, nur etwas weniger scharf. Aber die Nieren waren wirklich sensationell, an die erinnert man sich also gern.

6) Erwartbar mild fiel der Wels im immer wieder feinen Meixner in Wien-Favoriten aus, praktisch wie Wurzelfleisch zubereitet, angenehm. Der Heringschmaus davor auch nicht von fehl. Und das ist ja schon was, wie wir gleich sehen werden.

7) Dass der Gute Hirte in Himberg jenes Niveau nicht lange hielt, das er offenbar beim Kosterbekochen vor zwei Jahren schaffte, dämmerte mir schon bei der Lektüre manches Postings. Aber wenn man schon in der Gegend ist, und sich's nach ein paar versuchten Anläufen wirklich ausgeht, schaut man sich's halt an. Das Carpaccio vom Rind lag tief unter Wasser, insofern passte es fast schon zum dieswöchigen Schmeck's-Generalthema. Wenn's die Salatmarinade war, dann war sie eher geschmacklos, ich tippte eher auf Feuchtigkeit vom Auftauen. Aber was weiß ein Dilettant. Die Forelle Müllerin war gewaltig, mir aber außen etwas zu kräftig bemehlt und innerlich etwas zu erdig im Geschmack.

8) Nicht so richtig begeistern konnte mich wegen der Mehlhülle auch das Zanderfilet im Marienhof in Unterkirchbach im Wienerwald. Dreierlei Heringschmaus aber umso spannender - aber nicht etwa, weil die Fischmarinaden mit Hochprozentigem die Fastenzeit verkürzen helfen. Nächstes Jahr halt wieder.

9) Labbrige Mehlhülle! Nicht schon wieder! So mein erster Gedanke im Angesicht des Saiblings in der Weinschenke, schon wieder in 1050, und offensives Raucherlokal noch dazu. Irrtum. Die Oberfläche entpuppte sich als knusprige Kruste (ohne jeden Anflug von Panier), der Saibling schon sehr gut. Da kann ich Herrn Corti nur beipflichten. Wobei Kollegin E., die mich dorthin begleitete, nach der Lektüre fand: "Der Corti hat wohl einen besseren Tag erwischt als wir ;-)". Sie hatte ein Risotto, das, zugegeben etwas sehr käsig-schwer ausgefallen war. Ich sag's ja: Esst mehr Fisch. Halt nicht überall.

10) Das Matjestatar im Rosnovsky und Co mitten Achten aber, auf Apfelkrensauce, kann ich empfehlen. Die Chiligarnelen mit Avocado und geröstetem Knoblauch waren nicht schlecht, aber ein Irrtum meines Mitessers, der eigentlich die Alici mit Zitrone bestellen wollte, was ihm aber, wohl durch frühjahrsmüdigkeitsbedingte Umnachtung, nicht gelang. Schade, hätt ich gern gekostet.

In den runderneuerten Räumlichkeiten des ehemaligen Cumpelik, Rosnovsky, tatsächlich aber Ebenhöchwimmer Andreas, gibt es auch noch geröstete Kalbsnieren, die übernahm mein Mitesser erwartungsgemäß. Mir war noch immer nach Fisch. Ich schwankte zwischen schon wieder Saiblingsfilet mit Ratatouille und Cremepolenta. Die Neugier siegte: gegrillter Bärenschwanzkrebs mit Safran-Tagliatelle. Ich hätte vermutlich besser den Saibling genommen. Nicht, dass die Bärenkrebsschwänze, so triffts nämlich eher, schlecht gewesen wären, im Gegenteil.

Dank mauem Orange-Empfang recherchierte ich erst nachher, wie's den Bärenkrebsen so geht (die Speisekarte vorher im Internet zu studieren, vergess ich Dilettant meist). Teubners große Meeresfrüchte-Warenkunde erinnert: Die großen Bärenkrebs-Arten, und ich hatte definitiv keine kleinen Schwänze, sind "leider in vielen früher klassischen Fischereigegenden sind bereits überfischt". Das Buch stammt aus 2005, meine Auflage aus 2007. Geschmacklich immerhin so, dass man von keinem ganz verhauten Ende ausgehen muss, aber der Krebs hat natürlich wenig davon.

Verhaut schienen mir indes die Safrannudeln. Säuerlich, unerfreulich. Mein geschmacklich weit kundigerer Mitesser zupft sich auf meine verunsicherte Bitte hin eine Nudel, verzieht das Gesicht und meint: kein guter Safran, und zuviel davon. Immerhin weiß ich jetzt, was mir daran nicht schmeckt. Aus der Küche ist eine etwas andere Reaktion auf meine größtenteils übrig gelassenen Nudeln zu hören: "Vielleicht mog er kan Safran." Die freundliche Übersetzung des Kellners für meine Ohren: Da ist Zitrone drin, vielleicht ein bisschen zuviel. Egal. Espresso ging auf Haus. Der war übrigens gut.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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