Kein Ende der Hiobsbotschaften

3. April 2011, 20:13
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Unter katastrophalen Bedingungen versuchen Arbeiter, den Riss im AKW Fukushima, aus dem verstrahltes Kühlwasser ins Meer strömt, abzudichten – Der Protest gegen die Betreiberfirma Tepco nimmt zu

Tokio - In Japan ist auch zu Beginn der vierten Woche kein Ende im Kampf gegen den atomaren Super-GAU in Sicht. Reaktor 2 in Fukushima lieferte auch am Wochenende neue Hiobsbotschaften: Es wurde ein Riss im Betonboden des Meilers entdeckt, aus dem radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik strömt. Bis Sonntag gelang es der Betreiberfirma Tepco nicht, das Leck abzudichten. Auf dem Gelände des Kraftwerks wurden die Leichen zweier seit dem Tsunami vom 11. März vermisster Arbeiter gefunden.

Die japanische Regierung drängte Tepco zu einem raschen Verschluss des Lecks. Doch der Versuch, den Riss mit Beton zu schließen, scheiterte. Am Sonntag kamen Polymere zum Einsatz. Im Reaktorinneren wurde eine radioaktive Belastung von 1000 Millisievert pro Stunde gemessen. Normal sind ein bis zehn Millisievert pro Jahr. Das Leck dürfte die Ursache sein für die hohen Strahlenwerte, die seit längerem im Meerwasser gemessen werden.

Der Abfluss des radioaktiv verstrahlten Wassers verhindert eine weitere Kühlung der überhitzten Kernbrennstäbe im Atomkraftwerk mit Meerwasser. Als Alternative dazu prüften Ingenieure auch die Möglichkeit, mit einer verbesserten Luftkühlung zu arbeiten. "Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen, weil die Lage im Atomkraftwerk unberechenbar ist", sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

Proteste weiten sich aus

Immer mehr Japaner schließen sich indes Protesten an. Hunderte Menschen demonstrierten am Sonntag vor der Tepco-Zentrale in Tokio gegen Atomkraft und gegen die Informationspolitik des Energieversorgers. "Wir geben mehrmals am Tag Pressekonferenzen. Die Daten der Boden- und Meerwasserverseuchung werden nach der Untersuchung und der Bewertung sofort veröffentlicht", entgegnete hingegen Tepco-Sprecher Yoshimi Hitosugi.

Die rund 400 Arbeiter am havarierten Atomkraftwerk Fukushima eins arbeiten unter katastrophalen Bedingungen. "Wenn es nötig ist, übernachten sie in einem Gebäude auf dem AKW-Gelände. Ernähren müssen sie sich leider mit Notfall-Rationen", erklärte der Tepco-Sprecher in einem Interview, das von tagesschau.de veröffentlicht wurde. Wie Hitosugi betonte, tragen die Arbeiter Dosimeter und sind radioaktiver Strahlung unterhalb festgelegter Werte ausgesetzt.

28.000 Tote und Vermisste

Ministerpräsident Kan besuchte am Wochenende erstmals seit dem schwersten Erdbeben (9,0 auf der Richterskala) in der Geschichte Japans die Region im Nordosten des Landes. Er sprach mit Arbeitern des Kraftwerks und Menschen, die durch die Naturkatastrophe obdachlos geworden sind. 28.000 Menschen wurden getötet oder werden noch vermisst. 164.000 Menschen leben in Notunterkünften. (red, DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

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    Durch diesen Riss gelangt verstrahltes Kühlwasser ins Meer.

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    Die Kritik an Kraftwerksbetreiber Tepco wird immer lauter.

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    grafik: der standard
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