Worüber man nur schweigen kann

3. April 2011, 18:38
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Am Sonntag endeten die 41. Rauriser Literaturtage: Ein Resümee

Rauris - Es gibt wahrscheinlich wenige Literaturveranstaltungen, bei denen der Saal schon eine Stunde vor Beginn voll ist. In Rauris - wo vorwiegend in Gasthäusern, etwa im "Grimming" oder beim Platzwirt gelesen wird - ist dem so, und wer hier zu spät kommt, den bestraft zwar nicht das Leben, aber ganz sicher das schmerzende Kreuz nach zwei Stunden Stehen.

Der Erfolg, der die Veranstaltung mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenzen bringt, hat vor allem mit der nachhaltigen Arbeit des Teams um Organisatorin Brita Steinwendtner und dem fein austarierten Programm zu tun, das nicht nur große Namen (heuer etwa Adolf Muschg, Alois Hotschnig, Marie-Thérèse Kerschbaumer oder Aharon Appelfeld) präsentiert, sondern auch zur Entdeckung (noch) weniger bekannter Autorinnen (Vanessa F. Fogel, Astrid Rosenfeld) einlädt.

Neben klassischen Autorenlesungen (Michael Stavaric, Peter Stephan Jungk) wird in den Pinzgauer Bergen aber, und das hebt diese Veranstaltung deutlich von anderen ab, ausgedehnt über Literatur geredet. Zum Beispiel bei öffentlichen "Arbeitskreisen", in denen Germanistikstudenten Autoren zu ihren Büchern befragen. Mit Erfolg und weniger ausrechenbar als Journalisten, wie Ludwig Laher fand, der sein neues Buch Verfahren vorstellte.

Wie oft bei Laher geht es in diesem dokumentarischen Roman über eine kriegstraumatisierte Kosovo-Serbin, die in Österreich um Asyl ansucht, nicht um eine erfundene, sondern eine gefundene Geschichte. Penibel recherchiert und passagenweise das Amtsdeutsch übernehmend, zeigt das beklemmende Buch, wie in diesem Prozess aus einem Menschen ein AW (Asylwerber) und aus einem Leben eine Akte wird.

Vom Leben und Überleben sprach auch der 1932 in Czernowitz geborene Aharon Appelfeld, der als Achtjähriger - die Mutter war ermordet worden - aus einem transnistrischen Lager floh, nachdem er dort von seinem Vater getrennt wurde, und sich unter abenteuerlichen Umständen über Italien nach Israel durchschlug. Er studierte u. a. bei Gershom Scholem und Martin Buber, wurde Professor und zum Autor von mehr als 40 Büchern, die ihn international bekannt machten. Mit eindringlich leiser Stimme sprach er über das, worüber man schreiben muss - und von dem, über das man nur schweigen kann.

Basra, auch das einst eine multikulturelle Stadt, ist der Geburtsort des in den 1980er-Jahren nach Berlin geflohenen irakischen Autors und Journalisten Najem Wali, der in seiner Heimat inhaftiert und gefoltert wurde. Er stellte seinen neuen Roman Engel des Südens vor. Um Autonomien der privaten Art, die politischer sind als manche denken, ging es schließlich bei Marlene Streeruwitz, die aus ihrem Band Das wird mir alles nicht passieren ...Wie bleibe ich FeministIn las, wobei Frauen der Rauriser Schreibwerkstatt Streeruwitz' im Offenen endende Kurzgeschichte über eine im Scheitern begriffene Beziehung weiterschrieben und ihre Schlüsse der Autorin vorlasen. "Gelebter Feminismus!", konstatierte die von der Erzählerin zur Zuhörerin mutierte Autorin und: "Frauen sind toll. Männer können toll sein." (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe 4.4.2011)

 

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