Von vokal erleuchteter Regiesteinzeit

3. April 2011, 18:37
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Premiere von Donizettis "Anna Bolena" an der Wiener Staatsoper: Heftiger Applaus für die Sängerinnen Anna Netrebko, Elina Garanèa und Elisabeth Kulman - Buhs für die statische Inszenierung von Eric Genovese

Wien - Ins Glanzvolle wuchs der Opernerfolg an diesem Abend. Eine Steigerung wäre nur noch denkbar gewesen, so Kulturministerin Claudia Schmied auf der Bühne erschienen wäre, um zu verkünden, sie würde Dominique Meyer nun nicht - wie unlängst (reichlich voreilig) verkündet - um weitere fünf Jahre verlängern, sondern gleich zum Staatsoperndirektor auf Lebenszeit ernennen!

Tatsächlich darf die (künstlerisch auch noch sinnvolle) Zusammenführung zweier in ihren Vokalrevieren bemerkenswerter Weltstars, Anna Netrebko und Elina Garanèa, als global beachteter Coup (weltweit übertrugen mehr als 90 Kinos) in die Annalen der Staatsoper eingehen. Und deren das Schauspielerische nicht ausklammernde Fähigkeiten ließen natürlich auch das Staunen über diese Nullinszenierung von Eric Genovese zumindest für Momente dahinschmelzen.

In einem zunächst V-förmig angeordneten Wandambiente (Bühnenbild: Jacques Gabel), das sich nach und nach dreht und schließlich zum düsteren Mauerblock fügt, kann zwar auch eine Netrebko (als Anna Bolena) nicht ungestört demonstrieren, welch intensive Sängerdarstellerin sie sein kann. Zweifellos gelingt ihr jedoch das glaubhafte Porträt einer Monarchin, die in ihrem aussichtslosen Kampf gegen eine (Integrität und Leben vernichtende) Intrige zu rühren versteht.

Netrebko vermag es ja, auch mit rein vokalen Mitteln emotionale Inhalte zu transportieren: Da wird bisweilen ein einziger schmerzvoller Ton zum die Szene aufladenden Drama; bei Netrebko vereinen sich schließlich Intensität, technische Souveränität und Klangschönheit zur wirkungsvollen Ganzheit. Nur zum Schluss des Belcantomarathons hin wurde etwas intonatorische Ermüdung hörbar.

Gegenseitiges aufschaukeln

Sogar um eine Nuance robuster wirkte Elina Garanèa (als Giovanna Seymour): Im Klang (mit hoher Klarheit) eher zum Dramatischen tendierend, betört sie als amikale Nebenbuhlerin Annas und künftige Gemahlin von Enrico VIII. in jeder Vokallage mit hoher Präsenz und Ausgewogenheit. Was Wunder, dass in jenen Augenblicken, da beide Damen miteinander ungestört "parlieren", Musikmomente von singulärer Substanz entstehen.

Keinesfalls schwächer, vielmehr gleichrangig Elisabeth Kulman (als Smeton): Zwar gewährt die Rolle des Bolena-Pagen etwas weniger Bühnenzeit. Kulman prägt jedoch mit ihrer souveränen Gestaltung Szenen mit und darf als gleichwertiger Teil einer ganz seltenen Edelbesetzung betrachtet werden.

Wären die Herren des Abends auch noch auf diesem Niveau unterwegs gewesen - die Euphorie hätte wohl bei manchem schon kreislaufgefährdende Ausmaße angenommen. Allein Ildebrando D'Arcangelo (als an der Beseitigung seiner aktuellen Gattin arbeitender Enrico VIII.) verzierte seine steife Präsenz nur durch solide Gesänge, und auch Francesco Meli (Lord Percy) machte eine steife Figur. Immerhin verfügt sein Tenor über ein metallisches Timbre, das zumindest hohen Tönen eine glanzvolle Note verlieh.

Pflegebedürftiger Bote

Im Soliden bewegte sich schließlich Dan Paul Dumitrescu (als Rochefort), blass blieb Peter Jelosits (als Sir Hervey), tadellos aber der Staatsopernchor, an dessen Stehpartie man die Defizite dieser Regiearbeit, die alte Gemälde nachzustellen schien, erleiden durfte. Sollte diese "Inszenierung" mit bescheidener Besetzung im Repertoire auftauchen, wird man sie als einen Ausflug in die Steinzeit der Opernregie erkennen. Als eine weitere Arbeit (der noch jungen Dominique-Meyer-Ära), die wie ein pflegebedürftiger Bote aus ferner Zeit wirkt. 

Dirigent Evelino Pido und dem Orchester ist jedenfalls zu danken, der Bühnenstarre instrumentales Leben entgegengestellt zu haben. Da klang vieles engagiert wie recht delikat, und es half im Sinne der Belebung. Im ersten Akt wollte zwar der eine oder andere Akkord derb auf sich aufmerksam machen; und später kamen kleine instrumentale Unsauberkeiten hinzu. Auch das allerdings wurde vokal überstrahlt. (Ljubisa Tosiæ, DER STANDARD/Printausgabe, 4.4.2011)

5. 4.: ORF 2, 20.15

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die zum Tode verurteilte Monarchin Anna Bolena (Anna Netrebko), umgeben von ihren entsetzten Hofdamen.

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