"Haben Sie ein Wasserklosett? Und wie viele Hühner?"

3. April 2011, 17:50
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Im Kosovo wird zum ersten Mal seit 1981 eine Volkszählung durchgeführt – mit teilweise heiklen Fragen - Reportage

Edita ist ein bisschen aufgeregt, sie will sich noch die nassen Haare föhnen, bevor sie sich registrieren lässt. "Das ist ein wichtiger Tag für mich, ich bin noch nie gezählt worden", sagt die 47-jährige Frau. Dann wendet sie sich der Dame mit der blauen Weste von der kosovarischen Volkszählungsagentur zu. Ja, sie sei der Haushaltsvorstand, ihr Mann sei schon verstorben, erklärt sie, während sich ihr jüngster Sohn seinem Computerspiel widmet.

Prizren, Anfang April. Über den Hügeln der Stadt blühen weiße und gelbe Sträucher, überall werden Autos geputzt. Auch der junge Staat Kosovo will ein neues Kapitel aufschlagen. 1981, damals noch in Jugoslawien, wurden die Leute hier das letzte Mal gezählt. Vor allem nach der Unabhängigkeit vor drei Jahren ist es für die Ministerien wichtig, für die Planung von Schulen, Krankenhäusern, Wahlzirkeln oder für die Energieversorgung endlich statistische Grundlagen zu haben.

Niemand weiß, wie viele Menschen genau im Kosovo leben, geschätzt sind es zwei Millionen, viele Kosovaren sind aber aus wirtschaftlichen Gründen im Ausland. Bei den Wahlen im Herbst waren zudem viele bereits verstorbene Bürger auf den Listen aufgetaucht. Bis zum 14. April sollen nun die anwesenden Bürger 81 wichtige Fragen beantworten.

Wie heizen Sie? Haben Sie ein Wasserklosett? Einen Computer? Wie viele Hühner, Schweine, Schafe, Traktoren besitzen Sie? Haben Sie im Jahr 2010 Kartoffeln angepflanzt? Haben Sie in den vergangenen vier Wochen nach einer bezahlten Arbeit gesucht? Haben Sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren? - Der kosovarische Staat will vieles wissen.

Zu den wirklich heiklen Fragen gehört jene nach der "Zweitfrau", die für Empörung in Teilen der Zivilgesellschaft führte, aber eine reale Grundlage hat. Und natürlich jene nach der ethnischen Zugehörigkeit und Religion, wobei sie nicht beantwortet werden müssen. Auch die Muttersprache wird erhoben, ebenfalls nicht obligatorisch, auf dem Fragebogen ist das allerdings nicht angeführt.

Im hauptsächlich serbisch besiedelten Norden des Kosovo wird die Volkszählung aber ohnehin boykottiert. Nach einer anfänglichen Vereinbarung zwischen dem serbischen Premier Mirko Cvetković und EU-Erweiterungskommissar Štefan Füle vor Weihnachten, wonach die Serben teilnehmen können sollten, hat Belgrad nun die Bedingungen abgelehnt.

Eurostat ist bereit, die Volkszählung abzusegnen, selbst wenn der Norden nicht mitmacht. Die Serben im Norden werden wohl auch nicht erfasst werden, wenn Serbien im Herbst eine Volkszählung durchführt. Brüssel hat bereits entsprechende Signale nach Belgrad entsandt, und Serbien will schließlich Ende des Jahres den EU-Kandidatenstatus bekommen.

Die Volkszählung kostet 12,1 Millionen Euro, wobei 3,9 Mio. Euro von der EU-Kommission berappt werden, die stark in die Vorbereitungen involviert war. Erste Ergebnisse werden Ende Juni erwartet. In Prizren können sechs bis acht Familien pro Tag gezählt werden. Eine Familie hat mindestens sechs Mitglieder, oft sind es zehn, sagt die Volkszählerin.

"Das Bild verbessern"

Mahir Yagcilar sitzt am Shadervan, dem Hauptplatz von Prizren, hinter der alten osmanischen Brücke, neben der eine Statue eines Kämpfers der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK steht. Yagcilar ist ein Kind der osmanisch geprägten Stadt, Minister für Öffentliche Verwaltung, damit zuständig für die Volkszählung und Chef der Türkischen Partei des Kosovo. "Wir wollen mit der Volkszählung ein Bild von unserem Land anfertigen, damit wir dann daran arbeiten können, dass dieses Bild besser wird", sagt er zum Standard.

Und wenn die Serben nicht daran teilnehmen? "Es ist ein Fehler, wenn diese Bürger und Gemeinden nicht teilnehmen, weil wir dann keine genauen Pläne für sie machen können", sagt er. (Adelheid Wölfl aus Prizren/DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

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