Jean Ziegler und die kalten Füße der Landeshauptfrau

3. April 2011, 17:44
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Die Landeshauptfrau zog die Notbremse und lud Ziegler wieder aus - Der Globalisierungsgegner wird seine Salzburger Rede trotzdem halten

Der notorisch überschätzten Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller darf man unterstellen, dass ihr mit der Nominierung des umstrittenen Schweizer Soziologen Jean Ziegler als Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele 2011 ein Coup vorgeschwebt war. Man könnte auch sagen: eine Anbiederung an die links von der SPÖ siedelnde "Linke", die es in Österreich als Partei nicht gibt. Als Wählerpotenzial aber schon. Sogar auf Parteitagen.

Dann kam der Aufstand der Rebellen in Libyen. Und Muammar al-Gaddafi entpuppte sich als das, was nicht nur Frau Burgstaller, sondern viele "Ministerpräsidenten" außerhalb der Salzburger Opernwelt gar nicht mehr für möglich gehalten hatten. Als ein blutrünstiger Diktator, wie man seinesgleichen in der Mozartstadt zwar auf der Bühne, aber nie wirklich besichtigen muss.

Die Landeshauptfrau zog die Notbremse und lud Ziegler wieder aus. Weil sie zu wissen glaubte, dass "nicht die Inhalte von dessen Rede, sondern die Diskussion rund um die Frage eines angeblichen Nahverhältnisses zu Gaddafi im Mittelpunkt des Interesses gestanden hätte".

Nicht die Frage, ob Jean Ziegler, wie von der Menschenrechtsorganisation UN-Watch schon seit Jahren behauptet wird, zu den "Kreatoren" eines Gaddafi-Menschenrechtspreises gehört, ist für Burgstaller relevant. Ihr ist bloß wichtig, dass die Ereignisse in Nordafrika plötzlich auf sie selbst übergegriffen hätten. Deshalb hat sie kalte Füße gekriegt.

Selbst das Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 5. März, worin Ziegler sich nicht nur von Gaddafi distanzierte, sondern ihn auch angesichts der ersten Berichte über Angriffe auf Zivilisten scharf attackierte, hielt Burgstaller nicht von der Ausladung ab. Sie blieb couragiert beim Argument, dass Zieglers Fernbleiben "auch im Interesse" von ihm selbst liege - was der 2006 von der Schweiz zum Vertreter im UNO-Menschenrechtsbeirat nominierte und in Österreich 2008 als Kreisky-Preisträger Erwählte umgehend dementierte.

Nun wird der Globalisierungsgegner seine Salzburger Rede trotzdem halten - auf Einladung der Grünen knapp vor oder knapp nach der Festspieleröffnung. Ziegler wird damit dem traditionellen Auftakt mit dem Bundespräsidenten die Show stehlen. Das hätte sich Burgstaller denken können - ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Landeshauptfrau und ihre Umgebung mit dem Phänomen Ziegler zu wenig beschäftigt haben.

Der Vorgang ist ein weiterer Beleg für das Elend der österreichischen Spitzenpolitik. Rund um eine Sozialdemokratin, die (auch von Journalisten) immer wieder zur Faymann-Alternative stilisiert wurde. Seit ihrem Ausladungsfiasko sollten diese Spekulationen vom Tisch sein.

Salzburg und die Festspiele müssen sich auf die Suche nach einer Superfigur als Festspielredner/-in machen. Wer überstrahlt Ziegler? Und: Wer tut sich das überhaupt an?

"In Zeiten wie diesen" (Bruno Kreisky, ein früher Gaddafi-Förderer) wünschte man sich Thomas Bernhard herbei, der Burgstaller und Co ordentlich heimgeleuchtet hätte. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

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