Die Straße der Kaffeeautomaten

3. April 2011, 17:11
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Die Automatenkultur auf der Simeon-Veliki-Straße spiegelt ein wenig von der Wirtschaftslage auf dem bulgarischen Land wieder

Falls es einmal jemanden nach Stara Zagora verschlägt, was nicht ganz ausgeschlossen ist angesichts der doch zentralen Lage der bulgarischen Provinzstadt, auf halbem Weg zwischen Sofia und dem Schwarzmeerhafen Burgas: Eine Straße gibt es in Stara Zagora - und nicht die minderste -, an der Kaffeeautomaten aufgepflanzt sind, ein bisschen schäbig, ein bisschen so wie die Kaugummi-Automaten, bei denen die Mutter untersagt hat, dass man die Finger oder Groschen hineinsteckt. Gezählte acht Kaffeeautomaten auf etwa 400 Meter Länge sind es jetzt, und es werden immer mehr, berichten die Einwohner. Die Automaten sind das Ergebnis einer Kollektivspekulation, die kleine Ladenbesitzer erfasst hat. Es hat sich herumgesprochen, dass man mit Kaffee im Plastikbecher auf der Straße noch ein ganz klein wenig Geld aus den ganz kleinen Geldbörsen der Bulgaren ziehen kann.

Die Straße der Kaffeeautomaten heißt eigentlich Zar Simeon Veliki, benannt nach dem bedeutendsten König (893-927) des Landes und Namenspatron des eher glücklos agierenden ehemaligen Regierungschefs Simeon Sax-Coburggotski - sieht man ab von der langen Reihe von Gütern, Wäldern und Berggipfeln, die sich der wortkarge Ex-Monarch während seiner bürgerlichen Amtszeit (2001-2005) restituieren ließ - und führt vom Zentrum Stara Zagoras hinaus nach Osten, zum Denkmal der russischen Brüder und Befreier von der osmanischen Herrschaft, und immer weiter Richtung Meer.

Die Automaten servieren, was in England ehrlicherweise als "brew" firmiert, ein heißes kaffeeartiges braunes Gebräu, das allerdings nicht stundenlang in einer Maschine vor sich hingurgelte, sondern ruckzuck aufgegossen wird, darunter der кафе дьлго (kafe d'lgo), ein wahrlich fürchterlicher, verlängerter Mokka, zu 40 Stotinki, umgerechnet knapp 20 Cent. Im Café würde er dreimal mehr kosten (und in der Regel genauso schmecken).

Die Automatenkultur auf der Simeon-Veliki-Straße spiegelt ein wenig von der Wirtschaftslage auf dem bulgarischen Land wieder. Im zweiten Jahr der neuen Wirtschaftskrise seit der Hyperinflation Ende der 1990er-Jahre sind die Preise für Speiseöl, Gemüse, Medikamente oder Benzin noch einmal gehörig gestiegen, ohne dass die Leute Arbeit fänden oder ihr Einkommen gar vergrößern könnten. Einen Laden kann man in Stara Zagora dieser Tage für 100 bis 150 Euro im Monat mieten, was zeigt, wie klein die Umsatzmöglichkeiten geworden sind. Außerhalb der Provinzstädte wie Stara Zagora, auf den Dörfern vor allem im Westen des Landes ist die Entwicklung steil bergab gegangen. Die Tageszeitung Trud veröffentlichte dieser Tage einen Bericht über jene "53 Bezirke, in denen das Leben stoppt". Es sind Dörfer, die zu zwei Drittel leer sind, wo die Läden zugesperrt haben und kein Geld da ist für den normalen Betrieb eines Kreiskankenhauses oder zum Flicken der Schlaglöcher auf den Straßen. In der zweiten Hälfte dieses Jahres soll es mit Bulgariens Wirtschaft wieder aufwärts gehen. Es wird sich auch an der Zahl der Kaffeeautomaten in Stara Zagora ablesen lassen.

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