"Bei diesem Thema schaut jeder weg"

3. April 2011, 18:22
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Höchste Selbstmordrate in steirischen Bezirken, landesweiter Krisennotruf geplant

Graz/Wien - Knapp 30.000 Einwohner hat der Bezirk Murau im Westen der Steiermark. Seine Besonderheit: Er hat gemeinsam mit dem ebenfalls steirischen Bezirk Mürzzuschlag die höchste Selbstmordrate in Österreich. Mehr als 25 von 100.000 Menschen bringen sich dort pro Jahr rechnerisch gesehen um - der Österreich-Schnitt liegt bei 15 von 100. 000.

Für Josef Missethon vom Verein "Hilfe in der Krise" ist die mangelnde ärztliche Versorgung einer der Hauptgründe. "Es gibt im Bezirk Murau keinen einzigen Psychotherapeuten, zwei Drittel der steirischen Experten sind in Graz und im Umland der Landeshauptstadt." Er ist aber auch überzeugt davon, dass es noch andere Gründe gibt - die aber erst erforscht werden müssten.

"Wir sind in Österreich zwar sehr gut in der Suizidforschung, allerdings gibt es ein Loch beim Studium der regionalen Unterschiede." Es gebe dramatische Unterschiede zwischen den Bezirken in Österreich, denen man aber nachgehen müsse. Zwar wird nun erstmals vom Land Steiermark in zwei Bezirken ein Suizidpräventionsprojekt initiiert. Doch es sei wichtig, dieses wissenschaftlich zu evaluieren."

Politische Zielsetzung fehlt

Generell ortet er einen Nachholbedarf bei der Landespolitik. "Was uns fehlt ist eine saubere politische Zielsetzung. Bei diesem Thema schaut jeder weg", kritisiert er. Obwohl die Steiermark insgesamt seit Jahren die höchste Selbstmordrate in Österreich hat, fehlt eine einheitliche Krisennotrufnummer. "Ich sehe ein Potenzial, dass man bei konzentrierter Arbeit die Selbstmordrate um 30 bis 50 Prozent senken könnte", ist Missethon überzeugt.

Im Büro der zuständigen steirischen Gesundheitslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder (VP) gesteht man das Problem mit der fehlenden zentralen Hotline ein. "Die würde dem Land allerdings 450.000 Euro im Jahr kosten", sagt Edlinger-Ploders Sprecher Johannes Hödl. "Wir versuchen daher gerade gemeinsam mit den rund 70 diversen Vereinen und Einrichtungen, eine gemeinsame Plattform zu gründen, um eine zentrale Notrufnummer von diesen betreuen zu lassen." Hödl ist zuversichtlich, dass das noch heuer gelingen wird. (moe, DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

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