Crysis 2: Mehr als eine Grafikorgie?

3. April 2011, 18:12
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Cryteks Alien-Invasion glänzt durch Effekte und spielerische Abwechslung - KI-Schnitzer trüben das Erlebnis

Tüftler, Tweaker, Übertakter - alle haben sie über Jahre nur einen Spruch im Kopf gehabt: "Can it run Crysis". Dass Cryteks Egoshooter aus dem Jahr 2007 speziell unter PC-Gamern populär wurde, lag tatsächlich vor allem an der grafischen Raffinesse des Tropeninselspektakels und dessen enormem Hardware-Hunger. Damit wurde das Spiel zwar zum Benchmark in der Schrauber-Szene, der erhoffte Bestseller wurde es jedoch nicht. Dafür bot man zu wenig inhaltliche Qualitäten, aber vor allem eines nicht: Eine Konsolen-Unterstützung.

Projekt "Massenmarkt" erfolgreich

Die Zielsetzung für den Nachfolger "Crysis 2" war somit klar, der an kommerzieller Bedeutung wichtigste Markt musste ins Visier genommen werden. Dafür galt es in der rund vierjährigen Entwicklung nicht zuletzt die hauseigene Spielengine für den Multiplattformeinsatz zu optimieren, um das Versprechen, das bislang "bestaussehende Videospiel", allgemein halten zu können. Seit Ende März kann sich die Öffentlichkeit selbst davon überzeugen: "Crysis 2" läuft sogar auf den knapp fünf Jahre alten Konsolen Xbox 360 und PS3. Damit haben die Entwickler zumindest eines ihrer Ziele erreicht, aber auch spielerisch hat das deutsche Entwicklerstudio genug nachgelegt, um an der Spitze mitmischen zu können - wenngleich es vielleicht nicht in allen Belangen für eine Topplatzierung reicht.

Von der Insel nach New York

Inhaltlich setzt der zweite Teil die Geschichte aus "Crysis" fort. Im Jahr 2033 ist im Großstadtdschungel New York nach einer Alien-Invasion und einer einhergehenden Epidemie die Hölle los. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, ein durch die Firma CryNet privat geführtes Militärkommando soll das Chaos aufräumen. Als letzter Überlebender einer Spezialeinheit schlüpft man in die Haut oder besser in den Nanosuit 2.0 des Soldaten Alcatraz. Mit Hilfe dieser mit dem Körper verschmolzenen Hülle werden einem übermenschliche Kräfte wie Unsichtbarkeit und Supermann-ähnliche Stärke zuteil. Die besten Voraussetzungen, um als Lonesome-Cowboy die Welt zu retten. Rein erzählerisch bietet das Autoren-Team rund um Richard Morgan wenig Überraschendes und bedient sich mit New York noch dazu einer in Videospielen bereits mehr als überstrapazierten Kulisse. Gänzlich versagt haben die Schreiber beim Aufbau der Identität des Protagonisten, was bei der sonst durch imposante technische Effekte (Lichtspiele, einstürzende Hochhäuser), Himmel voll Alienraumschiffen, Kugelhagel, verzweifelte Zivilisten und schreiende Kameraden dichten Atmosphäre umso saurer aufstößt. Ähnlich platt wie beim zigsten "Call of Duty" werden kaum Anhaltspunkte zur Charakteridentifikation geboten.

Abwechslungsreich

Trotzdem haben es die Gameplay-Entwickler geschafft, die inhaltliche leere mit reichlich spielerischer Abwechslung zu füllen. New York in seiner quadratischen Unendlichkeit mag nicht nur dem versierten "GTA"-Touristen zwar schon reichlich bekannt sein, doch mit dem in vor den Augen entstehenden Ruinen verstrickten vertikalen Leveldesign findet man immer wieder neue Ansichten. Von allen Seiten greifen Feinde und außerirdische Fieslinge an, während die Stadt um einen herum langsam untergeht. Rund 12 Stunden oder drei "Call of Duty"-Kampagnen lang unterhält das dargebotene Endzeitszenario. Zu verdanken ist dies zum Großteil dem vom Nanosuit getriebenen taktischen Element. Im Hightech-Strampler wird man zum lautlosen Killer, späht Gegner und taktische Ziele von der Ferne aus oder schmettert Autos auf verbarrikadierte Widersacher. Ob der endlichen Energieressourcen ist man zum Denken gezwungen und kann als Freizeit-Rambo seine spielerischen Vorlieben noch dazu frei anpassen.  

Die Superkräfte sind zugleich die vielleicht einzige hervorzuhebende Attraktion des sonst kaum inspirierenden Mehrspielerparts. Immerhin wurden die inhaltlichen Zitate der bekannten Genreplatzhirrschen gut genug verwoben, um auch nach dem Abspann weiter motivieren zu können.

Das schönste Spiel am Markt?

Stellt sich abschließend natürlich die Frage, ob die Entwickler technisch halten konnten, was sie lautstark versprachen. Das Ergebnis ist eine Packung aus Schönheit und Makel. Während einem in manchen Szenen sprichwörtlich vor Verzückung der Atem wegbleibt, trüben verwaschene Texturen und massive KI-Fehler der computergesteuerten Gegnerschaft das Pixelfeuerwerk. Regelmäßig im Boden feststeckende oder wie verrückt im Kreis laufende Polygonsoldaten darf sich ein AAA-Werk trotz sauberer Animationen eigentlich nicht erlauben. Die Konsolenversionen leiden zudem an einer etwas durchwachsenen Bildwiederholungsrate. Und auf hohem Niveau könnten PC-Spieler beklagen, dass sich optisch gegenüber Crysis nicht all zu viel getan hat. Offensichtlich stand die Skalierbarkeit im Vordergrund.

Fazit

Der Sci-Fi-Kriegsschauplatz von "Crysis 2" lässt vor allem ein Versprechen wahr werden: Konsolenspieler können endlich in den Genuss der technischen, aber auch durch Superkräfte unterhaltenden spielerischen Qualitäten der in allen belangen gereiften Shooter-Serie kommen. Bleibt zu hoffen, dass CryTek darauf nun aufbauen und auch inhaltlich nachlegen kann. Auf lange Sicht interessant sein wird nicht zuletzt, ob sich die CryEngine 3 als Gerüst für Dritthersteller-Titel etablieren kann. Den von der Unreal Engine ermüdeten Spieleraugen würde die Abwechslung bestimmt gut tun.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 3.4.2011)

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Crysis 2

  • Crysis 2 (Crytek/EA) ist für PC, PS3 und Xbox 360 erschienen
    foto: ea

    Crysis 2 (Crytek/EA) ist für PC, PS3 und Xbox 360 erschienen

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