"Gaddafi ist völlig verrückt"

2. April 2011, 16:34
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"Totale Scheinheiligkeit" des Westens angeprangert

München/Wien - Für den Schweizer Soziologen, Ex-Politiker und früheren UNO-Sonderberichterstatter Jean Ziegler ist Libyens Machthaber Muammar Gaddafi "völlig verrückt". Der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates und ehemalige sozialdemokratische Genfer Nationalrat, der als diesjähriger Festredner der Salzburger Festspiele ausgeladen wurde, sagte in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" (sueddeutsche.de) vom März: "Der Fall Gaddafi könnte einen Psychiater interessieren". Er selbst habe den Despoten sechsmal getroffen und als "analytisch begabten" und "blitzgescheiten Menschen erlebt". Gaddafi glaube von sich, ein großer Theoretiker zu sein, aber sein "Grünes Buch" sei "total wirr", so Ziegler. "Jetzt redet er stockend und konfus. Gaddafi hat einen absoluten Realitätsverlust erlitten. Ich habe fast den Eindruck, er glaubt seine eigenen Lügen." 2009 hatte Ziegler eine offizielle Einladung zu den libyschen Revolutionsfeiern anlässlich des vierzigjährigen Bestehens des Regimes erhalten, die er ablehnte.

"Nach dem langen Embargo hat die westliche Staatengemeinschaft in ihrer totalen Scheinheiligkeit den Tyrannen Gaddafi 2005 wieder in ihren Schoß aufgenommen. Gaddafi wurde bis jetzt hofiert, weil Libyen gigantische Mengen Öl nach Europa liefert und mit seinen Petrodollars ein überaus interessanter Markt für westliche Firmen ist. Nach Jahren gedeihlichen Wirtschaftens hat der Westen jetzt freilich Mühe, in Gaddafi plötzlich den Feind zu sehen", sagte Ziegler in dem Interview. Er plädierte für die Sperrung des libyschen Luftraums: "Ich weiß nicht, ob das zum Sturz von Gaddafi führen würde. Aber es würde der Opposition die Möglichkeit geben, weiter nach Westen vorzudringen. Vor allem aber würde das Tausende Menschenleben retten, die Gaddafi sonst mit seiner Luftwaffe töten wird. (...) Wir erleben eine fürchterliche Tragödie. Die Libyer, dieses todesmutige Volk, kämpfen für die Werte des Westens, für unsere Werte. Für Freiheit. Für Menschenwürde. Sie rufen 'Wir sind das Volk', wie das die Deutschen 1989 gemacht haben", sagte der Schweizer Soziologe, der in seinem jüngsten Buch "Der Hass auf den Westen" beschreibt, wie sich die armen Völker zur Wehr zu setzen versuchen.

In seinem Buch "Die neuen Herrscher der Welt" rechnete Ziegler, vormaliger Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, mit der Unmoral der Mächtigen ab: "Warum sterben die Menschen an Hunger, wenn der Planet eigentlich alle ernähren könnte?". In seiner Heimat ist der frühere SP-Parlamentarier wegen seines Enthüllungsbuchs "Die Schweiz wäscht weißer" heftig angefeindet worden. Darin hatte er die Schweiz als "Weltwaschanstalt des Drogen- und Fluchtgeldes" charakterisiert. Die Bundesversammlung in Bern hatte 1995 mit den Stimmen der bürgerlichen Fraktionen die parlamentarische Immunität des Politikers aufgehoben.  (APA)

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