Zehntausende können nicht mehr in ihre Häuser zurück

2. April 2011, 08:38
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Durch Leck in Reaktorwand fließt verseuchtes Wasser ins Meer - Die japanische Regierung hat eingeräumt, dass die Sperrzone rund um Fukushima lange Zeit aufrechtbleiben wird

Aus einem Reaktor des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima fließt radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Grund sei ein Leck im Betonboden von Reaktor 2, teilte die Betreibergesellschaft Tepco am Samstag mit. Es sei eine Strahlung von 1000 Millisievert pro Stunde gemessen woden. Die natürliche Strahlenbelastung liegt zwischen einem und zehn Millisievert pro Jahr. Nach Angaben der japanischen Atomaufsicht will Tepco Beton in das Reaktorinnere pumpen, um das Leck zu stopfen.

Drei Wochen nach dem Tsunami und dem Beginn der Atom-Katastrophe besuchte Naoto Kan erstmals das Katastrophengebiet. Dabei traf er in der Sperrzone um Fukushima Arbeiter, die verzweifelt versuchen, das Unglück unter Kontrolle zu bekommen. In dem zerstörten Fischerdorf Rikuzentakata sprach Kan mit Flüchtlingen, die seit dem Tsunami in einer Notunterkunft leben. "Es wird ein langer Kampf werden, aber die Regierung wird mit Ihnen bis zum Ende zusammenarbeiten", versprach er.

Der in Umfragen unbeliebte Kan stand bereits vor dem Erdbeben politisch erheblich unter Druck, entweder zurückzutreten oder Neuwahlen anzusetzen. Auch für sein Krisenmanagement nach dem Beben steht er in der Kritik. (red/Reuters, 2.4.2011)

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Die japanische Regierung versucht zumindest optisch so etwas wie Normalität einkehren zu lassen. Am Freitag trat Sprecher Yukio Edano erstmals seit der Havarie im AKW Fukushima wieder in einem dunkelgrauen Anzug und nicht im blauen Overall vor die wartenden Journalisten. "Wir wollten zeigen, dass die Regierung nun auch in die Zukunft blickt", sagte Edano.

Der Blick nach vorn gibt derzeit allerdings wenig Grund zu Optimismus. Zehntausende Menschen, die in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima wohnen, werden möglicherweise nie wieder in ihre Häuser zurückkehren können. Der Boden könnte über Jahrzehnte verseucht sein. Die Evakuierung des Katastrophengebiets sei langfristig angelegt, sagte Edano. Es sei noch nicht abzusehen, wann die nukleare Krise zu Ende sein wird, räumte Premierminister Naoto Kan am Freitag ein. "Wir stellen uns auf einen langen Kampf ein."

Tepco muss zahlen

Der AKW-Betreiber Tepco werde für die Schäden zahlen müssen, betonte Kan. Eine Verstaatlichung des Konzerns strebe die Regierung zwar nicht an. Angesichts erwarteter Entschädigungsforderungen in Milliardenhöhe werde der Staat allerdings nicht um Finanzhilfen an das Unternehmen herumkommen. Die Zeitung Mainichi Shinbun berichtete hingegen, dass die Regierung sehr wohl die Kontrolle über Tepco übernehmen wolle. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass die Regierung dabei einen Anteil von mehr als 50 Prozent an Tokyo Electric Power erwerbe, hieß es in dem Bericht.

Kan wird heute, Samstag, die zerstörte Stadt Rikuzentakata und die Präfektur Fukushima besuchen. In die Nähe des AKWs wird Kan, der bisher nur mit einem Hubschrauber über das Katastrophengebiet geflogen ist, nicht fahren. Eine Ausweitung der 30 Kilometer breiten Evakuierungszone rund um das AKW lehnt die japanische Regierung weiterhin ab, obwohl dies die IAEO und die japanische Nuklearaufsicht am Donnerstag empfohlen hatten. Derzeit sind 70.000 Menschen betroffen. Würde die Sperrzone um nur zehn Kilometer erweitert, müssten 136.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden.

Hohe Werte bestätigt

Der Atomkonzern Tepco hat am Freitag frühere Messungen bestätigt, nach denen im Grundwasser nahe dem beschädigten Kernkraftwerk 10.000-fach erhöhte Werte von Jod 131 entdeckt worden waren. Tepco hatte die Analyse auf Anordnung der japanischen Atomsicherheitsbehörde wiederholen müssen, da es Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse gegeben hatte. Tepco hatte bereits vorher fehlerhaft gemessen.

In Fukushima versuchten Arbeiter am Freitag weiterhin, die verstrahlten Teile mit Kunstharz zu besprühen, um die Ausbreitung von radioaktivem Staub zu verhindern. Die Nuklearsicherheitsbehörde kritisierte die Bedingungen, unter denen die rund 500 Männer arbeiten. Nach dem Tsunami seien von den ursprünglich 5000 Strahlenmessgeräten nur noch 320 funktionstüchtig gewesen. Tepco habe die Arbeiter daraufhin in Teams eingeteilt und ein Messgerät pro Gruppe ausgegeben, um die Strahlenbelastung zu messen.

11.734 Todesopfer bestätigt

Drei Wochen nach der Bebenkatastrophe hat am Freitag eine großangelegte Suchaktion nach Opfern begonnen. Die mehr als 18.000 japanischen Soldaten werden von Polizei, Küstenwache, Feuerwehr und 7000 US-Soldaten bei ihrer Arbeit unterstützt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Freitag berichtete. Noch immer werden mehr als 16.000 Menschen vermisst, 11.734 Todesopfer sind bisher bestätigt.

Die 30-Kilometer-Sicherheitszone um das Atomkraftwerk Fukushima ist nach Angaben des Verteidigungsministeriums wegen der gefährlichen radioaktiven Strahlung von der Suche ausgeschlossen. Behörden vermuten mindestens tausend Tote in der Umgebung des AKWs. Pläne, die Leichen zu bergen, seien wegen der hohen radioaktiven Strahlung aufgegeben worden, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Eine Dekontaminierung der Toten erschwere zudem deren spätere Identifizierung. Eine Übergabe an die Angehörigen berge weitere Gefahren, ebenso eine Einäscherung der Toten, hieß es. (fern, DER STANDARD-Printausgabe, 2.4.2011)

  • Noch immer werden mehr als 16.000 Menschen unter den Trümmern vermisst, 11.500 Todesopfer sind bisher bestätigt.
    foto: epa/kimimasa mayama

    Noch immer werden mehr als 16.000 Menschen unter den Trümmern vermisst, 11.500 Todesopfer sind bisher bestätigt.

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