Siebenschläfer leben länger, wo es weniger Nahrung gibt

2. April 2011, 17:55
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Forscher vergleichen Populationen in verschiedenen europäischen Ländern

Wien - Auf Ergebnisse, die auf den ersten Blick paradox erscheinen, stießen Forscher beim Vergleich von Populationen des Siebenschläfers (Glis glis), eines kleinen europäischen Nagetiers, das mehr als sieben Monate des Jahres im Winterschlaf verbringt. Und zwar stellte sich heraus, dass Tiere in Gebieten mit reichhaltigem Futterangebot deutlich kürzer leben als solche in Gebieten, wo der Tisch weniger üppig gedeckt ist.

Die Langzeitstudie über die unterschiedliche Überlebensrate von Siebenschläfern in mehreren europäischen Ländern wurde von einer Gruppe um Thomas Ruf vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna koordiniert, die Ergebnisse wurden im Journal "Ecography" veröffentlicht. Karin Lebl, eine PhD-Studentin aus der Gruppe von Thomas Ruf, untersuchte gemeinsam mit Kooperationspartnern die Überlebensraten von Siebenschläfern in Österreich, Tschechien, England, Deutschland und Italien. Dem Einfluss der Jahreszeit, verschiedener Klimafaktoren und des Fortpflanzungsverhaltens schenkte sie dabei besondere Aufmerksamkeit.

Faktor Fortpflanzung

Siebenschläfer pflanzen sich nicht jedes Jahr fort - für kleine Säugetiere ein ungewöhnlicher Umstand, wie die Wissenschafter betonen. Die Begründung klingt aber einleuchtend: Die Nager sparen sich ihre Reproduktionsbemühungen für Jahre auf, in denen reichliches Angebot von Eicheln und Bucheckern besteht. Das wiederum - so stellte sich heraus - geschieht unregelmäßig und in unterschiedlichen Abständen.

In Deutschland beispielsweise gibt es bei den Siebenschläfern häufiger Nachwuchs als etwa im Untersuchungsgebiet in Norditalien. Lebl und Ruf fanden aber heraus, dass die Sterberaten in den Jahren signifikant höher waren, wenn die Tiere Nachwuchs hatten. Das mag mit der gesteigerten Zeit zusammenhängen, die sie mit der Futtersuche verbringen, während sie die Jungen säugen. Oder es hat seine Ursache in den direkten Energiekosten der Reproduktion. Das Fazit ist jedoch, dass Siebenschläfer in "guten" Habitaten in Deutschland, wo Eichen und Buchen regelmäßig Samen produzieren, im Durchschnitt weniger als vier Jahre leben, in weniger guten Habitaten wie in Norditalien mehr als doppelt so lange. Und obwohl die deutschen Siebenschläfer größere Würfe haben, produzieren sie in Summe wegen ihrer kürzeren Lebensdauer weniger Nachkommen als ihre italienischen Artgenossen.

Ein entscheidender Faktor scheint die Gefahr zu sein, der sich die Tiere aussetzen, wenn sie auf Nahrungssuche gehen und sich dabei einer ganzen Anzahl von Raubtieren - von Mardern über Eulen bis zu Katzen - präsentieren müssen; trotzdem ist der Zusammenhang noch nicht wirklich geklärt. Thomas Ruf dazu: "An den Klimaunterschieden kann es nicht liegen. Und wir haben keinen Nachweis dafür gefunden, dass Klimaänderungen eine Auswirkung auf das Überleben der Tiere haben. Unsere Arbeitshypothese ist, dass Art und Anzahl der Fressfeinde die Siebenschläferpopulation beeinflussen. Vielleicht gibt es weniger Fressfeinde in Italien oder die italienischen Siebenschläfer sind besonders gewieft in der Wahl ihrer Methoden, diesen Feinden zu entkommen." (red/APA)

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    Ein Siebenschläfer-Findling wird aufgepäppelt. Mit dem behüteten Leben ist es allerdings vorbei, sobald er alt genug ist, um ausgewildert zu werden: Dann darf er sich selbst den Herausforderungen von Nahrungssuche und Fortpflanzung stellen.

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