Alte Wege der Lust

1. April 2011, 17:21
6 Postings

Was ein Enthüller sein will, muss sich hierzulande auf Alfred Worm berufen - Geht nicht anders

Was ein Enthüller sein will, muss sich hierzulande auf Alfred Worm berufen. Geht nicht anders. Natürlich kann man sich auch berufen lassen. Als Berufer hat sich diese Woche "News"-Chefredakteur, "Heute" -Kolumnist und ORF-Talker Peter Pelinka förmlich überschlagen, als er die Titelbehauptung Alfred Worms Erbe ist gut aufgehoben im Untertitel seines Editorials mit dem Beweis untermauerte: Kurt Kuch legt Sümpfe trocken. Unser Politik-Chef landet einen Treffer nach dem anderen. Und im Text setzte er noch eins drauf: Derzeit überschlägt er sich förmlich in einschlägigen Storys und daraus folgenden Medienauftritten.

Statt sich durch Mitarbeit an der Titelgeschichte des Hefts - originellerweise Neue Wege zur Lust - förmlich zu überschlagen, was den darin verbreiteten Kalauern zum Thema Mehr Spass am Sex gewiss nicht geschadet hätte, widmete sich der Erbe Alfred Worms leider dem eher aussichtslosen Versuch, per Interview mit der Justizministerin Sümpfe trocken zu legen, dem schon mehr versprechenden, Uwe Scheuch als Sumpfpflanze zu botanisieren, und schließlich dem aufregenden Versuch, uralte Wege zur Lust auf nicht mehr ganz frischen Spuren nachzugehen: Heikel. Steirischer AMS-Chef ging mit Auftragnehmer ins Bordell. Wer zahlte die Rechnung?

Es geschah am 15. Dezember 2010, 18.58 Uhr, keine Minute früher, keine Minute später. Drei mit versteckten Minikameras ausgerüstete Privatdetektive starten eine "Vollobservation". Wer die drei mit versteckten -Minikameras ausgerüsteten Privatdetektive mit dem Auftrag zur "Vollobservation" ausgestattet hat, bleibt zunächst unenthüllt, aber der Aufwand war beeindruckend. Der flotte Dreier sollte auch ganze Arbeit leisten, daher: Überwachungsvideo. Drei Bilder daraus landeten bei "News". Eines zeigt eine Sitzecke im Hotel Marriott: Der AMS-Chef und besagter Auftragsnehmer treffen sich um 18.58 Uhr. Exakt 13 Minuten später, um 19.11 Uhr werden sie an einem Tisch sitzend in der Bar des Hotels vorgefunden. Sie trinken und unterhalten sich.

Was geschah in diesen 13 Minuten? Egal, denn erst um 23.53 Uhr wird es für die Ermittler interessant. Mit dem Taxi geht es ins nobelste Bordell Wiens, in das Babylon in der Seilerstätte. Wer den Interessen der Ermittler das Ziel wies, bleibt noch immer unenthüllt. Dafür das zweite Foto: Der Eingang des nobelsten Bordells Wiens von außen. Aber statt "Lass alle Hoffnung fahren, der du eintrittst": Um 0.01 Uhr trifft man im Etablissement Babylon ein. Zuvor war man in der Meierei im Stadtpark essen. Gemeinsam betreten sie den Nachtclub.

Die drei Vollobservanten sofort hinterdrein und Foto geschossen: schummriges Interieur. Dann eine Aufklärungslücke von geschlagenen anderthalb Stunden. 01.31 Uhr. Endlich: Die Prostituierte begibt sich von der Bar zur Rezeption des Nachtclubs. Dort hält sie sich einige Augenblicke auf. Danach kehrt sie an die Bar zurück. Im Anschluss sucht sie gemeinsam mit dem Steirer den Zimmerbereich des Nachtclubs auf. Der Auftragnehmer verweilt unterdessen an der Bar. Daran ändert sich auch um exakt 02.25 Uhr nichts, als die drei mit versteckten Minikameras ausgerüsteten Privatdetektive ad notam nehmen: Kehrt mit der Prostituierten aus dem Zimmerbereich zurück und gesellt sich zum Auftragnehmer an die Bar. Erst um 02.41 Uhr kommen auch die Observanten zum Höhepunkt, ohne dass jetzt enthüllt wird, wem sie diese Wonne zu verdanken haben. Steirer und Auftragnehmer verlassen die Bar und begeben sich zum Empfang. Dort bezahlt der Letztere, der sich eine Rechnung ausstellen lässt. Der Steirer bezahlt nichts. Dazu gibt es ein Protokoll, und die Observanten sind bereit, als Zeugen unter Eid auszusagen. Der Observierte behauptet in einem späteren Telefonat, er habe selbst bezahlt, gegenüber dem AMS habe er das belegen und alle Fragen "abschließend" beantworten können.

Hier wird deutlich, was Kurt Kuch auf einen Alfred Worm fehlt, und wenn er sich noch so förmlich überschlägt. Worm hätte enthüllt, wer die Privatdetektive mit versteckten Minikameras auf den AMS-Chef angesetzt hat und welcher Verdacht ihn dazu bewog. Bei Kuch erfährt man dreieinhalb Monate später dazu nichts, der Leser wird sich in Zeiten wie diesen schon etwas denken. Vor allem aber hätte Worm nicht geruht zu klären, warum sich die Observanten nur dafür interessierten, wer die Rechnung im nobelsten Bordell Wiens, aber nicht, wer sie in der Meierei im Stadtpark beglichen hat. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 2./3.4.2011)

Share if you care.