Scharlatane, Narzissten und Coaches

3. April 2011, 22:40
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Coaching für jede Lebenslage, für jedes Bedürfnis: Die Angebote wachsen exponentiell, die Qualität ist höchst unterschiedlich. Geht es nur um ein Geschäft mit Sehnsucht, um Optimierung?

"Die Scharlatane aller Zeiten waren Meister der Menschenkenntnis und der Menschenbehandlung, immer mieden sie die denkenden und wendeten sich an die gläubigen Menschen", schreibt der Sozialwissenschaftsprofessor Holger Rust in seiner aktuellen Kolumne im Harvard Business Manager zur Coaching-Frage. Coaches, Trainer, Berater hätten eine Klientel mit attraktiven Eigenschaften: Zahlungskräftigkeit gehöre dazu, Sehnsucht und das Hoffen. Und genau diese brauchten Wiederaufbauhilfe, weil sie doch als "Nieten im Nadelstreif", als Gierschlünde, Raffkes & Schlaffkes beschimpft werden.

Wie unterscheidet man in diesem Sehnsuchtsbusiness Scharlatane von echten Unterstützern und Helfern? Eine komplexe Frage, die Holger Rust einmal in Negativselektion beantwortet: Wenn aus einer einzigen Feder alles (Erfolgsrezept, Karriereturbo, Konflikt-, Projekt-, Zeit- und Ernährungsmanagement) kommt, werde es gefährlich. Nichtssagende Floskeln in der Vorstellung à la "renommiertest" dürfen demnach auch als Warnung gelten, ebenso wie Sendungsbewusstsein à la "Lebensprojekt". "Abertausende begeisterte Seminarteilnehmer" sollten auch skeptisch machen. Holger Rust hat wirkliche Entscheider, sagt er, noch nie getroffen, die enthusiasmierte Absolventen der am heißesten verkauften Seminare sind.

Dschungel-Industrie

Also: Empfehlung und Referenz aus glaubwürdiger Quelle dürfte doch eine zentrale Information für die Wahl eines Coaches sein. Was sonst noch zweckdienlich ist, beschreibt Erik Lindner in seinem neuen Buch Coaching-Wahn - Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen. Dort versucht er zunächst eine Einordnung des Phänomens, dass mittlerweile für so gut wie alle Lebensbereiche Coaching angeboten wird. Man dürfe wohl, sagt auch Lindner, von einer Industrie sprechen, deren vorgeschaltete Ausbildungsindustrie allerdings in puncto Geldumschlag auch nicht zu vergessen ist.

Wie grau und in der Qualität absolut unterschiedlich das Terrain ist, zeige schon die Schwierigkeit bei der Beantwortung der schlichten Frage: "Was ist Coaching?" "Psychotherapie für Gesunde" wäre da eine der Antworten aus dem Buch - der Rest sei nicht verraten zwecks Aufrechterhaltung der Spannung. Dass das Porträt der exponentiell anwachsenden Branche (ohne geschützten Berufstitel) im Coaching-Wahn ebenso kritisch ausfällt wie die Analyse der Coachees, derer, die auf permanenter Suche nach Optimierung, Orientierung und Identität sind, ist nunmehr klar.

Ein bisschen leichter macht Lindner den Zu- und Umgang schon, indem er Vertreter zu Wort kommen lässt, seriöse und weniger seriöse Ausbildungen sortiert und nach Einblick in Narzissmus, Humbug und Scharlatanerie letztlich dazu motiviert, sich selbst sehr genau zu fragen, wie denn die eigenen Bedürfnisse gelagert seien.

Dass im Business Coaching mittlerweile zu einem Statussymbol aufgestiegen ist und möglichst hochpreisige Angebote als mitbestimmend für den Wert eines Managers gelten - diese soziale Phänomenologie vertritt auch Erik Lindner. Für Deutschland spricht er im oberen Segment von Stundensätzen deutlich über 400 Euro. Berichten zufolge ist das in Österreich nicht anders. Management-Coach Boris Grundl hat recht, wenn er rezensiert: "Eine Pflichtlektüre für jeden, der den Coaching-Dschungel durchdringen will." (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.4.2011)

Buchtipp

Erik Lindner "Coaching-Wahn - Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen", Econ 2011, ISBN 978-3-430-20101-8

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    Coaching - Psychotherapie für Gesunde?

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