Wo bin ich gewesen?

1. April 2011, 17:58
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    foto: apa/dpa/martin gerten

    Und schon hat einer TAGESLICHT gerufen, und ein anderer hat SONNE gesagt, und es herrschte tiefstes Einverständnis unter ihnen, obwohl ich bezweifle, dass einer von ihnen weiß, was SONNE eigentlich bedeutet.

Ein Glas Dunkelheit: Traum oder Trauma, Ahnung oder Erinnerung, Wirklichkeit oder Realität. Ein Sprachweg - Von Alfred Goubran

Ich frage mich, wo ich gewesen bin, in der Zeit vor ihrer Rückkehr. Nicht im Ausland. Ich war nie im Ausland. Auch damals nicht. Ich habe gar nicht versucht fortzugehen. Wegzukommen. Die Angst hat den Ort ausgewaschen. Und die Landschaft menschenöd gemacht. Das Wild wird aufgebrochen, sagen die Jäger. Ausgeweidet. Entkernt. Entbeint. Ganz weich ist die Landschaft geworden. Selbst aus der Hauptstadt sind die Menschen geflohen, von bösen Ahnungen getrieben, ausgeschwappt über die Grenze, von immer neuen Schreckensmeldungen aus dem Land gejagt.

Abenteuerliche Fluchten waren das. Einer hat mir erzählt, wie er damals, er sei noch ein Kind gewesen, mit seinen Eltern nachts den großen Grenzfluss im Osten überquert hat, die Mutter band ihm eine Schnur um das Handgelenk, der Vater sei vorausgeschwommen, drei Köpfe sehe ich über dem nachtschwarzen Wasser, die Köpfe von Tieren, Kälbern vielleicht, vielleicht Pferde, dahinter der Wald, die näherrückende Böschung ...

Die Angst als einzige Grenze

"Und dann?", habe ich gefragt, aber es kommt keine Antwort, nie kommt eine Antwort, vielleicht weil es schon damals keine Grenzen mehr gab und kein Ausland, in das zu fliehen lohnte, vielleicht, weil die Angst die einzige Grenze war, die es zu überwinden galt, gut möglich auch, dass diese Grenze in ihnen war, dass sie selbst diese Grenze waren, und so ist es nur natürlich, dass die Grenzen mit ihnen zurückgekommen sind, Mauern und Mäuerchen, die sie mit sich herumschleppen, in ihren kleinen mausgrauen Rucksäcken und Tornistern, die sie mitgebracht haben und ohne die sie nicht mehr auf die Straße gehen, es kann mir auch egal sein, denke ich mir, es macht mir nichts mehr aus, dass ich nicht weiß, wo sie gewesen sind, dass sie es mir nicht sagen, gut möglich auch, dass sie es selbst nicht wissen, vielleicht hat der Ort, an dem sie gewesen sind, keinen Namen, ein dunkler Ort vielleicht, ein Nichtort, gut möglich, dass dort Dinge geschehen sind, die unsagbar sind, die ungesagt bleiben sollen ... Ich weiß es nicht ... Ich kann es nicht wissen.

Tatsache ist, dass sie auch untereinander nie darüber reden, nur manchmal über die Zeit der Flucht, Kindheitserinnerungen sind das, erste Bilder, Abenteuergeschichten, danach die Abwesenheit, die große Dunkelheit, aus der sie zurückgekehrt sind, wortlos, mit ihren Rucksäcken und Tornistern, fraglos, menschliche Gegend, Reste von Landschaft, wie sie vielleicht früher einmal war.

Fragmente von Leben

Reste von Sprache. Fragmente von Leben. Tatsache ist, dass wir keine gemeinsamen Erinnerungen haben. Kein Gedächtnis, das die Jahre der Abwesenheit fasst. Also sehen wir uns die alten Filme an. Bilder aus den Städten, in die niemand mehr geht. DER PLATZ, DIE U-BAHN-STATION. DIE HAUSEINFAHRT, DIE TIEFGARAGE ... Filme ohne Ton, die immergleichen Aufnahmen, die immergleiche Einstellung.

Stundenlang sitzen wir vor der Leinwand. Alte Leute am Fenster, die auf die Straße schauen. Autos fahren vorbei, ein Zug hält an, das Öffnen der Türen, das Schließen, der Zug fährt ab, ein Papierknäuel schlingert im Fahrtwind über den Bahnsteig, manchmal sind Menschen zu sehen, wandernde Schatten, die Körper aus dunklem Rauch, diese Menschen: Sie sind uns nicht ähnlich, sie werden wie Puppen durchs Bild gezogen, mechanische Kreaturen.

Beim wiederholten Ansehen schärfen sich die Konturen, Kontraste werden sichtbar, Details. Die Bewegungen aber werden in der Wiederholung ruckhafter, unnatürlich. Die Bewegung erfasst nicht die ganze Gestalt. Durchfließt sie nicht. Die Gestalt zerfällt. Nur die Kontur hält sie zusammen. Anfangs haben wir auf der Leinwand kaum etwas erkannt, nur unterschiedslos, amorph verfließende Schatten, erst mit der Zeit zeigten sich uns vertraute, ein Hydrant, ein Gehsteig, ein Abfallkorb, Kacheln an den Wänden, Verstrebungen, Treppen und Bahnsteigen ... Schuld daran, wie damals viele meinten, sei das Licht in den Filmen, das wir nicht gewohnt waren. Und schon hat einer TAGESLICHT gerufen, und ein anderer hat SONNE gesagt, und es herrschte tiefstes Einverständnis unter ihnen, obwohl ich bezweifle, dass einer von ihnen weiß, was SONNE eigentlich bedeutet.

Ich ritze mir mit dem Daumennagel einen Kreis in die Handfläche der linken Hand: SONNE. Wieder und wieder fahre ich mit dem Daumennagel den Kreis entlang. Grabe. Lieber Gott, kannst du mir sagen, wie viel hat die Uhr geschlagen. HANDSONNENUHR. Gelbes, warmes Licht, goldene Himmelsschnüre, Feuerdünen. Glast und ... FARBEN, sagt die Sprache in mir, zu der ich keinen Zugang habe, weil ich nicht weiß, was die Worte bedeuten, und ich finde auch keine Zeichen dafür, die ich mir in die Handinnenfläche ritzen könnte, also frage ich mich, während der Singsang andauert und ich mir die Himmelsuhr in die Haut grabe, wo ich gewesen bin, in der Zeit in ihrer Abwesenheit, aber es kommt keine Antwort, nie kommt eine Antwort.

Insgeheim wünsche ich mir, dass ich nirgendwo gewesen, dass ich hiergeblieben bin, dass ich nie dort war, wo die anderen gewesen sind, aber ich weiß es nicht, ich kann es nicht wissen, es gibt keine Gewissheit, solange die Antwort ausbleibt, nur dass ich keinen Tornister und keinen Rucksack trage, gibt mir ein wenig Hoffnung, aber das muss nichts heißen, ich kann ihn verloren haben, oder er wurde mir gestohlen, also lasse ich mich sprechen, sage FARBE, wenn die anderen SONNE sagen, und das macht sie wütend.

Reizt mich nicht

Ich weiß, dass es sie wütend macht, dann schreien sie mich an, SONNE und TAGESLICHT brüllen, weil es die einzigen Wörter sind, die sie nicht verstehen, aber das ist kein Gesang, und ich weiß, dass sie mich am liebsten wieder schlagen würden und nach mir treten und mir den Lappen auf das Gesicht legen und dann das Wasser laufen lassen, bis ich die Besinnung verliere und die Sprache in mir verstummt, aber dazu kommt es nicht, ich weiß nicht, warum sie damit aufgehört haben, also lasse ich meinem Singsang freien Lauf, wiederhole, wenn das Geschrei zu laut wird, meinen Fluchsatz oder denke mir REIZT MICH NICHT, SONST KOMME ICH AUS MEINEN TRÄUMEN ZU EUCH, gerade so laut, dass sie es noch hören können, das genügt meist, um sie auf Distanz zu halten, gelingt es nicht, kommen die falschen Erinnerungen, und dann es ist mir, als Antwort auf meine Frage WO ICH GEWESEN BIN, als sei ich in Kellern gehockt, das Wasser tropft von den Wänden, die Häuser sind kaputtgeschossen, Schnee liegt in den Zimmern, draußen lauert ein unsichtbarer Feind, und ich hause in Ruinen, allein, ein Rest von etwas, aber ich weiß, dass es nicht so war, diese Erinnerungen habe ich nur, solange die anderen im Raum sind, sie wollen, dass ich das erinnere, bin ich allein, gehen auch diese Erinnerungen weg, das Licht erlischt, sie lassen mich schlafen, aber jetzt bin ich wach, mein Singsang verstummt, ich höre auf, mich zu fragen, wo ich gewesen bin und ritze mir keine Zeichen mehr in die Haut, ich lege meine Hand in deine und wir gehen in die alten Filme hinein, und ich, um dich nicht zu erschrecken, tue so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, du siehst mich an, sagst SONNE und ich nicke.

Ich mag es, wenn du dich freust. Es ist der erste schöne Tag in diesem Jahr. Du sagst: "Endlich Sommer". In meinem Rücken höre ich Stimmen. Ich drehe mich um, aber es sind nur Passanten. (Alfred Goubran, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 2./3. April 2011)

Alfred Goubran, Jahrgang 1964, geboren in Graz, aufgewachsen in Kärnten, lebt in Wien. Umfangreiche literarische Tätigkeit als Schriftsteller, Rezensent und Übersetzer ("Der parfümierte Garten", "Die gelbe Tapete"). Goubran ist Mitglied des Moscow Poetry Club. Zuletzt erschien von ihm im Braumüller-Verlag sein Debütroman "Aus".

Hinweis: Alfred Goubran liest am 7. April um 19 Uhr im ÖNB- Literatursalon, Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek, Josefsplatz 1, 1010 Wien, aus seinem Roman Aus.

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Hallo Alfred, ich wünsche Dir gutes (gütiges) Gelingen

für die heutigen Lesung.

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