"Zeitungen werden von ihren Lesern erzogen"

1. April 2011, 15:10
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Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", war zu Gast in Wien: "Print ist nicht per se zum Aussterben verdammt"

"Die letzten vier Jahre waren die besten Geschäftsjahre mit der höchsten Auflage", sagt Giovanni di Lorenzo. Der Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" ortet eine "verheerende Propaganda", die nicht die Realität widerspiegle: "Print ist nicht per se zum Aussterben verdammt." In den Chor der Pessimisten, die den Untergang des Gedruckten prognostizieren, will er naturgemäß nicht einstimmen. "Wir mussten in den Krisenjahren keinen einzigen entlassen", sagt di Lorenzo, "das unterscheidet uns von vielen anderen". Übers Zeitungsmachen, sein Buch "Wofür stehst du?", Politikerbeschimpfungen und seine "Hassliebe" zu seinem Heimatland Italien sprach di Lorenzo am Donnerstag beim Wiener Stadtgespräch.

Erlöse verschieben sich

Die Rahmenbedingen für Verlage haben sich geändert, sagt der 52-jährige und verweist auf die Einnahmequellen der "Zeit". Nur mehr 40 Prozent der Erlöse werden über Anzeigen generiert, 40 Prozent kommen vom Vertrieb und 20 Prozent über Nebengeschäfte. Vor ein paar Jahren lag der Anteil der Inserate am gesamten Geschäft noch bei rund zwei Drittel. "Das verschiebt sich immer mehr."

75 Prozent der über 14-Jährigen lesen in Deutschland Tageszeitungen. Für di Lorenzo genügend potenzielle Käufer, um erfolgreich Zeitung zu machen. Er räumt aber ein, dass die Gruppe der Leser jedes Jahr um ein Prozent schmilzt. Eine Entwicklung, die nichts mit dem Internet zu tun habe. Die Ursache sei demografischer Natur. Dem Internet steht er ambivalent gegenüber. Einerseits konstatiert er eine Demokratisierung des Journalismus, andererseits eine "erschreckende Tendenz zur Verrohung", die sich im Schutze der Anonymität abspiele, sowie einen Hang zu Verschwörungstheorien, die in Foren und Blogs kursieren.

Zeitung als "Anwalt der Leser"

Die Zeitung der Zukunft, sagt di Lorenzo, müsse den Lesern das Gefühl vermitteln, ihr Anwalt zu sein. "Viele setzen Zeitungen mit Politikern gleich und sehen sie nicht mehr als ihre Fürsprecher." Diesen Kardinalfehler hätten große amerikanische Blätter begangen. Im Zuge des Einmarschs in den Irak haben sie kritiklos die Regierungspropaganda nachgebetet, kritisiert er. Viele Leser seien ins Internet abgewandert.

Realitätsverlust

Großen Wert legt di Lorenzo auf die Partizipation der Rezipienten, die er liebevoll als "Feinde" bezeichnet. "Zeitungen werden schließlich von ihren Lesern erzogen." Von ihrer Kritik- und Kontrollfunktion können Journalisten nur profitieren, da viele in dem Metier in einer Art Elfenbeinturm leben und unter Realitätsverlust leiden, so "Zeit"-Chef. Als Maxime für seine Mitarbeiter postuliert er einen Journalismus, der nicht selbstbezogen sein darf: "Jeder Artikel sollte so geschrieben sein, dass er von jedem verstanden wird." 30 Prozent der "Zeit"-Leser verfügen "nur" über einen "einfachen Schulabschluss".

Leserbriefe erfüllen für di Lorenzo eine wichtige Feedback-Funktion, gleichzeitig sind sie aber ein Instrumentarium für Beschimpfungen: "E-Mails haben zu einer Verrohung des Tons geführt." Dennoch versucht er jedem Leserbriefschreiber zu antworten, der ihn nicht gerade als "letzten Deppen auf Erden" bezeichnet.

Glauben bedeutet zweifeln

Apropos Beschimpfungen. Für wüste Reaktionen hat beispielsweise vor einem Jahr die Einführung des neuen "Zeit"-Ressorts "Glauben und Zweifeln" geführt, erzählt di Lorenzo: "Es gab erboste Leser, die uns sogar ihre Fäkalien geschickt haben." Jede neue Idee sei eine Aggression. Vor allem wenn die Käufer tendenziell religionskritisch sind. Für den Journalisten sind Glauben und Zweifel untrennbar miteinander verbunden. In seinem Buch "Wofür stehst du?" überraschte er mit dem "Geständnis", dass im Hause di Lorenzo vor den Mahlzeiten gebetet wird. Weiters beschrieb er seine Anteilnahme am Tod des Papstes: "Das öffentliche Sterben hat mich sehr getroffen, ich habe um ihn getrauert."

Intime Bekenntnisse

Themen, die in Deutschland für eine kräftige Resonanz gesorgt haben. Die Intensität war für di Lorenzo überraschend, sagt er. Überhaupt habe ihn das ganze Buch sehr viel Überwindung gekostet, da es tiefe Einblicke in sein Privatleben gewähre. Ein Bereich, den er vorher komplett aus den Medien gehalten habe, aber: "Ich dachte, es ist nicht wahrhaftig, wenn ich nicht sage, dass ich eine religiöse Prägung hatte." Im Zuge des Schreibens seien "tiefe Schichten" freigelegt worden. In einem anderen Beitrag beschreibt di Lorenzo den Umzug von Italien nach Deutschland. Der gebürtige Italiener, der seit einigen Jahren Doppelstaatsbürger ist, zog im Alter von zehn Jahren nach Deutschland. "Ein großer Einschnitt in meinem Leben, der damals sehr hart war."

Auf seine italienischen Wurzeln ist di Lorenzo stolz. Die Liebe zum Fußballclub Juventus Turin ist geblieben, jene zu Silvio Berlusconi wurde im Keim erstickt. Schon vor vielen Jahren. Er schrieb im Jahr 1987 seine Diplomarbeit über das italienische Fernsehen und Silvio Berlusconi. Danach hatte er ein lukratives Angebot, für den Medienzar zu arbeiten. Zum Glück habe er sich gegen das Geld und für die Überzeugung entschieden, meint di Lorenzo: "Im TV-Konzern ist es zugegangen wie in 'Dallas' und 'Denver Clan'."

Zweck heiligt die Mittel

Undercover-Recherchen, wie etwa jene der britischen "Sunday Times", die EU-Parlamentarier Ernst Strasser zu Fall brachten, sind für di Lorenzo zwar prinzipiell begrüßenswert, aber dennoch ein zweischneidiges Schwert. "Das persönliche Täuschen von Menschen ist ein Problem." Man müsse die Legitimation immer im Einzelfall abwägen, aber: "Mit Anmeldungen hätte Günther Wallraff seine Reportagen nie machen können."

Eine Lanze bricht di Lorenzo für deutsche Politiker. "Kein Wunder, dass niemand diesen Job machen will." Die besten Köpfe eines Jahrgangs würden andere Wege einschlagen: "Deswegen verlange ich zumindest ein bisschen Respekt für jene, die sich das noch antun."

Parallelen

Um Demagogen wie Strache & Co. zu entzaubern, empfiehlt er österreichischen Medien, diese nicht zu verdammen, sondern ihnen mit "Fantasie etwas entgegenzusetzen". Wut werde von Ratio besiegt. Eine Vernunft, die in Italien nicht mehr zu verorten ist: "In dem Moment, wo das Aufdecken von Skandalen keine Konsequenzen mehr hat, ist die demokratische Kultur gekippt." In einem Land, wo das Fernsehen so dominant ist, können Zeitungen schreiben, was sie wollen. Ohne Effekt, denn die Aufdecker werden ohnehin nur als Kommunisten verunglimpft, sagt di Lorenzo. (om, derStandard.at, 1.4.2011)

  • Giovanni di Lorenzo, seit 2004 Chefredakteur der "Zeit", TV-Moderator und Autor, war zu Gast in Wien.
    foto: christian fischer

    Giovanni di Lorenzo, seit 2004 Chefredakteur der "Zeit", TV-Moderator und Autor, war zu Gast in Wien.

  • Im Herbst erschien das Buch "Wofür stehst du?", das der 52-Jährige im 
Doppelspiel mit dem deutschen Journalisten und Schriftsteller Axel Hacke
 schrieb.
    foto: christian fischer

    Im Herbst erschien das Buch "Wofür stehst du?", das der 52-Jährige im Doppelspiel mit dem deutschen Journalisten und Schriftsteller Axel Hacke schrieb.

  • Peter Huemer im "Wiener Stadtgespräch" mit di Lorenzo in den Räumlichkeiten der Arbeiterkammer.
    foto: christian fischer

    Peter Huemer im "Wiener Stadtgespräch" mit di Lorenzo in den Räumlichkeiten der Arbeiterkammer.

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