Früher Atomausstieg benötigt laut Studie Milliardeninvestitionen
Berlin - Weder in der deutschen Regierung noch in
der schwarz-gelben Koalition gibt es nach Angaben von
Regierungssprecher Steffen Seibert eine Entscheidung, dass die
ältesten Atomkraftwerke in Deutschland nicht wieder ans Netz gehen.
"Es hat keinerlei politische Festlegung gegeben, wie man am Ende des
Moratoriums handeln wird", sagte Seibert am Freitag in Berlin.
Zuvor hatte die "Leipziger Volkszeitung" berichtet, die Partei-
und Fraktionschefs von Union und FDP hätten sich am Dienstag auf
einen Ausstiegsfahrplan für die zurzeit abgeschalteten sieben
Alt-Reaktoren und den bereits zuvor vom Netz genommenen Pannenreaktor
Krümmel verständigt. Dabei sei eine Grundsatzvereinbarung gut
geheißen worden, wonach die acht Atomkraftwerke nach Ablauf des
dreimonatigen Moratoriums Mitte Juni abgeschaltet blieben.
Ein früherer Ausstieg aus der Atomenergie würde indes einer Studie
zufolge erhebliche Investitionen in den Aufbau von Ersatzkapazitäten
notwendig machen. Sollte die Koalition auf den rot-grünen
Ausstiegsbeschluss zurückgreifen, wonach der letzte Reaktor
voraussichtlich 2020 vom Netz ginge, drohe eine Produktionslücke von
10.000 Megawatt, heißt es in der am Freitag veröffentlichten
Trend:Research-Analyse für das "Handelsblatt". Das entspreche etwa
der Leistung von zehn großen Gas- oder Kohlekraftwerken. Union und
FDP hatten 2010 eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten um bis zu 14
Jahre beschlossen, erwägen nach der Katastrophe in Japan aber wieder
eine frühere Abschaltung.
"Das endgültige Aus der sieben Meiler, die derzeit bereits
abgeschaltet sind, ließe sich ohne Versorgungsengpässe verkraften",
zitierte die Zeitung den Trend:Research-Experten Tom Hoemske. Sollten
aber die restlichen zehn AKW auch früher als geplant vom Netz gehen,
würden große Anstrengungen für den Ausbau von Ersatzkapazitäten
notwendig. Die bereits geplanten Investitionen in den Kraftwerkspark
reichten nicht aus, um den schnelleren Ausstieg zu kompensieren.
Spätestens ab 2015 müsste zusätzlich in Kohle- oder Gaskraftwerke
investiert werden, heißt es in der Studie, die Reuters vorliegt.
Die Analyse orientiert sich an der "gesicherten Leistung" der
Stromproduktion, die sowohl die Stillstände konventioneller
Kraftwerke als auch die Schwankungen bei der Einspeisung erneuerbarer
Energien etwa aus Wind und Sonne berücksichtigt. Demnach sind derzeit
85 neue Kohle- und Gaskraftwerke in Planung, von denen aber erst 21
im Bau sind oder kurz vor dem Baubeginn stehen. Bei 29 hält
Trend:Research die Realisierung für ungewiss, bei weiteren 35 sogar
für eher unwahrscheinlich. Der Hintergrund seien Proteste von Bürgern
und Gemeinden.
Hoemske zufolge müssten bis 2020 rund 18 Milliarden Euro
zusätzlich in Kohle- und Gaskraftwerke investiert werden, um einen
früheren Atom-Ausstieg abzufedern. Die Folgen wären höhere
Strompreise - auch weil die Betreiber anders als bei AKW
Emissionszertifikate kaufen müssten. Parallel dazu müsste der Ausbau
von Öko-Energie stärker angeschoben werden, um die deutsche
Klimaschutzbilanz nicht zu verhageln. Dafür werden von Trend:Research
weitere 37 Milliarden Euro veranschlagt. (APA/Reuters)