"Keine Festlegung" auf Aus für alte Atommeiler

1. April 2011, 12:47
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Früher Atomausstieg benötigt laut Studie Milliardeninvestitionen

Berlin - Weder in der deutschen Regierung noch in der schwarz-gelben Koalition gibt es nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert eine Entscheidung, dass die ältesten Atomkraftwerke in Deutschland nicht wieder ans Netz gehen. "Es hat keinerlei politische Festlegung gegeben, wie man am Ende des Moratoriums handeln wird", sagte Seibert am Freitag in Berlin.

Zuvor hatte die "Leipziger Volkszeitung" berichtet, die Partei- und Fraktionschefs von Union und FDP hätten sich am Dienstag auf einen Ausstiegsfahrplan für die zurzeit abgeschalteten sieben Alt-Reaktoren und den bereits zuvor vom Netz genommenen Pannenreaktor Krümmel verständigt. Dabei sei eine Grundsatzvereinbarung gut geheißen worden, wonach die acht Atomkraftwerke nach Ablauf des dreimonatigen Moratoriums Mitte Juni abgeschaltet blieben.

Ein früherer Ausstieg aus der Atomenergie würde indes einer Studie zufolge erhebliche Investitionen in den Aufbau von Ersatzkapazitäten notwendig machen. Sollte die Koalition auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss zurückgreifen, wonach der letzte Reaktor voraussichtlich 2020 vom Netz ginge, drohe eine Produktionslücke von 10.000 Megawatt, heißt es in der am Freitag veröffentlichten Trend:Research-Analyse für das "Handelsblatt". Das entspreche etwa der Leistung von zehn großen Gas- oder Kohlekraftwerken. Union und FDP hatten 2010 eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten um bis zu 14 Jahre beschlossen, erwägen nach der Katastrophe in Japan aber wieder eine frühere Abschaltung.

"Das endgültige Aus der sieben Meiler, die derzeit bereits abgeschaltet sind, ließe sich ohne Versorgungsengpässe verkraften", zitierte die Zeitung den Trend:Research-Experten Tom Hoemske. Sollten aber die restlichen zehn AKW auch früher als geplant vom Netz gehen, würden große Anstrengungen für den Ausbau von Ersatzkapazitäten notwendig. Die bereits geplanten Investitionen in den Kraftwerkspark reichten nicht aus, um den schnelleren Ausstieg zu kompensieren. Spätestens ab 2015 müsste zusätzlich in Kohle- oder Gaskraftwerke investiert werden, heißt es in der Studie, die Reuters vorliegt.

Die Analyse orientiert sich an der "gesicherten Leistung" der Stromproduktion, die sowohl die Stillstände konventioneller Kraftwerke als auch die Schwankungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien etwa aus Wind und Sonne berücksichtigt. Demnach sind derzeit 85 neue Kohle- und Gaskraftwerke in Planung, von denen aber erst 21 im Bau sind oder kurz vor dem Baubeginn stehen. Bei 29 hält Trend:Research die Realisierung für ungewiss, bei weiteren 35 sogar für eher unwahrscheinlich. Der Hintergrund seien Proteste von Bürgern und Gemeinden.

Hoemske zufolge müssten bis 2020 rund 18 Milliarden Euro zusätzlich in Kohle- und Gaskraftwerke investiert werden, um einen früheren Atom-Ausstieg abzufedern. Die Folgen wären höhere Strompreise - auch weil die Betreiber anders als bei AKW Emissionszertifikate kaufen müssten. Parallel dazu müsste der Ausbau von Öko-Energie stärker angeschoben werden, um die deutsche Klimaschutzbilanz nicht zu verhageln. Dafür werden von Trend:Research weitere 37 Milliarden Euro veranschlagt. (APA/Reuters)

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    Vor dem AKW Biblis weht die deutsche Fahne

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