Subjektive Objektivität

1. April 2011, 17:30
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Max Frischs Fragen fehlen uns. Dringend müssten wir ihn nicht nur lesen, sondern weiterdenken. Das will hier ein Schweizer Autor, der Frischs Enkel sein könnte. Von Dante Andrea Franzetti

Ich stelle mir Max Frisch, den 99-jährigen Greis vor, immer noch schreibend (Notate), doch wach genug, um Veröffentlichungen auf ein Datum nach seinem Tod hin zu verschieben, wie er es mit dem ominösen Berliner Tagebuch gehalten hat, das noch der Publikation harrt. Wie wäre er? Giftig? Oder versöhnt? Gleichgültig, wie viele Alte? Kein Journalist käme mehr an ihn heran.

Das Tagebuch 1946-1949: Es ist sein erstes, doch die Bezeichnung Tagebuch ist abwegig. Es geht nicht um Tage, und um Alltag geht es nur insofern, als sich daran etwas veranschaulichen lässt: über Episodisches hinaus. Große Skizzen, die sich aus kleineren zusammensetzen: Die Striche auf dem Blatt berühren sich, der Stift fährt ein zweites, ein drittes Mal über die Zeichnung, verstärkt und erweitert sie.

Die Komposition einer Epoche aus Perioden: Zeitgeschichte, gespiegelt in einem Einzelnen, in ihm und um ihn herum. Das Paradox von Frischs subjektiver Objektivität: Der Autor, immer im Fluss, steht doch reglos auf seiner Barke. Deutschland in Trümmern, der Anblick absoluter Trostlosigkeit, und dann die Prager Studenten, die frei und hoffnungsvoll planen, überhaupt die Hoffnung des Ostens: noch in derselben Periode weggeputscht durch die Sowjets.

Kalter Krieg: So weit entfernt ist der 50-jährige Enkel nicht. Diesen Krieg spürte man bis in die 80er-Jahre, eigentlich bis zu Frischs Tod im Jahr 1991. In Frischs Heimat waren es keine lebensgefährlichen Zeiten, aber man konnte schnell ausgeschlossen werden aus der bürgerlichen Welt, aus der Berufswelt. Als ich an einer Staatsschule in Zürich unterrichtete, herrschten noch Beklemmung und Schweigen im Lehrerzimmer nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl: Wer Entsetzen geäußert hätte, wäre eingeordnet worden unter die Aktivisten gegen die Atomkraft, wäre unter Verdacht gekommen, linksgerichtet zu sein, über das erlaubte Maß hinaus. Die Schweiz brauchte keine Notstandsgesetze, die Kontrolle übernahmen die Kollegen. Im Gegensatz zum späteren Tagebuch (1966-1971) erscheint das ältere als feiner gearbeitet, sorgfältiger in den Beschreibungen. Es wirkt wie ein Bauplan (Frisch war Architekt), präzise noch in den Details. Fabeln und Skizzen: Ein Rechtsanwalt anerkennt Diebstahl nicht mehr als Delikt, in der Kleinstadt ist es damit aus mit ihm. Ein armer Schlucker lässt sich von einem Harlekin-Mephisto zum reichen Leben verführen; der Preis sind zwei Morde. Ein Homo technicus will sich am Steuer nicht ablösen lassen und fährt übermüdet seine Frau in den Tod (er hatte Vortritt). Der Diplomat eines Kleinstaates nimmt die Kriegserklärung des etwas größeren Kleinstaates entgegen, verliebt sich während des Aufenthaltes: Solange Politik abstrakt ist, nur ein Papier wie eine Kriegserklärung, und die Truppen noch nicht marschieren, behalten private Bedürfnisse die Oberhand.

Wer wach ist, damals, begräbt den Kommunismus (Frisch ist wach). Seine Skepsis gegenüber Bertolt Brecht: dennoch ein respekt-, ja liebevolles Porträt des Mannes, den Frisch einen Überlegenen nennt. Im Tagebuch 1966-1971 wird die Fremdheit zwischen ihnen noch einmal beschrieben, es ist die schönste Stelle im Buch: Jetzt ist es ein Bruch. Nicht einmal Fragen darf Frisch an den Überlegenen mehr stellen, seit er in Ostberlin sein Theater führt gegen den kapitalistischen und angeblich faschistischen Westen.

Alle Tagebücher, auch das so weit letzte aus dem Jahr 1982, fallen in Wendezeiten. Das gilt auch für die tagebuchähnliche Erzählung Montauk, die zu den übrigen hinzugerechnet werden muss. Zeiten historischer Zuspitzung nach dem Kriegsende, Zeiten des Aufbruchs und der Verunsicherung, wenn die Kämpfe in den privaten Bereich vordringen wie beim Kampf der Geschlechter. Bei Abzug des Aktuellen ist all den Tagebüchern gemeinsam: die Spannung, Anspannung, Zerrissenheit zwischen dem Möglichen und Erhofften einerseits; dem Misslingen und Scheitern andererseits. Darf man, muss man nicht fragen: Wer beschäftigt sich heute auf fruchtbare Weise mit diesem Spannungsfeld?

Das zweite Tagebuch umfasst die Jahre von 1966 bis 1971. Die Position ist nicht mehr dieselbe wie 20 Jahre zuvor: nicht mehr die des Verschonten in den europäischen Trümmerlandschaften. Es schreibt jetzt ein Beteiligter. Die zwei Jahrzehnte haben genügend Raum gelassen für Mitschuld, meist in privaten Dingen. Frauen können jetzt zu "einem Namen werden für Schuld" .

Es schreibt einer nicht gerade aus der Mitte, aber doch aus integrierter Position in der bürgerlichen Gesellschaft: Er ist jetzt berühmt, gefragt in moralischen Dingen (das Gewissen der Schweiz), ein reicher Mann. Erinnerungen aus der Nachkriegszeit kommen vor (Brecht) und machen die Differenz deutlich. Ein "Handbuch für Greise" , das sich durch das Tagebuch zieht, satirisch gemeint, ist längst vom Treiben sogenannter Sterbeorganisationen überholt. Die Frage nach dem Töten der Greise stellt sich seit einiger Zeit ohne Witz.

Wo ist die Stelle im dritten Tagebuch 1982? Niemand schreibe mehr in Gedanken an die Nachgeborenen, wie Brecht noch; niemand stelle sich vor, die eigenen Bücher würden in hundert Jahren noch gelesen. Das betrifft uns, die Enkel. Heute, und darüber hätte er sich wohl gewundert, erwartet kein Autor mehr, dass sein Buch länger als zwei, drei Wochen in einer Auslage liegt. Kontinuität gibt es keine mehr.

Wie hätte Frisch sich zu unserer Zeit verhalten? Auch gebildete Jugendliche, falls sie noch Literatur lesen, befinden sich nicht mehr in der Tradition von Literatur, d. h. die Tradition von Gelesenem prägt nicht mehr ihre Erwartung an ein Buch, sondern es sind die Muster von Film und digitalen Medien. Bücher ohne Plots sind für sie beinahe unlesbar. An dieser Differenz merkt man, wie sehr Frisch in der bürgerlichen Welt stand, indem er nämlich an den vernunftbegabten Teil, an das sogenannte Bildungsbürgertum und die aufgeklärte, progressive Mittelklasse appellierte. Diese Welt ist weitgehend verschwunden.

Der amerikanische Autor Philip Roth meinte, in 25 Jahren würde Literatur als eine Art Kult betrieben werden, Bücher würden zu Sammlerobjekten wie Vinylplatten, diese bleiben ja auch abspielbar, die Bücher lesbar. Literatur wird im Netz zu finden sein, vermutlich in einer Basic-Sprache, ähnlich derjenigen von Mails und SMS, insofern demokratisch, weil keine als anspruchsvoll geltenden Verlage dem Text die Aura literarischer Tradition mehr verleihen müssen. Was hätte Frisch von diesem Spannungsfeld gehalten? Demokratie in Form eines Zugangs zur Öffentlichkeit für alle, auch für Schriftsteller ohne Verlag, jedoch kaum stilistische Variation mehr, Verflachung, viel Brei. Ende der Ästhetik?

Sind Frisch und seine Literatur in diesem Zusammenhang noch denkbar? Ich weiß es nicht. Wenn man ihn aber fortdenken kann, warum kann man ihn nicht fortschreiben? Vielleicht, weil solche wie ich, meine Generation insgesamt, in den noch heute sich verbreiternden Graben des Jahres 1989 gefallen sind? Weil wir erst nach 1989, nach dem Siegeszug des Kapitalismus weltweit und global, gemerkt haben, dass mehr Politisches in uns war, als wir zuvor ahnten? Im Umgang mit jüngeren Autoren komme ich mir nicht alt vor als Fünfzigjähriger, in meiner Weltbetrachtung schon, die ich in Art und Weise dann eher noch mit Gleichaltrigen teilen kann, die konservativ geblieben oder es geworden sind.

In Frischs drittem Tagebuch spürt man sie oft genug, die später verlorengegangenen (weggedrängten?) Spannungen. Wie einen kleinen Stromstoß. Zum Beispiel diese minimalistische Epik. Es ist, als ob Frisch den Weg Samuel Becketts eingeschlagen hätte, der gegen das Ende hin nur noch kurze Dramolette oder Pantomimen schrieb, natürlich nicht mit demselben Erkenntnisinteresse wie Frisch. Diese Kürze führt oft zu Überraschungen und Volten. Es steht da zum Beispiel ein scheinbar festgefügter Absatz, der dann durch eine letzte lakonische Bemerkung aufgelöst und in die Luft entlassen wird.

In die Weite, in die Freiheit entlassen. Es fliegt davon, dieses Buch, obwohl es so nahe an den alltäglichen Dingen ist. Das gilt für alle seine Tagebücher, die vielleicht sein Hauptwerk bleiben werden. Unsere heutige Welt ist eine Welt der geschlossenen Geschichten. Geschlossene Geschichten sind verzagt, ohne Flügel, ohne Fragen und daher auch ohne versuchsweise Antwort. In den Buchhandlungen stapeln sich solche verschlossenen Bücher, die in jeder Hinsicht das Gegenteil von Max Frischs Literatur sind. Wir leben heute in kleinen Welten, mit wenig Ausblick. (Dante Andrea Franzetti, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 2./3. April 2011)

Dante Andrea Franzetti (51) lebt als Autor in Rom und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm die Erzählung "Passion" (2006) und der Roman "Mit den Frauen" (2008), beide im Haymon Verlag.

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