Das Navi kann sein Maul nicht halten

1. April 2011, 17:34
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Wenn die Dinge zu uns sprechen

Ich bin ein großer Freund neuer Technologien. Nehmen wir zum Beispiel das Navi. Welch Segen, dass man heute problemlos um vier Uhr nachts den Bollweg 24 in Buxtehude findet, wenn man dort Wichtiges zu tun hat.

Aber das Navi hat auch Schattenseiten. Vor kurzem musste ich als Beifahrer eine Fahrt ins Burgenland erdulden, bei der mich die Einwürfe dieses geschwätzigen Wegweisers sukzessive aus der Fassung brachten. Was für eine Nervensäge! Das Navi kann sein Maul nicht halten. Das Navi fällt einem ständig ins Wort. Positiv anrechnen kann man dem Navi allenfalls, dass es sich bei der Instruktion der Autoinsassen eines halbwegs korrekten Umgangstons befleißigt.

Aber vielleicht ist nicht einmal das positiv. Masochistische Kraftfahrer hassen das unterwürfige Navi-Gesäusel. Sie hätten es (dies ist jetzt eine Geschäftsidee!) viel lieber, wenn ihnen ein Tourette-Navi barsch anschaffte, was zu tun ist ("Biegst du endlich ab, du Frühblinker?" "Sagenhaft - der Koffer kennt nicht einmal den Unterschied zwischen links und rechts!" "Eine Pfeife wie dich findet man auch nicht alle Tage am Volant!" usw. usf.). In Kombination mit einem rot blinkenden Stinkefinger am Armaturenbrett wäre das ein bestechendes Asset für einschlägig veranlagte Automobilisten.

1968 kam Stanley Kubricks Film 2001 - Odyssee im Weltraum in die Kinos. Sonderbarer Held dieses Streifens ist der melancholisch-durchgeknallte, sprechende Rechner HAL, dem die Astronauten ein für alle Mal den Mund stopfen müssen, nachdem HAL mehrere Sabotageakte geliefert hat. Wahrscheinlich hätten sich weder Kubrick noch sein Kamikaze-Computer träumen lassen, wie geschwätzig die Dingwelt zehn Jahre nach 2001 in die Welt hinausplaudert. Und das Navi ist erst der Anfang.

Bei der täglichen Odyssee im Supermarkt werden uns beim Einkaufen im Jahr 2021 alle Waren zureden: Rosa Eislutscher locken mit lüsternen "Leck mich"-Rufen an die Regale. Anlassige Aktivias fordern uns auf, etwas gegen den Blähbauch zu tun. Man hört Sirenengesänge von Salatgurken, Schillerlocken, Selterswasser und Surspeck.

Es wird grauenhaft sein. Wir werden uns nur helfen können, indem wir Wachs in die Ohren stopfen wie weiland Odysseus, und dabei werden wir sehnsüchtig an die Zeit zurückdenken, als uns nur das Navi mit seinem Gequassel auf die Nerven fiel. (Christoph Winder, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 2./3. April 2011)

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