Zurück in die Zukunft

1. April 2011, 16:43
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Hybrid: Elektrischer Antrieb per Radnabenmotoren. Zwei Ottomotoren dazu. Ersonnen 1900, von Ferdinand Porsche. Nun wurde die Legende nachgebaut

Viel war nicht mehr da. Nur ein paar vergilbte Fotos, eines davon sieht aus wie eine mobile Bedürfnisanstalt mit zwei Herren in Donnerbalkenhaltung - wobei es natürlich in Wahrheit um Schnittigkeit geht, um Aerodynamik, schon damals, a. d. 1900. Dürftiger noch die Dokumentenlage, technische Unterlagen, dabei waren die Rekonstrukteure bis nach Budapest gereist, Wien, Berlin, München.

Also habe man dieses Auto gewissermaßen neu erfinden, sich das meiste erst mühsam erarbeiten müssen, berichtet Restaurator Hubert Drescher, immerhin mit dem Hilfsmittel der Computer-Simulation. Und hier steht sie nun, nach drei Jahren Arbeit, originalgetreu wie nur was, die Replika vom Semper Vivus, immer lebendig oder so, den einer der genialsten Autokonstrukteure aller Zeiten, Ferdinand Porsche, für die k. u. k. Hofwagenfabrik Ludwig Lohner & Co. in Wien ersonnen hatte.

Auf die Zeitgenossen muss das klobige Ding gewaltig Eindruck gemacht haben, überliefert ist, dass der Semper Vivus auf der Pariser Weltausstellung 1900 für eine Sensation sorgte. Und auch 111 Jahre später passt das Vehikel, das alsbald einer der Stars im Porsche-Museum sein wird, exzellent in die Zeit. 125 Jahre nach Erfindung des Automobils kann Porsche nämlich an die Autoerfinderkonkurrenz nebenan in Stuttgart - und an die ganze Welt - stolz berichten: Na und? Wir haben dafür das erste (halbwegs) funktionstüchtige Hybridfahrzeug der Welt derhoben! Nur 14 Jahre nach Carl Benzens "Motorwagen"-Patent!!

Technisch gesehen ist der Semper Vivus näher verwandt mit dem Opel Ampera (Elektro-Auto mit Range-Extender) als mit einem Toyota Prius oder Porsche Cayenne S Hybrid (Verbrennungsmotor mit E-Motor-Assistenz). Für Vortrieb sorgen nämlich ausschließlich die Radnaben-Elektromotoren an den Vorderrädern, die übrigens 277 kg das Stück auf die Waage bringen.

Die zwei (original antiken) De-Dion-Bouton-Ottomotoren mit je 3,5 PS dienten der Stromerzeugung, wobei der von den Dynamos erzeugte Saft zunächst in die Radnabenmotoren floss, von denen die Überschussleistung an die Batterien weitergeleitet wurde. Dass der Nachbau voll funktionsfähig ist, demonstrierte Porsche dort, wo einst Friedrich Schiller auf herzogliches Geheiß studierte: auf Schloss Solitude bei Stuttgart, wo seinerzeit die Militärakademie Karlsschule untergebracht war.

Und so schwingt man sich auf den Bock, zweite Sitzreihe, hinter den beiden De-Dion-Boutons, und lässt sich vom Herrn Drescher am Schlossplatz eine klassische Runde kutschieren - schweißtreibend am Volant kurbelnd der Fahrer, visionär lautlos der Semper Vivus.

Seinerzeit, in den Jahren um 1900, kurbelte der Herr Porsche in Wien, im Grätzel um die Berggasse, irgendwo musste er seine Lohners testen, und die Lohner-Direktion lag ja in der Porzellangasse. Womöglich Porsche-inspiriert, entwickelte ein gewisser Sigmund Freud am selben Ort zur selben Zeit seine Psychoanalyse. Während der Ferdl an seinen Traumwagen werkte, tat der Sigi dies an seinem frühen Hauptwerk: Die Traumdeutung. Zufälle? Gibt's nicht. Das Auto ist seither und auf immerdar libidinös beleumundet.

Traumhaft jedenfalls, was Porsche 2011 in Stuttgart wiedererstehen ließ. Semper Vivus. Wird selbst in fernen Sternzeiten noch zitiert werden. Etwa von einem berühmten Vulkanier: Commander Spock: "Dup dor a'az Mubster". Lebe lang und in Frieden! (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/01.04.2011)

  • Semper Vivus: Weit über 500.000 € ließ Porsche sich die originalgetreue 
Nachbildung des ersten (halbwegs) funktionstüchtigen Hybridautos der 
Welt kosten.
    foto: stockinger

    Semper Vivus: Weit über 500.000 € ließ Porsche sich die originalgetreue Nachbildung des ersten (halbwegs) funktionstüchtigen Hybridautos der Welt kosten.

  • Das ist gut investiertes Geld.
    foto: stockinger

    Das ist gut investiertes Geld.

  • Weil die Elektrotechnik weiter war als die 
verbrennungsmotorische, setzte Ferdinand Porsche auf Strom als primären 
Antrieb.
    foto: stockinger

    Weil die Elektrotechnik weiter war als die verbrennungsmotorische, setzte Ferdinand Porsche auf Strom als primären Antrieb.

  • Hintergedanke seines Arbeitgebers, der Lohner-Werke: 
Krawallvermeidung in der Stadt.
    foto: werk

    Hintergedanke seines Arbeitgebers, der Lohner-Werke: Krawallvermeidung in der Stadt.

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