"Egal, ob Mann, Frau oder Außerirdischer"

1. April 2011, 09:25
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Warum sind Frauen in der serbischen Literatur und der Poesie so augenscheinlich unterrepräsentiert? Die Lyrikerin Dragana Mladenović erzählt im daStandard.at-Interview, woran das liegen könnte

Dragana Mladenović zählte zu den wenigen Frauen am serbischen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Sie präsentierte ihren kürzlich auf Deutsch erschienen Gedichtband "Verwandtschaft", in dem sie sich mit dem Verhältnis der Gesellschaft gegenüber Kriegsverbrechern auseinandersetzt.

daStandard.at: Wie ist für Sie die Buchmesse verlaufen? 

Mladenović: Ich bin sehr zufrieden, ich habe hier meine Gedichte auf Deutsch vorgestellt und hatte die Gelegenheit, Schriftsteller und Dichter aus der Region kennenzulernen, manche aus Serbien, die ich noch nicht kannte, aber auch aus Bosnien und Herzegowina, Albanien oder Kroatien. Ich konnte auch wertvolle Kontakte mit deutschen Verlegern knüpfen, ich denke, eine solche Messe ist sehr wichtig, wenn man als Autor seine Arbeit im deutschsprachigen Raum vorstellen möchte. 

daStandard.at: Wenn es um die Literatur aus Serbien geht, ist vielerorts die Rede von einer zu leisen oder gar fehlenden Frauenstimme. Wie sehen Sie diese Kritik? Ist sie berechtigt?

Mladenović: Ich habe heute eine Buchhandlung in der Stadt (Leipzig, Anm. d. Red.) aufgesucht und habe mir das genau angeschaut. Die Buchhandlung führte viel mehr Titel von Autorinnen, als das in Serbien der Fall ist. 

daStandard.at: Woran liegt das?

Mladenović: Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, es liegt an den Umständen. Die Frauen haben einfach zu viele Verpflichtungen, vielleicht haben sie deshalb nicht genug Zeit, sich mit Literatur oder Kunst zu beschäftigen, zu schreiben oder zu dichten. Anders kann ich mir das nicht erklären. 

daStandard.at: Kann es sein, dass diese vielen Verpflichtungen mit einer patriarchalen Grundstruktur der Gesellschaft zusammenhängen? Dass Haushalt und Kindererziehung nach wie vor ganz selbstverständlich Angelegenheit der Frau sind?

Mladenović: Bestimmt hängt die patriarchale Frauenrolle damit zusammen. Es gibt sehr viele Verpflichtungen, die als weiblich angesehen werden, und als Frau mit Kindern braucht man sehr viel Kraft, um sich neben der beruflichen Tätigkeit noch weiterzubilden und sich literarisch oder künstlerisch zu betätigen. Ich denke, dass viele Frauen diese Kraft nicht aufbringen können, auch wenn sie vielleicht Talent haben.

daStandard.at: Wie kann man das ändern?

Mladenović: Es wird schon besser. Es gibt immer mehr Autorinnen, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, das ist merklich. Vielleicht ist es nur eine Frage der individuellen Entscheidung, denn wenn die Frauen wirklich etwas erreichen wollen, haben sie in Serbien alle Möglichkeiten, um den Markt zu erobern. Aber wie gesagt, man braucht sehr viel Kraft dafür. 

daStandard: Gibt es für Sie eine weibliche und eine männliche Poesie? 

Mladenović: Nein, ich teile Literatur nur in gute und weniger gute ein. Dann gibt es eventuell eine Unterteilung in Prosa und Poesie, aber eine männliche oder weibliche Literatur oder Poesie gibt es für mich nicht. Es ist egal, ob ein Mann, eine Frau oder ein Außerirdischer einen Text geschrieben hat, Hauptsache, er ist gut.

Obwohl, wenn ich darüber nachdenke, kann es schon vorkommen, dass ich zu meiner Kollegin, der Schriftstellerin Jelena Lengold zum Beispiel sage, "Hey, diesen Job hast du jetzt wie ein Mann erledigt, du bist unser weiblicher Raymond Carver" (lacht). Manchmal passiert es schon, dass ich denke, Frauen schreiben irgendwie weicher, und Männer härter. 

daStandard: Welche Folgen wird der Gastauftritt Serbiens bei der Leipziger Buchmesse für Serbien haben? 

Mladenović: Das lässt sich jetzt noch gar nicht abschätzen. Der Gastauftritt hat jedenfalls jetzt schon viel Staub aufgewirbelt, es wurde diskutiert, warum dieser Autor eingeladen wurde und jener nicht und so weiter. Es wurde auch heiß debattiert, warum manche Serben, die selbst nicht im Krieg waren, auf Tribünen über Balkankriege mitdiskutiert haben. Das halte ich für einen Unsinn, man muss ja auch nicht im antiken Griechenland gelebt haben, um einen Roman über das antike Griechenland zu schreiben. 

daStandard: Also eher politisch konnotierte Debatten?

Mladenović: Ja, das auf jeden Fall. Darüber hinaus ermöglicht der Auftritt auf der Buchmesse es mir und meinen Kollegen, mehr Leser zu gewinnen.

Dragana Mladenović, 1977 geboren, lebt in Pančevo bei Belgrad, arbeitet als Journalistin in einer lokalen Zeitung und schreibt an ihrer Dissertation.

Link: Edition Korrespondenzen

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