Schwarz-Gelb steht unter Druck, denn die Angst vor der Atomkraft führt zu politischen Verwirrungen
Alle deutschen Atomkraftwerke werden sofort abgeschaltet. Wir sparen
ganz viel Strom, und das bisschen, das wir für unsere Smartphones und
Kühlschränke noch brauchen, erzeugen wir mit Windenergie."
So ungefähr ist derzeit die Stimmung in Deutschland. Atomkraft ist noch
unpopulärer als eine Steuerprüfung, AKW-Betreiber rangieren auf der
Beliebtheitsskala sogar hinter FDP-Chef Guido Westerwelle. Ausländische
Medien können gar nicht genug über die gelegentlich etwas übertriebene
"German Angst" berichten.
Schwarz-Gelb ist also unter enormem Druck. Denn auf der anderen Seite
stehen die AKW-Betreiber, die verständlicherweise auf die Einhaltung von
Verträgen pochen und alles, was ihnen die Regierung vorlegt, genau
prüfen lassen.
Umso wichtiger wäre es nun, bei den anstehenden Stresstests für die
deutschen Meiler kühlen Kopf zu bewahren. Das Volk ist ohnehin schon
ganz verwirrt. Zuerst hieß es: Die Atomlaufzeiten werden verlängert.
Dann kam, im Lichte von Fukushima, die 180-Grad-Kehrtwendung samt
Abschaltung älterer Meiler. Ein Teil der FDP will diese gar nicht mehr
in Betrieb nehmen, ein anderer Teil schon.
Es wäre gut, wenn jetzt die Experten der Reaktorsicherheitskommission
mal in Ruhe arbeiten und dann Ergebnisse vorlegen können. Jeden Tag eine
neue Atom-Sau durchs Dorf zu jagen und für weitere politische Verwirrung
zu sorgen ist hingegen wenig hilfreich. (Birgit Baumann, STANDARD-Printausgabe, 1.4.2011)