Millionen mit Stradivaris vergeigt

Die Pleite eines der bedeutendsten Geigenhändler der Welt könnte viele österreichische Banken viel Geld kosten

Wien - Die Pleite eines der drei bedeutendsten Geigenhändler der Welt, des niederösterreichischen Schlossbesitzers Dietmar M., sorgt für kakofone Töne in Österreichs Banken. Insgesamt haben die Gläubiger (aus beinah aller Welt) in Konkursverfahren mehr als 100 Mio. Euro angemeldet - die Banken allein fast 30 Mio. Euro. Rund 26 Mio. Euro dieser Forderungen hat der Masseverwalter anerkannt; der Großteil der übrigen wird bestritten.

Der 61-jährige, auf den Handel mit wertvollsten Stradivaris spezialisierte Händler (in fünfter Generation) wurde diese Woche, wie berichtet, auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien in der Schweiz verhaftet. Dort hat der Kaufmann, der nun in Auslieferungshaft sitzt, eine Gesellschaft, die noch nicht in Konkurs ist. Er selbst und seine Wiener Gesellschaft sind seit vorigem Herbst pleite. Damals sind auch die ersten Anzeigen gegen M. eingegangen; für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Geigenbauer Untreue, gewerbsmäßigen Betrug und betrügerische Krida vor. Der Mann, der aus angesehener Bremer Familie stammt, habe Geigen in Kommission genommen, verkauft, aber den Erlös in die eigene Tasche gesteckt, so der eine Vorwurf. Zum anderen habe er bei Banken Kredite aufgenommen und nicht bezahlt. Besichert waren die mit - angeblich - allerwertvollsten Instrumenten; allerdings sollen die Schätzgutachten falsch gewesen sein, lautet nun der Vorwurf.

In anderen Fällen ließen sich die Institute Eigentumsvorbehalte auf die Geigen einräumen; nun sind die aber nicht mehr auffindbar. Dass M. etliche Instrumente außer Reichweite der Gläubiger gebracht hat, bestätigte jüngst auch sein Rechtsanwalt, Wilhelm Häusler, im ORF. Sein Mandant wolle "dem Masseverwalter deren Aufenthaltsort nicht verraten", weil er im Falle "von deren Inbesitznahme fürchte, "dass die Preise in den Keller fallen".

Geigenblase

Stichwort Preise: Der Wert von Geigen des 1737 verstorbenen Antonio Stradivari hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht; 2006 versteigerte beispielsweise Christie's eine besonders wertvolle "Strad" um 3,5 Millionen Dollar. Vor der Krise war die Nachfrage groß, neben Sammlern wie Oesterreichische Nationalbank (OeNB) oder Deutsche Stiftung Musikleben griffen auch Anleger zu.

Dann flachten Nachfrage und Preise ab, im Herbst 2010 klagte M. im Spiegel online, "die Banken haben völlig unverständlicherweise die Geduld verloren und fordern 19 Mio. Euro, die ich jetzt nicht habe". Er hoffte damals auf einen Deal, der ihm 40 Mio. Euro bringen sollte - daraus wurde dann aber nichts. Sein Problem beschrieb der Geigenhändler selbst so: Er habe Instrumente auf Kredit erworben, dann aber nicht mehr weiter verkaufen können.

Offensichtlich ging es um recht viele Banken. UniCredit etwa hat Geigen finanziert und in der Insolvenz rund acht Mio. Euro anerkannt bekommen; die Bawag fast sechs Millionen, Bank für Kärnten und Steiermark 500.000 Euro, Raiffeisen Landesbank NÖ Wien fast 780.000, die Volksbank Niederösterreich rund 200.000 Euro, Erste Österreichische und Wr. Neustädter Sparkasse zusammen rund 2,3 Mio (sie haben beim Schloss mitfinanziert), die Hypo Alpe Adria rund 1,6 Mio. Euro. Vergeigt wurde auch deutsches Geld: Die Sparkasse Bremen hat mehr als 5,5 Mio. Euro angemeldet. Die OeNB hat schon vor zwei Jahren die Wert-Preis-Diskrepanz zweier von ihrem langjährigen Geschäftspartner gelieferte Streichinstrumenten entdeckt und prozessiert seither um 180.000 Euro. In den Insolvenzverfahren angemeldet hat sie mehr als 800.000 Euro - diese Forderungen wird aber vom Masseverwalter bestritten. (Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 1.4.2011)

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