Misstöne

Millionen mit Stradivaris vergeigt

Renate Graber, 31. März 2011 18:53

Die Pleite eines der bedeutendsten Geigenhändler der Welt könnte viele österreichische Banken viel Geld kosten

Wien - Die Pleite eines der drei bedeutendsten Geigenhändler der Welt, des niederösterreichischen Schlossbesitzers Dietmar M., sorgt für kakofone Töne in Österreichs Banken. Insgesamt haben die Gläubiger (aus beinah aller Welt) in Konkursverfahren mehr als 100 Mio. Euro angemeldet - die Banken allein fast 30 Mio. Euro. Rund 26 Mio. Euro dieser Forderungen hat der Masseverwalter anerkannt; der Großteil der übrigen wird bestritten.

Der 61-jährige, auf den Handel mit wertvollsten Stradivaris spezialisierte Händler (in fünfter Generation) wurde diese Woche, wie berichtet, auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien in der Schweiz verhaftet. Dort hat der Kaufmann, der nun in Auslieferungshaft sitzt, eine Gesellschaft, die noch nicht in Konkurs ist. Er selbst und seine Wiener Gesellschaft sind seit vorigem Herbst pleite. Damals sind auch die ersten Anzeigen gegen M. eingegangen; für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Geigenbauer Untreue, gewerbsmäßigen Betrug und betrügerische Krida vor. Der Mann, der aus angesehener Bremer Familie stammt, habe Geigen in Kommission genommen, verkauft, aber den Erlös in die eigene Tasche gesteckt, so der eine Vorwurf. Zum anderen habe er bei Banken Kredite aufgenommen und nicht bezahlt. Besichert waren die mit - angeblich - allerwertvollsten Instrumenten; allerdings sollen die Schätzgutachten falsch gewesen sein, lautet nun der Vorwurf.

In anderen Fällen ließen sich die Institute Eigentumsvorbehalte auf die Geigen einräumen; nun sind die aber nicht mehr auffindbar. Dass M. etliche Instrumente außer Reichweite der Gläubiger gebracht hat, bestätigte jüngst auch sein Rechtsanwalt, Wilhelm Häusler, im ORF. Sein Mandant wolle "dem Masseverwalter deren Aufenthaltsort nicht verraten", weil er im Falle "von deren Inbesitznahme fürchte, "dass die Preise in den Keller fallen".

Geigenblase

Stichwort Preise: Der Wert von Geigen des 1737 verstorbenen Antonio Stradivari hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht; 2006 versteigerte beispielsweise Christie's eine besonders wertvolle "Strad" um 3,5 Millionen Dollar. Vor der Krise war die Nachfrage groß, neben Sammlern wie Oesterreichische Nationalbank (OeNB) oder Deutsche Stiftung Musikleben griffen auch Anleger zu.

Dann flachten Nachfrage und Preise ab, im Herbst 2010 klagte M. im Spiegel online, "die Banken haben völlig unverständlicherweise die Geduld verloren und fordern 19 Mio. Euro, die ich jetzt nicht habe". Er hoffte damals auf einen Deal, der ihm 40 Mio. Euro bringen sollte - daraus wurde dann aber nichts. Sein Problem beschrieb der Geigenhändler selbst so: Er habe Instrumente auf Kredit erworben, dann aber nicht mehr weiter verkaufen können.

Offensichtlich ging es um recht viele Banken. UniCredit etwa hat Geigen finanziert und in der Insolvenz rund acht Mio. Euro anerkannt bekommen; die Bawag fast sechs Millionen, Bank für Kärnten und Steiermark 500.000 Euro, Raiffeisen Landesbank NÖ Wien fast 780.000, die Volksbank Niederösterreich rund 200.000 Euro, Erste Österreichische und Wr. Neustädter Sparkasse zusammen rund 2,3 Mio (sie haben beim Schloss mitfinanziert), die Hypo Alpe Adria rund 1,6 Mio. Euro. Vergeigt wurde auch deutsches Geld: Die Sparkasse Bremen hat mehr als 5,5 Mio. Euro angemeldet. Die OeNB hat schon vor zwei Jahren die Wert-Preis-Diskrepanz zweier von ihrem langjährigen Geschäftspartner gelieferte Streichinstrumenten entdeckt und prozessiert seither um 180.000 Euro. In den Insolvenzverfahren angemeldet hat sie mehr als 800.000 Euro - diese Forderungen wird aber vom Masseverwalter bestritten. (Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 1.4.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
1 2
wort spende
01.04.2011 11:08
...Sammlern wie Oesterreichische Nationalbank (OeNB)

San di deppat??

Mein Senf auch noch
07.04.2011 09:36
Nicht deppat, sondern ein Glücksfall.

Die lassen die Geigen nämlich nicht im Tresor veröden, sondern verleihen sie an Spitzengeiger, die sich so ein Instrument anders nicht leisten könnten. Zum Glück wieder fürs Volk, das zuhört, sozusagen akustische Dividende für den Steuerzahler.

Steak vom Milchlamm
01.04.2011 13:29

Die haben 8 Stück davon!

Peter_23
01.04.2011 12:43
Geld hat die OeNB mehr als genug

Und wo Geld bekanntlich keine Rolle spielt, wie in der OeNB, werden auch mal ein paar Stradivaris eingekauft.

karakal
07.04.2011 11:23
Naja...

Hier geht es um die Hochbegabtenförderung die ein Instrument zur Verfügung gestellt bekommen, dass sie sonst nicht spielen könnten.
Wenn eine Geige nicht gespielt wird, wird sie schlecht, sie verdirbt sozusagen...
Also ist das regelmäßige Spielen sogar wertsteigernd...

sennowise
01.04.2011 10:27
allerwertvollst

also das ist jetzt wirklich nicht mehr steigerbar.

readymate
01.04.2011 11:28
Doch: allerwertestvollst!

.

alarmzicke
01.04.2011 10:06

Verfügt nicht auch die Österreichische Nationalbank über einen netten Bestand an wertvollen Geigen, die sie verdienstvoller Weise jungen aufstrebenden Talenten kostenlos zur Verfügung stellt?

klouda
01.04.2011 09:41
Möge die Blase platzen!

Es wäre toll, wenn die Geschichte auch den Darstellungskunstmarkt beeinflussen würde.

lagrangian
01.04.2011 08:59

Hier der Link zum Artikel von gestern: http://derstandard.at/129782179... i-Haendler

Roter Baron
01.04.2011 08:55
>kakofone Töne<

es gibt nur einen braunen ton,
das ist der, welcher, ja.

roter baron

Semmerl
01.04.2011 09:57
bitte

nicht Kakofonie ("Die Kunst der schrägen, unangenehmen Töne") mit dem Stuhlgang verwechseln.

Letzterer bereitet typischerweise wohltuendes Empfinden, oftmals auch witzige Geräusche - daher das Gegenteil von Kokofonie, "Euphonie".

mbli
01.04.2011 08:29
das wort geigenblase ist gut!!!

es ist eine sache, wenn sich leute, die nicht mehr wissen, was sie sich mit zuviel geld kaufen sollen, überteuertes "altholz" ;-) anschaffen, aber dass die banken auch solchen schmarrn noch finanzieren, das ist wirklich krank.

Mimi210
01.04.2011 09:13
Hört hört, da spricht der Fachmann

Eine Stradivari als "Altholz" zu bezeichnen spiegelt die unwissende Ignoranz des Kleinbürgers, völlig unabhängig davon, ob üble Geschäftemacher die Preise künstlich in die höhe treiben oder nicht.
Ganz abseits der ganzen Finanzdiskussion klingt ihr "Altholz" immer noch unvergleichlich und es ist für jeden Violinisten eine Wonne auf so einem Instrument spielen zu dürfen.

sirnicha
01.04.2011 12:34
grüß gott, herr großbürger!

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
01.04.2011 10:07

Meine Güte, jetzt macht er eh schon ein Smiley dazu und die Ironie kommt noch immer nicht an? Ein Humorseminar hilft vielleicht.

mbli
01.04.2011 10:00
tut mir leid, sie haben die ironie nicht erfasst. lege noch ein schäuferl nach: empfehle, des kaisers neue kleider!

Sperber
01.04.2011 09:39

Altholz bleibt Altholz.
Musik wird durch eine überteuerte Geige nicht besser. Spielt ein guter Musiker gute Musik klingt das auch auf einer normalen Geige gut - da braucht es keine Stradivari.
99,99% der Menschen hören sowieso keinen Unterschied. Und ich gehe mal davon aus, auch 90% der Violinisten würden nichts merken, wenn man ihnen eine Stradivar in die Hand drückt und nichts sagt.

Charly6911
01.04.2011 08:36
Nationalbank

Was hat die Nationalbank bei diesen Geschäften verloren ?!

lagrangian
01.04.2011 09:03

Förderung der Kulturschaffenden. Die können sich in aller Regel diese Geigen nicht leisten und bekommen sie von der nb zur Verfügung gestellt. Außerdem ist es eine recht gute wertanlage (außer es kommen jetzt dutzende auf den Markt, dann ist der Preis dahin).

Roter Baron
01.04.2011 08:58

naja, die goldreserven wurden unter blau-schwarz sehr stark reduziert,
ich mein, besser als man legt in klopapier an, oder ?

roter baron

Bluestone
01.04.2011 07:24

Er hat ja noch sein Schloß.
Den Typen einsperren-Schloß versteigern-Gläubier auszahlen-Problem gelöst.
Warum scheixxt unsere Justiz immer so herum?

Der Giftzwerg
01.04.2011 08:37

Das Schloß ist aber nur 4 bis 6 Mille wert. Das wird leider nicht reichen.

Olivier Merle
01.04.2011 08:34

(Gemein-)Schuldner ist vermutlich seine Gesellschaft und nicht er. Solange das Schloss nicht verpfändet wurde, kann man darauf nicht einfach so zugreifen.

Erst müsste gegen ihn persönlich ein entsprechender Titel erwirkt werden und erst in der Folge könnte man im Wege der Zwangsvollstreckung das Schloss versilbern.

lagrangian
01.04.2011 09:01
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.