derStandard.at-Reportage

Wenn hinschauen nicht mehr ausreicht

Rosa Winkler-Hermaden, 4. April 2011, 10:15
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    Zivilcourage trainieren? Trainer Ronny erklärt, worum es geht.

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    Eine Aufgabenstellung für ein Rollenspiel.

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    Die Mädchen tüfteln und überlegen.

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    Gemeinsam wird besprochen, welche Strategien gewählt werden können, um auf Ereignisse zu reagieren.

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    Wer nimmt welche Rolle ein?

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    Zur Auflockerung ein Spiel: Haben auf drei Sesseln 14 Mädchen Platz?

In einer Wiener Schule trainieren Schülerinnen Zivilcourage und lernen, warum es manchmal auch gut ist, sich einzumischen

"Heute ist Araber-freier Tag, Oida! Dich lass ich nicht rein." Tamara spielt einen Türsteher, "sagen wir vom ‚Empire‘ (Diskothek im 1. Bezirk, Anm.)". Mit der Sonnenbrille auf der Nase ahmt die 17-jährige Schülerin die Coolness, die manche Securities an den Tag legen, nach. Sie lässt ihre Schulkollegin Slavia, die eine Araberin darstellt, nicht bei der Tür herein. An der Szene nehmen auch Becky und Sabi teil. Auch Becky zeigt kein Verständnis für Slavia, drängelt in die Discothek. Sabi hingegen versucht den Streit zu schlichten und zeigt Zivilcourage, indem sie den Türsteher darauf hinweist, dass auch Araber ein Recht haben sollten, in die Disco zu gehen. 

Zivilcourage, das ist es, was die Schülerinnen an jenem Tag trainieren sollen. Auch mit Hilfe von Rollenspielen, durch die veranschaulicht wird, wie man sich im Falle der Fälle verhalten soll. Zwei Trainer des Mauthauen-Komitees sind zu Besuch und bringen den Mädchen das Thema näher. "Wir sind durchschnittlich einmal pro Woche an einer Schule", sagt der 33-jährige Ronny, einer der beiden Trainer. Auf alle TrainerInnen aufgerechnet sind es mehrere Trainings pro Woche.

"Irgendwer wird sich schon drum kümmern"

Diesmal ist es die Fachschule für wirtschaftliche Berufe in Wien Meidling, wo die Trainer den Vormittag verbringen. Die Schülerinnen der 3C, einer reinen Mädchenklasse, kennen sich mit Zivilcourage schon ein wenig aus, mehrere Wochen lang haben sie im Unterricht das Thema durchgenommen. Ihr Deutschlehrer hat ihnen die Basics vermittelt, die Trainer vom Mauthausen-Komitee können nun auf diesem Wissen aufbauen. Es geht in erster Linie schon um das Wahrnehmen von Situationen, darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann es angebracht ist, sich einzumischen. Es soll auch vermittelt werden, warum es überhaupt notwendig ist, nicht immer nur wegzuschauen. "Man soll nicht nach dem Motto agieren: Hilft eh jemand, irgendwer wird sich schon drum kümmern", erklärt Ronny.

In weitere Folge werden auch Strategien besprochen, wie man einschreiten kann. Selbst Hand anlegen und zur Tat schreiten? Oder doch lieber die Polizei verständigen?

Tami - es ist die zweite Tamara in der Klasse - berichtet von einem Vorfall, der sich in ihrem Wohnhaus zugetragen hat. In der Nacht hörte sie ihre Nachbarin, eine alte Frau, um Hilfe rufen. Tami weckte ihre Mutter und zusammen riefen sie die Polizei. Der Vorfall ist glimpflich ausgegangen. Der Trainer fragt, was passiert wäre, hätte Tami die Hilferufe ignoriert: "Ich weiß es nicht, wahrscheinlich wäre sie gestorben. Sie ist von einem Sessel gestürzt und hat am Kopf ganz stark geblutet als sie gefunden wurde."

Bibi erzählt eine Geschichte, wo sie bzw. ihr Vater ohne polizeiliche Hilfe ausgekommen sind. Einer älteren Frau waren die Einkaufsackerln auf den Boden gefallen. Sie war zu schwach um sie wieder aufzuheben. Der Vater eilte zur Hilfe und trug die Einkäufe für die Dame nachhause.

Über den eigenen Schatten springen

Doch ist die von Bibi geschilderte Geschichte überhaupt noch Zivilcourage oder vielmehr schlichte Höflichkeit? Eigentlich zweiteres, erklärt Trainer Ronny. Denn im Wort Zivilcourage steckt Mut drinnen. Und die Sackerl zu tragen, verlange nicht so viel Mut ab, wie wenn man sich für jemand anderen einsetzt, der in einer vielleicht sogar lebensgefährlichen Situation ist, und dabei vielleicht auch ein wenig über den eigenen Schatten springt.

Nicht erst seit dem Vorfall in München - ein Mann mischte sich der S-Bahn in eine Rangelei ein und wurde daraufhin zu Tode geprügelt - ist das Thema Zivilcourage in aller Munde. Auch die Wiener Polizei hat die Brisanz des Themas erkannt und zeigt seit einigen Wochen Werbespots, die in diese Richtung gehen. So zeigt eines der Werbevideos etwa eine Szene, die sich in zwei benachbarten Wohnungen zuträgt. Bei einem Paar ist ein Streit entfacht und ein Nachbar zeigt Zivilcourage, indem er in die Wohnung stürmt, um der Frau zu helfen. Er kassiert dafür aber einen Schlag ins Gesicht. Glimpflicher endet die Darstellung, als er die Polizei verständigt.

Laut den Zivilcourage-TrainerInnen ist es aber nicht immer notwendig, die Polizei zu rufen. Man müsse oft selbst abwägen, welche Reaktion bzw. welche Maßnahmen angebracht sind.

"Jugendlichen fehlen die Vorbilder"

Die Videos der Polizei kennen auch viele der Schülerinnen der 3C. Ihnen macht der Tag mit den externen Trainern sichtlich Spaß. Auch Deutschlehrer Thomas Unterpirker ist mit dem Zivilcourage-Training sehr zufrieden. "Es ist gut, wenn darüber geredet wird. Den Jugendlichen fehlen oft die Vorbilder. In den Rollenspiele kann man üben, wie man sich verhält."

In wenigen Wochen haben die Schülerinnen ihre Abschlussprüfungen. Viele von ihnen wollen später Krankenschwester werden oder einen anderen sozialen Beruf ergreifen. Ein Mädchen will Polizistin werden, eine andere wiederum Musiklehrerin. An Zivilcourage sollte es den Mädchen jedenfalls nicht mehr mangeln, wohin es sie auch verschlagen wird. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 4.4.2011)

Die Fachschule Dörfelstraße ist eine Schule für wirtschaftliche Berufe in Wien Meidling. Sie bietet eine dreijährige Allgemeinbildung ab der 9. Schulstufe und schließt mit einer Abschlussprüfung ab. Es gibt die Ausbildungsschwerpunkte "PC-Technik und Webdesign" und "Gesundheit und Soziales".

Das Mauthausen-Komitee Österreich bietet mehr als hundert Zivilcourage-Trainings in ganz Österreich an. Die SchülerInnen und Lehrlinge werden von ausgebildeten TrainerInnen in das Thema Zivilcourage eingeführt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 123
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jane.doe
00
Zivilcourage ist mehr....

Zivilcourage heisst sich fuer jemanden anderen einsetzen und meistens ist es nicht so extrem, wie viele Poster hier darstellen. Es sind oft ganz einfache Dinge, die nicht einmal viel Mut, sondern nur Hausverstand voraussetzen.

Mir ist einmal in der U-Bahn aus meinem Rucksack meine Geldboerse gestolen worden. Ich konnte ihn nicht runternehmen, da ich einen Vollarmgips hatte, aber die Leute haben nur zugesehen und ein Mann hat angefangen zu lachen, als der Dieb zur Tuer raus ist. Ich hab mir erlaubt ihm eine mit meiner gesunden Hand zu schmieren und hab mal ganz nett in die Runde gefragt, wieso alle nur starren und niemand den Dieb aufgehalten hat. Die Antwort kam von einem aelteren Herrn: "Pudl die net auf, war eh nur das Boersl!"

Der Unkurze
10

Und, hat er sie wegen Köperverletzung angezeigt?
Hat einer der Fahrgäste Zivilcourage gezeigt und sie an weiteren Gewalttaten gehindert?

Seins da besser froh das die Leute weniger Zivilcourage haben, wäre für sie sonst nicht gut ausgegangen.

fahrenheit 451
15
ach die gute alte zivilcourage

vor jahren hat mal ein besucher vom land einen pharmahändler bei der u6 station spittelau angesprochen warum er den pharmamittel an die jugendlichen verkauft. ob der couragierte zivilist immer noch an den folgen leidet?

http://oesterreich.orf.at/wien/stories/44188/

freilife
32
und wenn ich Ihren Kommentar so lese

muss ich vermuten Sie haben sich bei der Wahl Ihres Nick's ganz schon vergriffen: denn in Bradburrys fahrenheit 451 geht es darum wie notwendig es ist, sich - mit Courage - und unter Einsatz des eigenen Lebens gegen ein faschistisches Regime zur Wehr zu setzen. Sie sollten das Buch lesen.

fahrenheit 451
12

wenn sie wüßten die wievielte interpretation des 999 germanistikstudenten/soziologen ich hier erhalte.

in dem buch geht es eher um das selbstständige denken und das hinterfragen des systems. erst danach ist er bereit sich dem system zu widersetzen.....

sawi48
20
@fahrenheit

Na ja - das war ja wohl die Voraussetzung für den Widerstand .

Eigentor

freilife
01
die Polizei zu verständigen

wäre in diesem Fall wohl ausreichend Zivilcourage gewesen.
wie auch immer - wäre das ohne Risiko - wäre ja auch keine "Courage" von Nöten

fahrenheit 451
00

nur sollte man die kleinen auch darauf hinweisen. ansonsten bildet man kleine suizidkommandos aus.

mir ist es ja lieber eine der so trainierten damen übernimmt die erstversorgung statt selbst ihr leben zu riskieren und ruft nur die polizei.

Johannes Benn
00
.

es geht um antirassismus, nicht um zivilcourage

Tethys
00

Gegen Rassismus kann auch mit Zivilcourage gekämpft werden. Ist Ihnen das nicht verständlich?

Johannes Benn
00
,

antirassismus kann auch zivilcourage verhindern

Tethys
03

Konsultieren Sie bitte einen Psychologen. Ihr unterschwelliger Rassismus muss behandelt werden.

Grigio
01

Das war aber jetzt sehr couragiert.

worry1
05
Letzte Woche in der U-Bahn

Ein Typ (leicht alkoholisiert) zündet sich im Zug eine Zigarette an.
Auf meine Bemerkung, dass hier Rauchverbot ist, kommt nur ein provozierendes "no und?".
Hätte ich weiter ZC gezeigt, wäre es zu einer Schlägerei gekommen, die ich sicher gewonnen hätte und bei der Gerichtsverhandlung hätte ich dann eine Vorstrafe wegen Notwehrüberschreitung oder ähnlichem bekommen und der "arme Typ" nichts.
ZC geht nur, wenn man nicht vom Gesetzgeber dafür als Krimineller abgestempelt wird.
Den Zug zu stoppen und den Fahrer zu holen, ebenso wie die Polizei zu rufen hätten nur mir Probleme bereitet und bis die gekommen wären, wäre der Typ weg gewesen und wahrscheinlich hätte ich auch noch froh sein müssen, wenn sie nicht mich verhaftet hätten und ich den

Susanne_B
30

Ihre PAranoia in allen Ehren: die dramatischen Geschichten von Notwehr oder Nothilfe leistenden, die anschließend vom bösen Gericht verurteilt wurden, während die eigentlichen Täter straffrei ausgingen, hört man immer wieder, wenn Menschen erklären möchten, warum man sich in solchen Situationen besser nciht einmischen solle. gut, man versucht, die eigene Untätigkeit udn das eigene Wegsehen schönzureden.

Mit der Realität haben diese Geschichten aber nichts zu tun. Sie sollten sich vielleicht einmal ordentlich informieren statt solche G'schichtln einfach zu übernehmen.

Der Unkurze
00

Er hätte also wegen der Missachtung des Rauchverbots einen gewaltsame Konflikt riskieren sollen?

Tut mir leid, aber hier fehlt die Relation.

Ernst Guevara
00
ausserdem

könnte man auch zivilcourage als wichtigen praktischen und lebensnahen bestandteil in einen noch zu schaffenden ethikunterricht integrieren. so wie man auch selbstverteidigung zwar nicht unbedingt in den turnunterricht einbeziehen sollte, aber zumindest als wahlfach anbieten könnte, mit schwerpunkt auf selbstverteidigung für mädchen. das wäre allemal besser als dieses unnötige und eines säkularen staates unwürdige indoktrinieren mit bibelversen, kurz: religionsunterricht.

Johannes Benn
12
.

selbstverteidigungsunterricht für mädchen in der schule ist in etwa so effektiv wie wenn jemand flugzeug fliegen lernen will und sich deshalb einmal in der woche in einen kfz-simulator setzt

hcl3
02
oida net mit schläger diskutieren

am besten man schlägt sich den kopf gleich mal selber gegen die tür- von wegen ausgerutscht hoppala
welche gut bürgerlichen sozialarbeiter ohne jeglich security erfahrung hat sich die dialoge ausgedacht-
handy- kamera-aufnahmen-online stellen- zum boykott aufrufen, selber nicht reingehen
unser kids sind haben die neuen medien im griff
a mädlfreie disco geht binnen kürzester zeit bankrott-
zivilcourage immer und jederzeit
bei der "waffenwahl"hirn einschalten

Ernst Guevara
00
gute sache, nur: warum auf die kids beschränken? sicher kann man gar nicht früh genug damit anfangen, zivilcourage zu lehren und lernen.

aber gerade auch bei erwachsenen kann es nutzen, solche kurse zu besuchen, nicht als privatvergnügen, sondern zb im rahmen der inner-betrieblichen weiterbildug mit gesamtgesellschaftlicher verantwortlichkeit. auch das AMS könnte hier endlich einmal einen sinnvollen beitrag leisten und solche kurse finanzieren anstatt erwerbslose mit sinnlosen zwangsmaßnahmen a la "wie bewerbe ich mich richtig, klappe, die zwanzigste" zu demütigen. dass die polizei-werbespotts "in richtung" zivilcourage gehen, halte ich jedoch für eine arge realitätsverdrehung. wer die spotts gesehen hat, weiss doch, dass sie ganz klar von zivilcouragiertem handeln abschrecken sollen, denn es werden darin nur die negativen auswirkungen eines solchen eingreifens dargestellt.

hcl3
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oida net mit schläger diskutieren

_tom_100
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Reinste Ideologie!

Eleazar Halevy
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Jetzt wurde uns Jahrzentelang eingebläut, dass

nur das eigen Fortkommen wichtig ist und uns die anderen nichts angehen. Und jetzt soll es auf einmal an einzelnen liegen, da was zu unternehmen, wo schon längst alle Dämme gebrochen sind? Ihr seid's g'spaßig! Na sicher nicht!

Johannes Benn
00
.

es wurde uns doch auch eingebelut jeder habe sein eigenes leben und man dürfe niemand irgendwie berichtigen, weil dann wär man ja ein blockwart oder dergleichen

Thorium
00

wo sind Sie zur Schule gegangen, wo Ihnen so etwas eingebläut wurde ? Haben Sie da vielleicht etwas mißverstanden ?

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