"Kunst der Aufklärung" im Nationalmuseum in Peking - Ai Weiwei erläutert, warum er nicht zur Eröffnung der deutschen Großausstellung gehen wird
Der Kommentar des weltbekannten Konzeptkünstlers Ai Weiwei zur mehr als zehn Millionen Euro teuren Großausstellung Die Kunst der Aufklärung fällt knapp aus: "Das amüsiert mich". Er meint nicht das Datum 1. April, an dem Außenminister Guido Westerwelle die von den Staatlichen Museen Berlin, Dresden und München aufbereitete Ausstellung im Neubau des Nationalmuseums am Tiananmen-Platz eröffnet. "Deutschland hat so viel Energie und Geld in das größte Kulturaustauschprojekt zwischen beiden Nationen investiert", so Ai Weiwei. Es zeige, welchen "unglaublichen Wertewandel" zur Rationalität und Humanität die vor 300 Jahren begonnene Aufklärung bei den Europäern in Gang gesetzt hat. Aber China stelle sich der Aufklärung bis heute nicht.
Im Gegenteil: Weil er "kein Freund des chinesischen Volkes" sei, verweigerte China dem Sinologen Tilman Spengler, der mit Westerwelle zur Eröffnung kommen wollte, das Visum. Spengler hatte im Herbst eine Laudatio auf den inhaftierten Bürgerrechtler und späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiabo gehalten. "Ölbilder darf man ausstellen. Die Debatte hat außen vor zu bleiben. Ist das nicht voller Humor?"
Scharf kritisiert der 53-Jährige, wie in seinem Land Menschen für Vorstellungen und Ansichten, die von jenen der Regierung abweichen, ins Gefängnis gesteckt werden, "als ob sich China noch im Mittelalter befindet." In der Großen Halle des Volkes gegenüber dem Nationalmuseum habe vor zwei Wochen der Präsident des Volkskongresses das sozialistische Parlament darauf eingeschworen, keine "Pluralität" bei den Leitideen zuzulassen, die China regieren. "Die deutsche Ausstellung zur Aufklärung ist sehr wichtig", sagt Ai Weiwei dem Standard . Aber er bezweifle, dass ihre Botschaft zur gesellschaftlichen Reflexion über Geschichte, Philosophie. Ästhetik oder Ethik führen könne.
Gangster- und Mafiastaat
Deshalb nimmt Ai Weiwei auch nicht an der Eröffnung teil: "Ich glaube, es gibt nicht viele, die jemanden wie mich dort sehen wollten. Ich selbst würde meine Teilnahme als peinlich empfinden. Eigentlich müssten wir Chinesen uns schämen, über Hunderte von Jahren nichts zu den grundlegenden Wertevorstellungen der Menschheit beigetragen zu haben, so wie es die Aufklärung getan hat." Er hoffe auf klare Worte des deutschen Außenministers bei seinem Besuch in Peking: "Wir leben heute in einer globalisierten Welt. Wenn wir unseren Nachbarn nicht mehr sagen können, dass ihr Verhalten grundlegende Wertevorstellungen verletzt, ermutigen wir die jeweilige Regierung, weiterzumachen wie bisher." Ai Weiwei hat Grund für scharfe Worte.
Ein Korsett an behördlichen Schikanen, Überwachung und Verfolgungen drückt ihm die Luft zum Arbeiten ab. Er könne keine Werkausstellungen mehr zeigen: "In Schanghai wurde mein Atelier rechtswidrig abgerissen, und mir wurde verwehrt, ein neues zu bauen. Im März wurde meine Ausstellung in Peking verboten."
Während einer seiner Aktionen sei er zusammengeschlagen worden, auch wenn es die Behörden abstreiten. Vor seinem Pekinger Atelier seien zwei Überwachungskameras installiert. Zivile Sicherheitspolizisten suchten ihn regelmäßig auf, sein Telefon werde abgehört, seine Blogs überwacht. Personen, die mit ihm verkehrten, würden unter Druck geraten. Vor fünf Jahren sei das noch nicht so schlimm gewesen, doch nach dem Erdbeben von Sichuan 2008 verschärfte sich die Lage. Damals initiierte er mit seinen Kunstaktionen öffentliche Debatten über behördliche Korruption und Baupfusch - und darüber, dass tausende Kinder in eingestürzten Schulen sterben mussten. Mehrere Aktivisten vor Ort, die die gleichen Fragen stellten, wurden wegen staatsumstürzlerischer Umtriebe zu jahrelanger Haft verurteilt.
Peking hat seit der Verleihung des Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo und den arabischen Revolutionen die Verfolgung Oppositioneller verschärft. Bis zu 150 Anwälte oder Dissidenten wurden von der Polizei festgenommen, unter Hausarrest gestellt und verschleppt, schreibt die Menschenrechtsorganisation China Human Rights Defenders.
China verhalte sich wie ein "Gangster- oder Mafiastaat", wenn es willkürlich junge, kritische Menschen verfolge, die sich Gedanken um die Zukunft machen. Als preisgekrönter Künstler, der Pekings "Vogelnest"-Olympiastadion mitentwarf, ist Ai Weiwei durch seine internationale Bekanntheit geschützt. Er reüssierte mit internationalen Großausstellungen, Ende April gibt es Ai-Weiwei-Präsentationen in Berlin, später in London und im Oktober zum ersten Mal auch in Taipeh. Aber, so sagt er: "Die Behörden gehen zur Zeit systematisch gegen alle vor, die ihnen nicht passen. Auch mir kann jederzeit etwas passieren."
Atelier in Berlin
Die Arbeitsbeschränkungen haben ihn angetrieben, sich nach einer Werkstatt und Dependance im Ausland umzuschauen. Ai Weiweis Wahl - er lebte auch schon einmal 13 Jahre in New York - fiel auf Berlin, "weil ich mit Deutschland und Europa so viel zu tun habe, in Berlin viele Künstler leben und die Kosten nicht hoch sind." Ende letzten Jahres sah er sich in Ostberlin unter Altbauten um, fand eine Galeriegegend und einen Platz mit unterirdischen Gewölben, die früher als Bierlager dienten: "Ich liebe es, im Untergrund zu arbeiten."
Die Verträge für diesen Zweitwohn- und Arbeitssitz seien noch nicht unter Dach und Fach, ein bis zwei Jahre werde es, so der Künstler ironisch, beim "deutschen Genehmigungstempo" wohl noch dauern. An einen kompletten Umzug denke er erst, wenn er oder seine Familie existenziell bedroht würden. "Ich bin in China aufgewachsen. Ich habe erlebt, wie mein Vater, der Dichter Ai Qing ins Gefängnis kam, bin mit ihm als kleines Kind in 20 Jahren Verbannung nach Xinjiang geschickt worden. Wenn ich wegwollte. wäre ich schon längst gegangen."
In Lebensgefahr schwebe er nicht, wohl aber in der Gefahr, in Haft zu kommen. "Täglich fragen mich Leute, warum ich noch nicht dort bin." (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 1. April 2011)