Ausstellung in Peking

"China liebt Aufklärung nur in Öl"

Johnny Erling aus Peking , 31. März 2011, 17:10
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    foto: johnny erling

    Der weltberühmte chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei spricht über mangelnde Aufklärung in China und die tägliche Gefahr, in Haft zu geraten. Demnächst übersiedelt er nach Berlin. Foto: J. Erling

"Kunst der Aufklärung" im Nationalmuseum in Peking - Ai Weiwei erläutert, warum er nicht zur Eröffnung der deutschen Großausstellung gehen wird

Der Kommentar des weltbekannten Konzeptkünstlers Ai Weiwei zur mehr als zehn Millionen Euro teuren Großausstellung Die Kunst der Aufklärung fällt knapp aus: "Das amüsiert mich". Er meint nicht das Datum 1. April, an dem Außenminister Guido Westerwelle die von den Staatlichen Museen Berlin, Dresden und München aufbereitete Ausstellung im Neubau des Nationalmuseums am Tiananmen-Platz eröffnet. "Deutschland hat so viel Energie und Geld in das größte Kulturaustauschprojekt zwischen beiden Nationen investiert", so Ai Weiwei. Es zeige, welchen "unglaublichen Wertewandel" zur Rationalität und Humanität die vor 300 Jahren begonnene Aufklärung bei den Europäern in Gang gesetzt hat. Aber China stelle sich der Aufklärung bis heute nicht.

Im Gegenteil: Weil er "kein Freund des chinesischen Volkes" sei, verweigerte China dem Sinologen Tilman Spengler, der mit Westerwelle zur Eröffnung kommen wollte, das Visum. Spengler hatte im Herbst eine Laudatio auf den inhaftierten Bürgerrechtler und späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiabo gehalten. "Ölbilder darf man ausstellen. Die Debatte hat außen vor zu bleiben. Ist das nicht voller Humor?"

Scharf kritisiert der 53-Jährige, wie in seinem Land Menschen für Vorstellungen und Ansichten, die von jenen der Regierung abweichen, ins Gefängnis gesteckt werden, "als ob sich China noch im Mittelalter befindet." In der Großen Halle des Volkes gegenüber dem Nationalmuseum habe vor zwei Wochen der Präsident des Volkskongresses das sozialistische Parlament darauf eingeschworen, keine "Pluralität" bei den Leitideen zuzulassen, die China regieren. "Die deutsche Ausstellung zur Aufklärung ist sehr wichtig", sagt Ai Weiwei dem Standard . Aber er bezweifle, dass ihre Botschaft zur gesellschaftlichen Reflexion über Geschichte, Philosophie. Ästhetik oder Ethik führen könne.

Gangster- und Mafiastaat

Deshalb nimmt Ai Weiwei auch nicht an der Eröffnung teil: "Ich glaube, es gibt nicht viele, die jemanden wie mich dort sehen wollten. Ich selbst würde meine Teilnahme als peinlich empfinden. Eigentlich müssten wir Chinesen uns schämen, über Hunderte von Jahren nichts zu den grundlegenden Wertevorstellungen der Menschheit beigetragen zu haben, so wie es die Aufklärung getan hat." Er hoffe auf klare Worte des deutschen Außenministers bei seinem Besuch in Peking: "Wir leben heute in einer globalisierten Welt. Wenn wir unseren Nachbarn nicht mehr sagen können, dass ihr Verhalten grundlegende Wertevorstellungen verletzt, ermutigen wir die jeweilige Regierung, weiterzumachen wie bisher." Ai Weiwei hat Grund für scharfe Worte.

Ein Korsett an behördlichen Schikanen, Überwachung und Verfolgungen drückt ihm die Luft zum Arbeiten ab. Er könne keine Werkausstellungen mehr zeigen: "In Schanghai wurde mein Atelier rechtswidrig abgerissen, und mir wurde verwehrt, ein neues zu bauen. Im März wurde meine Ausstellung in Peking verboten."

Während einer seiner Aktionen sei er zusammengeschlagen worden, auch wenn es die Behörden abstreiten. Vor seinem Pekinger Atelier seien zwei Überwachungskameras installiert. Zivile Sicherheitspolizisten suchten ihn regelmäßig auf, sein Telefon werde abgehört, seine Blogs überwacht. Personen, die mit ihm verkehrten, würden unter Druck geraten. Vor fünf Jahren sei das noch nicht so schlimm gewesen, doch nach dem Erdbeben von Sichuan 2008 verschärfte sich die Lage. Damals initiierte er mit seinen Kunstaktionen öffentliche Debatten über behördliche Korruption und Baupfusch - und darüber, dass tausende Kinder in eingestürzten Schulen sterben mussten. Mehrere Aktivisten vor Ort, die die gleichen Fragen stellten, wurden wegen staatsumstürzlerischer Umtriebe zu jahrelanger Haft verurteilt.

Peking hat seit der Verleihung des Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo und den arabischen Revolutionen die Verfolgung Oppositioneller verschärft. Bis zu 150 Anwälte oder Dissidenten wurden von der Polizei festgenommen, unter Hausarrest gestellt und verschleppt, schreibt die Menschenrechtsorganisation China Human Rights Defenders.

China verhalte sich wie ein "Gangster- oder Mafiastaat", wenn es willkürlich junge, kritische Menschen verfolge, die sich Gedanken um die Zukunft machen. Als preisgekrönter Künstler, der Pekings "Vogelnest"-Olympiastadion mitentwarf, ist Ai Weiwei durch seine internationale Bekanntheit geschützt. Er reüssierte mit internationalen Großausstellungen, Ende April gibt es Ai-Weiwei-Präsentationen in Berlin, später in London und im Oktober zum ersten Mal auch in Taipeh. Aber, so sagt er: "Die Behörden gehen zur Zeit systematisch gegen alle vor, die ihnen nicht passen. Auch mir kann jederzeit etwas passieren."

Atelier in Berlin

Die Arbeitsbeschränkungen haben ihn angetrieben, sich nach einer Werkstatt und Dependance im Ausland umzuschauen. Ai Weiweis Wahl - er lebte auch schon einmal 13 Jahre in New York - fiel auf Berlin, "weil ich mit Deutschland und Europa so viel zu tun habe, in Berlin viele Künstler leben und die Kosten nicht hoch sind." Ende letzten Jahres sah er sich in Ostberlin unter Altbauten um, fand eine Galeriegegend und einen Platz mit unterirdischen Gewölben, die früher als Bierlager dienten: "Ich liebe es, im Untergrund zu arbeiten."

Die Verträge für diesen Zweitwohn- und Arbeitssitz seien noch nicht unter Dach und Fach, ein bis zwei Jahre werde es, so der Künstler ironisch, beim "deutschen Genehmigungstempo" wohl noch dauern. An einen kompletten Umzug denke er erst, wenn er oder seine Familie existenziell bedroht würden. "Ich bin in China aufgewachsen. Ich habe erlebt, wie mein Vater, der Dichter Ai Qing ins Gefängnis kam, bin mit ihm als kleines Kind in 20 Jahren Verbannung nach Xinjiang geschickt worden. Wenn ich wegwollte. wäre ich schon längst gegangen."

In Lebensgefahr schwebe er nicht, wohl aber in der Gefahr, in Haft zu kommen. "Täglich fragen mich Leute, warum ich noch nicht dort bin." (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 1. April 2011)

Kommentar posten
17 Postings
hulkjr
30
wieder die tägliche ai wei wei

meldung. mir ist nicht klar wieso der standard früher über jeden kleinen einfall von schlingensief und jetzt über jede kleine äusserung von ai wei wei berichtet. als gäbe es nicht 1000 andere interessante oder sogar interessantere dinge.

rank7
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und heute wurde er kurz vor der Ausreise festgenommen

Matthias Mersch
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Teil IV

Seinen Sohn Ai Wei Wei nehme ich sehr ernst: als Menschen, Künstler und Intellektuellen.

Matthias Mersch
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Teil III

Von 1957 bis 1978 gehört er – vermutlich dank einer Intrige unter Schriftstellerkollegen – zu den Verfolgten des Regimes. Von Deng rehabilitiert, fühlte er sich dem Reformer offenbar so sehr verpflichtet, dass er 1983 anlässlich der staatlichen „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“, die sich vor allem gegen westlich-liberales Denken im Kulturbereich und Libertinage im Alltagsleben wandte, gegen die jungen Dichter der Hermetischen Schule (Menglong Shipai) Partei ergriff. Ai Qing – so viel dürfte aus dieser kurzen Darstellung klar geworden sein – ist eine widersprüchliche Figur gewesen: menschlich und künstlerisch. Wenn seine Werke also heute an Schulen „gelehrt“ werden, kann das aus sehr ambivalenten Motiven heraus geschehen.

Matthias Mersch
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Teil II

Unter Guomindang-Herrschaft saß der kommunistische Literat Anfang der dreißiger Jahre im Gefängnis. 1942 sitzt er mit Mao Zedong und anderen Gefolgsleuten der Kommunisten hingegen in Yan´an, die Rückzugsbasis in Nordchina, von der aus die Kommunisten in die entscheidende Phase des Bürgerkrieges zogen, der für sie letztlich erfolgreich verlief. Verteidigt Ai in Yan´an noch in einem Essay die Autonomie des Dichters, erleben ihn seine Leser nach Gründung der Volksrepublik als Kulturfunktionär, Maoisten, Stalinisten, Kriegsdichter, Journalisten und Propagandaschreiber, wobei er für sein Schreiben durchaus modernistische Stilmittel nach dem Vorbild Majakowskis nutzbar machte.

Matthias Mersch
01
Man soll dem Menschen durchaus seine Halbbildung gönnen,

denn auch ihr Erwerb ist oft mit erheblichen Mühen verbunden. Da ich mich mit wachsendem Alter aber empfindlich gestört fühle durch jemanden wie beowulf2, der sein "Wissen" dröhnend-prahlerisch unter die Leute zu bringen beliebt, melde auch ich mich nun in der Kommentarleiste an, um den etwas weniger verblendeten Zeitgenossen etwas Stoff zum Nachdenken zu liefern.
Also: Ai Qing, der Vater von Ai Wei Wei lebte von 1910 bis 1996. Sein 1957 geborener Sohn hatte also Gelegenheit, 39 Jahre seines Lebens mit ihm zu verbringen. Ai entstammt einer reichen Landbesitzerfamilie, ein ähnlicher Hintergrund wie ihn viele Führer der Kommunistischen Partei Chinas hatten.

beowulf2
 
11

Dröhnend prahlerisch sind wohl ihre Postings. 4 Postings in dem sie das Leben von Ai Qing lautmalerisch aber ohne viel Informationen zu liefern in Szene setzen, ohne dabei auf den Punkt zu kommen.

Mehr Selbstdarstellung als Bereicherung und zum Teil auch bewusste irreführung. Warum erwähnen sie, dass viele Führer der KP einen ähnlichen Hintergrund wie Ai hatten? Viele Führer der KP kamen aus ärmlichen Verhältnissen, andere aus reicheren Verhältnissen. Wenn sie über die unterschiedlichen Motive für die Unterstützung der kommunistischen Bewegung diskutierten wollen, habe ich nichts dagegen. Aber dann tun sie das auch.

beowulf2
 
02
31.3.2011, 18:04
Ai Wei Wei hat echt erlebt wie sein Vater ins Gefängnis gekommen ist? Faszinierend - sein Vater wurde ja von der Guomindang eingesperrt, zig Jahre vor seiner Geburt.

In der Kulturrevolution wurde er nach Xinjiang verbannt, das war aber kein Gefängnis.
Was Ai WeiWei aber miterlebt hat, war, wie sein Vater nach dem Wahnsinn der Kulturrevolution, unter Deng wieder rehabiliert wurde und seitdem Pflichtlektüre in der Schule ist.

Aber Ai Weiwei ist sowieso nicht ernst zu nehmen. Gehört zu der Gruppe, die den Westen bedingungslos verklärt und die eigene Kultur schonungslos verdammt. Natürlich ein gern gesehener Gast in unseren Zeitungen. Ja, kein kritisches Denken aufkommen lassen. Auf andere schimpfen und sich selber auf die Schultern klopfen. Der besondere Geist der "Aufklärung".

beowulf_3
00
31.3.2011, 22:34

Ihre postings haben die Bedeutung von Reissäcken und Fahrrädern, wie sie hin und wieder in China umfallen.

readymate
00
Wie verständig

Sie doch Ihre eigenen Postings zu kommentieren wissen!

.

beowulf2
 
01
31.3.2011, 23:44

Sie registrieren sich also extra neu und nehmen sich die Mühe einen Beitrag zu verfassen, obwohl meine Postings absolut unbedeutend sind?

Ziemlich leichter Stessa
00
31.3.2011, 20:11

Sind Sie Chinese? Oder (nicht ganz neutraler) Beobachter? Die Frage meine ich übrigens nicht zynisch, sondern durchaus ernst, da ich seit Jahren bestrebt bin, mir aus "Mosaiksteinen" von verschiedensten Meinungen ein Bild zum Thema "China" zu basteln (was aber aufgrund der Polarisierung sehr schwer ist).

beowulf2
 
00
31.3.2011, 20:23

Nein, ich bin kein Chinese - deswegen halte ich meine Kritik an der westlichen Berichterstattung und der Beweihräucherung von "Gunga Dins" nicht zurück.

Und im Gegensatz zu genau diesen "Gunga Dins" glorifiziere ich auch die chinesische Kultur & Politik nicht und unterstreiche bei jeder Gelegenheit ihre Überlegenheit gegenüber unserer Kultur.

Das könnte ich nämlich in China vielleicht genauso machen, wie Ai Weiwei bei uns. Und ebenso fett absahnen. Die meisten Chinesen würden mich aber dann als geldgeilen Speichellecker abtun. Zu recht.

Ziemlich leichter Stessa
01
31.3.2011, 23:55

Aber wie stehen Sie zu dem Verhalten der Regierung, sein Atelier niederzureißen - das kann doch nicht das Verhalten eines Regimes sein, das mit Kritik ungehen kann?

Übrigens weiß ich nicht, was Gunga Dins sind...

beowulf2
 
01
Gunga Din ist eine Figur von Kipling. Der Prototyp des naiven aber tapferen Eingeborenen

, der die westliche Zivilisation verehrt und sich sogar für den weißen Mann aufopfert. Damit die Anerkennung des weißen Mannes gewinnt und zusätzlich gleichzeitig die westliche Überlegenheit unterstreicht.

Es lassen sich viele Gunga Dins finden. Ist auch nachvollziehbar, die heimischen schlechten Zustände und die augenscheinliche Überlegenheit der westlichen Zivilisation (Technisch, wirtschaftlich, militärisch, politisch) hat viele Menschen dazu verleitet. z.B. Der den Kolonialismus lobpreisende Liu Xiaobo füllt so eine Rolle perfekt aus. Schlimm finde ich es erst wirklich, wenn diese Menschen von uns instrumentalisiert werden. Das zeigt von keinerlei Reflexion oder sagen wir "Aufklärung".

beowulf2
 
11
Was wissen sie eigentlich über die Vorgänge bezüglich des Ateliers?

z.B. das Ai WeiWei keine Genehmigung gehabt hat oder das Ai WeiWei eine finanzielle Vergüterung angeboten wurde (weil die Behörden keine große Sache daraus machen wollten) und er dies abgeschlagen hat - weil Ai WeiWei im Geld schwimmt (unter anderem dank seines in China als Nationalheld gefeierten Vaters und seines Marktwertes im Westen) und er sich liebend gerne mit Behörden anlegt. Steigert ja seinen Marktwert hier.
Oder das es in China gar keinen Privat-Besitz an Grund und Boden gibt und die Behörden daher befugt sind - gegen eine angemessene Entschädigung, die ja abgeschlagen wurde - das Land andersweitig zu verwenden.

Mein Mitleid mit Aiweiwei hält sich sehr in Grenzen.

beowulf2
 
01
31.3.2011, 17:51

"China Kenner" Tilmann Spengler:

"Für die Intensität der genauen Beobachtung ist mir das Gefühl der Fremdheit sehr wichtig. Nach ein paar Wochen sieht, hört und riecht man die Besonderheiten nicht mehr. […] China ist für mich ein Ort mit ziemlich hoher Verdichtung in sehr vielen Lebensbereichen. Wie lange das das Nachdenken anregt, weiß ich nicht. Ich habe China immer früh genug wieder verlassen, bevor es in eine Flachphase übergehen konnte"

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