"Wenn das Regime weg ist, wird auch Al Kaida verschwinden"

Shatha Al-Harazi, 1. April 2011, 07:01
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    foto: shatha al-harazi

    Ali Abdraboh Al-Qadhi, Scheich des Murad-Stammes in Marib, ist auch der Chef des Unabhängigen Blocks im jemenitischen Parlament (4 von 299 Sitzen). Al-Qadhi war ein naher Vertrauter von Ibrahim Al-Hamadi, dem "beliebtesten Präsidenten Jemens", der 1977 ermordet wurde. In den 70er Jahren war er Vorsitzender der Nasseristischen Unionistischen Volkspartei. Nach seiner Teilnahme an einem fehlgeschlagenen Putschversuch im Jahr 1978 wurde er zum Tode verurteilt, später aber vom jetzigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh begnadigt.

Ali Abdraboh Al-Qadhi, Stammeschef und oppositioneller Politiker über den Irrglauben des Westens, Präsident Saleh wäre ein Verbündeter im Kampf gegen Al Kaida

Ali Abdraboh Al-Qadhi, Oppositioneller und Chef des Murad-Stammes in Marib, gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Provinz Marib. Shatha Al-Harazi traf Al-Qadhi für derStandard.at und sprach mit ihm über die kontroversielle Rolle Al Kaidas in Marib und darüber wie die Angst des Westens vor Al Kaida vom Regime instrumentalisiert wird.

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derStandard.at: In welchem Ausmaß existiert Al Kaida in Marib tatsächlich?

Al-Qadhi: Ein Stamm hat am Sonntag einen Militär-Checkpoint in Marib angegriffen. Die Regierung ließ verlautbaren, dass das die Al Kaida war. Derselbe Stamm kaperte Militärpanzer und ein Polizeiauto. Warum folgte ihnen das Militär nicht? Sie waren auf offenem Gelände, keine Berge weit und breit. Wohin verschwinden die Al Kaida Mitglieder denn so plötzlich nach ihren Attacken? Haben sie Stufen in den Himmel, über die sie verschwinden, nachdem sie uns angreifen? Für mich ist das der Beweis, dass diese Leute nicht ohne Wissen des Regimes operieren.

derStandard.at: Damit wollen Sie sagen, dass es Al Kaida in Marib gar nicht gibt?

Al-Qadhi: Das ist nur das Al Kaida des Regimes.

derStandard.at: Was meinen Sie damit?

Al-Qadhi: Das Regime steuert diese Gruppen, wie es will. Wann immer es sich in irgendwelchen Schwierigkeiten befindet, benutzt das Regime Al Kaida als Mittel, den Westen und die USA zu ängstigen und sie glauben zu lassen, dass, wenn der Westen nicht für Saleh einsteht, Al Kaida den Jemen überrollt.

derStandard.at: Besteht denn die Gefahr, dass Al Kaida die Provinz Marib überrollt?

Al-Qadhi: Das wird niemals passieren, weil eben keine Gruppierung sich hier als Al Kaida bezeichnet.

derStandard.at: Was sagen Sie dazu, dass die USA ihre Sorge über den Rückzug Salehs ausgedrückt haben?

Al-Qadhi: Ich habe bedauert zu hören, dass der US-Verteidigungsminister erklärte, dass, wenn Saleh zurücktritt, der Kampf mit Al Kaida im Jemen eskalieren würde. Das entspricht nämlich einfach nicht den Tatsachen. Die Wahrheit ist: wenn das Regime weg ist, wird auch Al Kaida verschwinden.

derStandard.at:  Warum nehmen die USA gegenüber dem Jemen einen anderen Standpunkt ein als gegenüber Libyen?

Al-Qadhi: Diese Frage sollten Sie dem US-Botschafter und den militärischen Beratern der USA stellen. Fragen Sie sie, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird. 53 Demonstranten wurden letzte Woche getötet und über 600 Menschen wurden schwer verletzt. Und was ist die Antwort der USA darauf? Sie haben die Angriffe auf die Demonstranten verurteilt, während die internationale Gemeinschaft im Fall Libyens bei einer ähnlich hohen Anzahl Getöteter bereits laut über einen Militäreinsatz nachdachte.

derStandard.at: Heißt das, Sie würden internationale Truppen für den Jemen begrüßen?

Al-Qadhi: Natürlich tue ich das nicht. Alles, was ich will ist, dass man sich international gegen Saleh wendet und aufhört, der Idee anzuhängen, dass er allein die Al Kaida in Schach halten kann.

derStandard.at: Politische Analysten meinen, den USA liege daran, dass die Söhne und Neffen des Präsidenten an der Macht bleiben, weil sie Garanten für eine konstante Antiterrorismuspolitik seien. Was sagen Sie dazu?

Al-Qadhi: Sie können auf ihren Posten bleiben, wenn Saleh geht. Die Opposition hat kein Problem mit ihnen, das Problem ist, das Saleh einen Staat für sie gebaut hat. Er installierte zahlreiche Organisationen und Behörden, nur um sie mit Posten zu versorgen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass die Menschen in Marib absichtlich die Straßen blockieren und die Stromleitungen nach Sanaa kappen, um Saleh unter Druck zu setzen?

Al-Qadhi: Nein, das waren die Banden des Regimes. Marib ist noch immer in Salehs Hand. Er will die Menschen einschüchtern, indem er sie glauben lässt, dass das Chaos ausbricht, sollte die Opposition an die Macht kommen. In Wirklichkeit schützt aber nicht die Regierung die elektrischen Leitungen, sondern die lokale Bevölkerung selbst.

derStandard.at: Als Kopf des unabhängigen Blocks im jemenitischen Parlament: wurde eine Übereinkunft mit den anderen Parteien erwirkt, wie Saleh seine Macht abgeben soll?

Al-Qadhi: Letzten Dienstag konnte ein Übereinkommen im Haus des Vizepräsidenten geschlossen werden. Anwesend waren Präsident Saleh, General Ali Mohsen al Ahmar (Befehlshaber der Ersten Panzerdivision und Halbbruder des Präsdenten, er hat sich zu Beginn der Demos mit den Demonstranten solidarisiert. Anm.),  Abdellaziz Abdullghani (Kopf des parlamentarischen Beratungsgremiums, Anm.), der politische Berater Abdulkarem Al-Irani und von der Opposition Yaseen Saeed Noman und Mohammed Al-Yadumi. Sie stimmten einem Vorschlag des Generals zu, wonach der Präsident einen neuen Vizepräsidenten ernennen solle, dem er die Macht übergibt. Danach sollte eine Übergangsregierung ernannt werden und am Samstag der Rücktritt Salehs erfolgen. Aber nichts passierte.

derStandard.at: Warum nicht?

Al-Qadhi: Weil Saleh sah, wie viele bezahlte Unterstützer er versammeln konnte, glaubte er, doch länger bleiben zu können. Sie so genannten Unterstützer waren allerdings Mitglieder der Sicherheitsbehörden, öffentliche Angestellte und andere, die von den Zuwendungen des Regimes abhängig sind. Wir wissen, dass fast acht Milliarden Rial (ca. 26 Millionen Euro) an Staatsgeldern ausgegeben wurden, um diese Kundgebungen zu organisieren.

derStandard.at: Haben Sie diese Ausgaben im Parlament angesprochen?

Al-Qadhi: Das Parlament kommt nicht mehr zusammen seit der Unabhängige Block und die Oppositionsparteien sowie 130 Mitglieder der regierenden Parteien zurückgetreten sind. (Shatha Al-Harazi, derStandard.at, 31.3.2011)


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Info: Marib ist eines von 20 Gouvernements des Jemens. Es liegt im Zentrum des Landes und hat circa 250.000 Einwohner. Die gleichnamige Hauptstadt liegt etwa hundert Kilometer österlich von Sanaa, der Hauptstadt des Jemens. Marib gilt als Rückzugsort der Al Kaida.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
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salt&pepper
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Wie kann etwas verschwinden, was es gar nicht gibt?

kurtilein
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LUSTIG mit KHAT

Ach wie lustig ! Haben mich im Jemen Salehs (USA Marionette) Soldaten genauso "beschützt", wie Stammeskämpfer aller Art. Nun ich hatte auch eine Maschinenpistole, gehört dort zum guten Ton.
Ein herrliches Land, so frei und arm. Man sollte halt kein Usaler oder Brite sein, da wäre schon was zum Köpfen, aber so ein lustiger Austrianer, der für Kahtspenden sorgt, damit der Alltag schön wird, den mag man eben. Nach dem möglicherweise Abgang
von Saleh wird erst richtig lustig, da kann man seine
Stammesgrenzen mal richtig austesten.

salman
 
04

Ich bezweifle, dass es Al- Quaida in dem Sinne gibt ... wohl aber gibt es Takfiris, d.h. radikale Gruppierungen, die es für legitim halten, gegen "unislamische" Systeme und Phänomene Gewalt anzuwenden, und Dschihadis, die in diesem Fall den bewaffneten Dschihad für legitim halten. Wenn dann beides zusammenkommt, lautet die Gleichung:

Takfir + Dschihadi = Terrorist

mistvieh666
 
01

ja, bei uns braucht auch nur die demokratie verschwinden und alles wird gut.
und "hamlet" ist uebrigens nicht von shakespeare geschrieben worden, sondern von einen mann, der shakespeare genannt wurde.

Zuckerlilly Zuckerlilly
05
Ah ja, die al Kaida, die es im Jemen ja angeblich gar nicht gibt, hat ihr eigenes Emirat ausgerufen und Frauen verboten auszugehen:

Al Qaeda Declares Southern Yemeni Province An "Islamic Emirate"

http://www.businessinsider.com/al-qaeda-... z1IEmY7LxB

Darmwind
05

Wahrscheinlich bin ich zu naiv, aber: Wir lesen und hören immer nur ÜBER AlKaida. Ich würde gerne mal authentische Äußerungen VON AlKaida SELBST lesen. Findet sich denn keine Möglichkeit, mit diesen Leuten in Verbindung zu treten und einmal DEREN Sicht von den Dingen zu hören?? Gibt´s weltweit keinen Journalisten, der Kontakt zu AlKaida aufnehmen kann oder will? Oder gibt´s DOCH Statements? Wo?

Fritz Wunderlich
10

in die verschlüsselten chatrooms der islamisten kommen nicht einmal experten, aber werbewebsites für al quaida gibt es jede menge
sind die ihnen noch nie aufgefallen???
wie lange surfen sie schon??

bass
11

dann sollten sie ihre mossad freunde bitten sie reinzulassen

espoir
02
"Die Sprache von Al Kaida"

kann man in ca. 8 Teilen auf You Tube sehen.
Ich poste diese Dokumentation häufiger, weil mich immer wundert wieviele angebliche "EXPERTEN" es gibt,
und wie wenige Leute z.B. Gilles Kepel kennen.
Es ist sehr informativ in Bezug auf Strategien.

espoir
00
Es gibt auch eine sehr gute Dokumentation dazu.

Zuckerlilly Zuckerlilly
00
Gibt's auf den einschlägigen Seiten sowohl auf Englisch als auch Arabisch.

mister moster
00

Das Problem ist eben, dass die Authentizität meistens nicht gewährleistet ist. Es gibt immer nur eine Sicht von aussen, aber nie von innen. Das wäre ja mal interessant. Von den Taliban weiß man da mehr.

Fritz Wunderlich
00

http://narrabyee-e.blogspot.com/2011/03/i... saada.html

authentisch, da müssten sie vor ort sein und arabisch können, sonst sind ihre zweifel bei weitem substanzloser als die nachrichten

goldschmied van halen
00
der jemen hat 2 probleme...

...überpopulation und khat!

Dhimmi
01
Und das 3.Problem, das Hauptproblem, hast noch vergessen.

p1234
01

Islam?

mister moster
12
Frage: Weil sich die meisten hier so sicher sind, dass dieser Mann lügt und vollkommen falsche Vorstellungen liefert:

Warum ist das so? Wer sagt, dass die Al Kaida tatsächlich dort ihr Stammland hat und das Ganze nicht tatsächlich von der jemenitischen Regierung aufgebauscht wurde? Welche Beweise gibt es zu dieser Situation? Und es sieht so aus, als wäre Al-Qadhi für eine Demokratisierung der Verhältnisse. Was ist daran falsch?

Wenn mir dazu niemand was Stichhaltiges liefern kann, dann sind die meisten vorgehenden Kommentare vor allem demagogisch mit Vorurteilen beladen. Wenn mir jemand unabhängige Informationen dazu geben kann, ob es die Al Kaida dort wirklich gibt in der Form gibt, wie behauptet (im jemenitischen Norden lokalisiert, Unterstützung von Saudi Arabien, ...), dann lasse ich mir das gerne sagen.

Dhimmi
01
"dass dieser Mann lügt ...."

Wenn Du nur einmal für 2 Wo im Jemen warst, dann weisst Du das auch.
Schon mal versucht nach Marib (Ausgrabungen)zu fahren?
Wo passierten die meisten Entführungen?
Der Mann ist einfach ein machthungriger und geldgieriger Stammesdespot wie auch Saleh und fast all die anderen, die da mitmischen.
Frag mich nur wann er bei den EU-Gutmenschen zum Demokraten und Freiheitskämpfer wird.

Fritz Wunderlich
00

zitat vom anfang
Ali Abdraboh Al-Qadhi, Oppositioneller und Chef des Murad-Stammes in Marib

vom ende
Marib gilt als Rückzugsort der Al Kaida.

mister moster
00
Ja und?

Es gibt sicher viele Menschen, die Al Qadhi oder so ähnlich heissen. Das ist kein Argument.
Und dass der Marib als Rückzugsort gilt, heißt nicht, dass es so ist. Das wird eben - soweit ich weiss - nur vermutet. Aber ist es so? Gibt es dazu unabhängige Beweise?

Fritz Wunderlich
10

al quadhi??? wovon schwätzen sie??
ich weise auf die widersprüchlichkeit im inhalt des artikels hin
allgemein wird marib für den rückzug von al quaida genutzt, der chef des dominierenden stammes bestreitet das, erzält al quaida wäre saleh, und gibt zu, dass ein stamm (seiner??) den al quaida zugeschriebenen überfall machte

ihre zweifel sollten sie mit etwas konkreten unterlegen können, sonst ist das nur heiße luft

mister moster
00

Na geh, blasen Sie sich mal selbst nicht so heiß auf, Zweifel sind die Grundlage der Erkenntnis überhaupt, damit wichtig und gut.
Ich habe nicht behauptet, mich auszukennen und ich habe durchaus ein paar interessante Informationen aus meinen Fragen bekommen. Also daher auch ein danke schön.

Und: Ich habe mir vor allem nach diesem Interview überlegt, warum wir über die Al Kaida im Grunde nicht viel wissen, obwohl so viele Anstrengungen gemacht wurden, sie zu durchleuchten. Eine plausible Erklärung ist sicher auch, dass sie ein guter Vorwand für alle möglichen politischen Spielchen gut sind. Dass sie weitere eigene Interessen haben, schließe ich gar nicht aus. Aber ob Al Qadhi deshalb lügt, kann auch keiner sicher sagen...

manto bamminger
21
oh oh, lieber standard, hat die CIA schon angerufen?

hier im forum sind sie auf jedenfall schon stark vertreten.

Ich finde dass interview sehr gut,...gibt es schlechte interviews?
eigentlich nur glaubwürdige und unglaubwürdige, dieses zähle ich zu ersterem.
Es ist ja auch kein großes Geheimnis mehr dass es AL-Kaida gar nicht gibt, niemals gab

espoir
00

"Die Sprache von Al Kaida"
kann man in ca. 8 Teilen auf You Tube sehen.
Ich poste diese Dokumentation häufiger, weil mich immer wundert wieviele angebliche "EXPERTEN" es gibt,
und wie wenige Leute z.B. Gilles Kepel kennen.
Es ist sehr informativ in Bezug auf Strategien.

iwan grorosnij
10

al kaida gibt es nicht wirklich?
ist mir neu, gibts dafür belege oder zumindest hinweise?

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