Bequem im Filz

Michel Reimon, 30. März 2011, 15:03

Ernst Strasser hat seine Methoden nicht in Brüssel erlernt, sondern hier. Solange es im Kleinen gesellschaftlich akzeptiert ist, dass Parteien Jobs und Aufträge vergeben, solange wird sich auch im Großen nichts ändern

Jeder Einzelfall ist unglaublich: Meischberger fragt Grasser, was seine Leistung war. Ein nationalistischer Lokalpolitiker verscherbelt einem Russen die österreichische Staatsbürgerschaft. Dann die Videoüberwachung am Strasserstrich. Sein Nachfolger ist ausgerechnet ein Lobbyist, der seine Firma in Brüssel an der Adresse von Othmar Karas angemeldet hat. Gleich darauf will die Wirtschaftsexpertin dieser Fraktion ihre Millionenschulden mit Spesenabrechnungen abzahlen... Dazwischen parkt noch einer falsch und einer fährt überhaupt ohne Schein. Und über allem liegt der Mief zweier Ex-Kanzler, von denen einer einen Diktator berät und der andere einen Atomstromkonzern. Die Verfehlungen politiknaher Museumsdirektoren fallen da kaum noch auf. Was bei all diesen Skandalen letztlich rauskommt, haben wir gestern erlebt: Freisprüche im Hypo-Alpe-Adria-Prozess, gar keine Anklage beim Eurofighter-Deal. Beides ist irgendwie eh konsequenter als die Aufhebung der Urteile im BAWAG-Prozess, nach dem die Richterin Justizministerin wurde. Man muss das alles verstehen, die Suppe ist halt oft dünn bei sowas. Nicht jede Ermittlung gegen eine kriminelle Vereinigung kann so akribisch geführt werden, wie die im Tierschützerprozess.

Was einen tollen Politiker ausmacht

Fazit: Österreichs Politik ist ein einziger Filz, in dem es sich viele bequem gemacht haben. Stimmt. Aber der Fisch beginnt am Kopf zu stinken und der Kopf, das ist der Souverän. Ja, ich behaupte: Auch verdammt viele Wählerinnen und Wähler kuscheln sich in diesen Filz ganz gern rein.
Vor einigen Tagen hat mir ein netter junger Mann ungefragt erzählt, dass er noch einen anderen Abgeordneten kennt: "Der ist ein ganz toller Bürgermeister!" Auf meine Frage nach dem Warum lautete die Antwort ohne Genierer: "Der hat meiner Cousine einen Posten auf der Gemeinde verschafft."
Das macht also einen tollen Politiker aus. Und das Üble ist: Wenn Sie verstehen, was daran falsch ist, gehören Sie zu einer Minderheit in Österreich.

"Die Partei" als Arbeitsvermittlung

Wir wissen es doch alle: Kaum ein Job in einer Gemeinde oder einer Landesregierung, bei einem Energieversorger, einer Sozialversicherung, einem Wasser- oder Abwasser- oder Müllverband oder im Straßenbau wird ohne politische Intervention vergeben. Und „kaum" ist eine bewusst freundliche Formulierung, denn es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Hunderte Menschen bekommen so jeden Monat ihren Arbeitsplatz und das ist gesellschaftlich akzeptiert. Nicht nur das: Viele Menschen scheinen sehr froh über dieses System zu sein - es beruhigt, wenn der Job wackelt und der Onkel im Gemeinderat verspricht, dass er sich im Notfall schon darum kümmern wird. Wenn das local network zählt, statt der Qualifikation. Dann ist der Filz bequem. Klar, ich rede hier von Jobs, die manchmal nur ein paar hundert Euro netto im Monat bringen. Aber der Unterschied zu den eingangs genannten Packeleien ist nur quantitativ, nicht qualitativ. Auch hier gibt es Opfer, nämlich diejenigen, die bei einer fairen Besetzung zum Zug gekommen wären.

Klare Ansagen

Die Einflussnahme betrifft nicht nur Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor: Im letzten Wahlkampf habe ich mich mit einem Kleinunternehmer unterhalten, einem Installateur. "Bist eh ein klasser Bursch", hat er gesagt, "aber wählen werde ich dich nicht, weil du kannst für mich nichts tun. Der Bürgermeister hat mir den Auftrag beim neuen Kindergarten gegeben. Und wer für mich was tut, der kriegt auch meine Stimme." Eine klare Ansage, da kannst du mit Energiewende und Bildungsreform einpacken.
Das Volumen an öffentlichen Auftragsvergaben, das Politiker verteilen, um ihre Netzwerke zu bedienen, ist enorm. Diese Netzwerke, die sich in Österreichs Gemeinden, Bezirken und Bundesländern Aufträge zukommen lassen, sind keine ominösen nadelstreiftragenden Lobbyisten. Es sind Durchschnittsmenschen. Und es sind auch Wählerinnen und Wähler, die jetzt darüber schimpfen, wie korrupt "die Politik" ist und keine Sekunde daran denken, dass sie auf niedrigem Niveau mitspielen.

Feudalismus für ein paar Euro

Den wohl banalsten denkbaren Fall habe ich vor ein paar Wochen erlebt, als mich jemand anruft und um eine Pokalspende für ein Fußballturnier bittet. Ich kann nicht an dem Wochenende. "Macht nichts", sagt der Mann, "ich schicke dir den Erlagschein und du kannst das auf dein Spesenkonto setzen, das machen die anderen auch so." Ist ja eh nur Steuergeld, das die Landtagsabgeordneten da nach Fürstenart unters Volk streuen. Und statt sich darüber aufzuregen, nimmt man die fünzig oder hundert Euro gerne: Österreichs Seele wurde nie entfeudalisiert.

Zwei Möglichkeiten

Dieses neue Feudalsystem wurde von SPÖ und ÖVP geschaffen. Für andere Parteien gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder man spielt mit. Offensichtlich ermöglicht das rasantes Wachstum. Man kommt zu Geld und zu Funktionären, die was werden wollen. Freiheitliche und BZÖ haben uns gezeigt, wie das geht und meist sind sie in diesem Spiel noch ungenierter als die alten Großparteien.
Oder man verweigert sich. Dann gibt's kein Geld und die Leute überlegen es sich drei Mal, bevor sie zu dir kommen. Denn: Sie bekommen dann von politiknaher Seite keine Jobs und keine Aufträge mehr, haben also konkrete persönliche Nachteile. Sie wählen dich vielleicht, aber sie sagen es niemandem.

Nennt das Kind beim Namen: Korruption

So ist die Situation, vor allem im ländlichen Raum. Aber so muss sie nicht bleiben. Wie bei allen großen Problemen kann man auch hier im Kleinen anfangen, daran zu arbeiten. Man muss nicht auf Korruptionsrichtlinien, Transparenzoffensiven und Politikerverhaltenskodizes warten, sondern kann selbst den Finger auf die Wunde legen. Jedes Mal wenn jemand wie selbstverständlich fallen lässt, wer schon wieder wo einen Posten oder einen Auftrag zugeschanzt bekommen hat, kann man das Kind beim Namen nennen: Korruption. Und bitte nicht halbherzig "Freunderlwirtschaft" dazu sagen. Ja, das wird viel Unverständnis auslösen, weil es völlig unserer Kultur widerspricht. Korrupt, das sind die anderen, die im Osten oder die in Brüssel, doch nicht wir hier.
Aber Ernst Strasser hat seine Methoden nicht in Brüssel gelernt, sondern in Niederösterreich. Als er hoch gestiegen ist, hat er nur seinen Preis angepasst.
Wir müssen hier beginnen, dieses System auszutrocknen. Der Filz muss hart und rau und unbequem werden - aber für alle. (Michel Reimon, derStandard.at, 30.3.2011)

Michel Reimon ist Landessprecher der Grünen Burgenland

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
1 2
naihoit
03
31.3.2011, 09:58
Kann irgend wer

den "Selbstbedienungsladen Österreich" noch besser beschreiben?

site:°~+*-||!#.\>
05
31.3.2011, 01:33

Recht gute Beschreibung der allgegenwärtigen Korruption in unserem Land, aber in Wirklichkeit ist es noch viel, viel ärger.

Aber mit freundlichen Appellen wird man das System Pröll = Freunderlwirtschaft = Korruption nicht bekämpfen können, das ist mehr als naiv.

Und solange die Grünen nicht für die Abschaffung des korruptionsfördernden Föderalismus eintreten, bleiben sie unglaubwürdig.

Schafft die Länder ab, legt die Gemeinden zusammen, nehmt den Provinzpolitikern die Macht und das Geld und schafft parteiunabhängige Vergabe-Kommissionen (und Ausschreibungs-Gesetze) – erst dann wird sich in unserer Zwetschken-Republik etwas verändern.

Public Secret
00
30.3.2011, 20:10

Es ist mir nicht möglich dies hier wirklich *korrekt* zu formulieren, also bitte mit Vorsicht genießen, aber ich würde die Grünen hier nicht sooo exemplarisch rausnehmen. GANZ sicher auf einem anderem Niveau als die genannten alteingesessen und zum teil äußerst schamlosen korrupten Schurken Banden der anderen, doch wer würde mit 100% Sicherheit auch nur annehmen, dass z.B. Aufträge für Internet Auftritte der Grünen OHNE "Freunderlwirtschaft" zustanden kommen?

Korruption ist eine Funktion von Geld und Macht, auch im sehr *kleinen* Rahmen, und da trifft der Artikel ins Schwarze (haha!) : das ist schon fast Tradition in Österreich, ergo gibt es auch wenig Unrechtsbewusstsein in diesem Bereich.

Danke für diesen Kommentar.

kwazzo
00
31.3.2011, 10:19
das unrechtsbewusstsein gibt es sehr wohl

aber für viele eben nicht für sich selbst. die haltung "der andere zuerst" ist tief verwurzelt und "aber ICH doch nicht" ist chic. zusammen mit einer gehörigen portion egoismus und dreistigkeit treibt die korruption die prächtigsten blüten.

allerdings glaube ich auch: die grenze zwischen korruption und echter hilfestellung (oder "sozialer schmiere") ist oft fließend und schwer zu durchschauen.
beispiel: ein bürgermeister verschafft einem langzeitarbeitslosen familienvater einen gemeindehackler-job - ist das korrupter postenschacher oder hilfe?
über wen soll da der stab gebrochen werden? über den, der hilft oder den, der die hilfe annimmt?

Public Secret
00
31.3.2011, 14:17

Die Übergänge sind nicht ganz sooo verwaschen wie man in der K&K Tradition glauben mag :)

http://de.wikipedia.org/wiki/Korruption

kwazzo
00
31.3.2011, 14:55
ich bin zu jung für die k&k-tradition

NOCH hänge ich nicht verkehrt von der decke!

;-)

Max Watzenböck
 
00
avision
01
30.3.2011, 19:45
Lobbyismus ...

Feudalherrschaft – wer hat´s erfunden?

In kakanien ist die Geburtsurkunde ein Wertpapier. Die EU hat die selbe Struktur und der moderne aufgeklärte Mensch lebt in einer Placebo Demokratie; glaubt an die freie Entscheidungsfähigkeit und Denkt eine klassenlose, sozial gerechte Gesellschaft entwickelt sich von selbst.
Vielleicht braucht es Stéphane Hessel´s Büchlein „EMPÖRT EUCH“ mehr den je!!!

glasklar
00
30.3.2011, 19:08
und solchen leuten

schenken die bgld. nicht mal 5%. da braucht sich auch niemand wunder das sich ni ändert.

MAXIMA
01
30.3.2011, 17:59
... der Mief zweier Exkanzler alleine ist es wohl nicht ...

... denn seit AKH, Lucona, Vranitzkys Millionen-Leistung am Telefon...... sind Jahrzehnte verstrichen und Privilege, Pfründe, Proporz, Protektion sind gelebter Alltag, nur offensichtlich kriminelle Tatbestände, wie Bestechung erkennt man vielleicht als Korruption. Durch sein verrottetes politisches System scheint Österreich dem Balkan näher zu sein als dem westeuropäischen Standard. Und zu all dem schweigt der Mann in der Hofburg.

teuerzahler
02
30.3.2011, 19:41
fischer ist doch ein produkt dieses systems!!!

sein motto: unser handel braucht werte! (geldwerte).

Marcus Octavio
 
00
30.3.2011, 17:18
weil es gerade so gut dazu passt..

... hier ein tolles projekt, das genau diesem zustand entgegen wirken will.
http://www.facebook.com/event.php... 77&index=1

http://www.respekt.net/projekte-... rojekt/51/

mitmachen wäre sehr toll.

grifter
02
30.3.2011, 17:06
"Aber der Unterschied... ist nur quantitativ, nicht qualitativ."

Perfekter Kommentar, nur in einem einzigen Punkt muss ich des Teufels Advokaten spielen:

Genau so wenig, wie die Entwendung einer Sonntagszeitung beispielsweise mit einem Raubmord vergleichbar ist, ist das Erstreben eines Gemeindearbeitsplatzes mit dem entgeltlichen Anbieten von Gesetzgebung vergleichbar.

Sonst wäre jede Kritik mit diesem "Du bist aber auch um nichts besser!" sofort im Keim erstickt.
Ist ja fast schon ein kirchliches Spiel mit der Schuld.

Natürlich muss sich auch der kleinste Mitpartizipant an der Nase nehmen, aber die Quantität ist viel wesentlicher, als sie der Artikel benennt.

MichelReimon
00
30.3.2011, 17:52

Natürlich haben Sie recht: Es ist ein Unterschied zwischen einem Installateurauftrag und der Eurofighter-Beschaffung. Keine Frage, dass Quantität völlig egal ist wollte ich auch nicht sagen.

meineipist
00
30.3.2011, 19:29

Warum der Rückzieher?

Installateurauftrag ist also doch nicht pfui gack, Eurofighter-Beschaffung schon?

MichelReimon
02
30.3.2011, 19:49

wo ist der rückzieher? beides ist pfui gack genug, um hart kritisiert zu werden und abgestellt werden zu müssen. und trotzdem ist es nicht gleichwertig. das ist wie beim strafrecht, das sieht ja auch strafrahmen und keine einheitsstrafen vor.

grifter
00
31.3.2011, 20:35

Danke für die Klarstellung! So kann ich Ihnen voll beipflichten, mfG grifter

meineipist
00
30.3.2011, 19:58

ok. so verstehe ich es.

Markus D. Hartbauer
 
02
30.3.2011, 17:05
wann gibt's endlich die "LIKE"-Buttons für ARTIKEL Nicht nur kommentare!

wäre dringend notwendig, lieber Std.

man of constant sorrow
00
30.3.2011, 16:39
Das ist der beste und wahrtse

giga dimensional
02
30.3.2011, 16:19
ja der trick ist es

die leute mit 100er scheinen zu korrumpieren und sich selber eine ganze bank zu nehmen.

mit nur einer winzigen korruptionsbeteiligung lässt sich gut regieren & einkassieren.

Spi an
03
30.3.2011, 16:29
vor kurzem auf 3Sat eine junge dt. Künstlerin mit einem Lied

"es geht nicht um ein Stück vom Kuchen - es geht um die ganze Bäckerei"
ich war sowas von den Socken - trifft total zu

Tobias Sauer
01
30.3.2011, 18:34

Dota Kehr - Utopie (Zitat bei 3:17)
http://www.youtube.com/watch?v=BMbeq7KBH9Q

teuerzahler
01
30.3.2011, 16:15
wenn die grünen das glaubhaft und real leben würden -

z. b.:

- volxbegehren gegen korruption und offenlegung aller parteispenden, -finanzierungen

- offenlegung aller parteifinanzen und der einkommen aller grünen funktionäre

- thematisierung der korruption in allen foren, bei jeder gelegenheit, immer und überall

dann, vielleicht, würden manche wähler ja grün zu wählen überlegen.

glasklar
00
30.3.2011, 18:56
wers glaubt?

die "ich würd ja grün wählen aber,..." jammerer werden erst grün wählen wenn .....da fällt ma jetzt ned amal was ein.

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