Leichte Tics treten bei rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf
Dresden - Mit den heute in der Fachzeitschrift "European Child & Adolescent Psychiatry" veröffentlichten Leitlinien sind die Grundlagen für eine europaweit qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten mit sogenannten Tic-Störungen gelegt, teilt das Universitätsklinikum Dresden, das für die Erstellung federführend war, in einer Aussendung mit. Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und
Lautäußerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als
Tourette-Syndrom bekannt sind.
Standards in Diagnose und Therapie
Die von der "European Society for the Study of Tourette Syndrome"
(ESSTS) bereits verabschiedeten Leitlinien setzen Standards in der
Diagnose sowie in der medikamentösen, psychotherapeutischen und in
Einzelfällen auch neurochirurgischen Therapie von Kindern und
Jugendlichen, die unter Tics leiden. Der erstmals geschaffene Standard
ist auch die Basis dafür, die Zulassung moderner Psychopharmaka für die
Behandlung schwer Betroffener zu erreichen. Erste Studien hierzu sind
von den Ärzten und Wissenschaftlern bereits auf den Weg gebracht worden.
Tics sind häufig
In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und gehören damit zu den häufigsten psychisch-neurologischen Störungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch. "Leichte Formen der Tic-Störung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind", berichtet Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden. Auch in der Spezialsprechstunde seiner Klinik stellen besorgte Eltern aus ganz Deutschland Kinder und Jugendliche mit Tics vor. In der Regel denken sie dabei jedoch an eine Störung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.
Stress als Auslöser
Die neue Leitlinie gibt den Psychiatern und Psychotherapeuten in konzentrierter Form Hinweise zur richtigen Diagnose und den erfolgversprechendsten Therapien. Gerade in der leichten Form reicht es oft aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der Störung umgehen können. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verstärkend wirken können. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Verhaltenstherapien oder Medikamente sowie in schwersten Fällen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der verhaltenstherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic spüren. Mit diesem Wissen lässt sich dieser mit einer zuvor eingeübten motorischen Gegenantwort abblocken.
Medikamente häufiger eingesetzt als Verhaltenstherapie
Da Kinder und auch viele Jugendliche Probleme damit haben, die Vorzeichen eines Tics richtig zu deuten und ihnen oft auch die Motivation fehlt, permanent gegenzusteuern, werden Medikamente häufiger eingesetzt als die Verhaltenstherapie. "Leider ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-Störungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen", bedauert Rößner, der nicht nur als Koordinator des Leitlinien-Projekts der ESSTS verantwortlich zeichnete, sondern maßgeblich die Vorgaben zur Pharmakotherapie des Tourette-Syndroms erarbeitete. Wegen der Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckproblemen kann Haloperidol die Erlebnisfähigkeit und Emotionalität einschränken, stehen viele Eltern dem Medikament skeptisch gegenüber. Da es modernere Wirkstoffe gibt, die gezielt die im Nervensystem ohnehin vorhandenen Sicherungsmechanismen gegen unwillkürliche Bewegungen verbessern, engagiert er sich für eine Studie, die die Wirksamkeit des Medikaments Tiaprid bei Kindern und Jugendlichen nachweist. "Ziel ist es, dafür in Deutschland endlich eine Zulassung zu bekommen", so Rößner. In Fachkreisen wird es als Medikament der ersten Wahl bezeichnet, doch ohne den wissenschaftlichen Nachweis seiner Wirksamkeit kann es nicht routinemäßig verordnet werden. (red)