Eine "Frauen-Karriere" macht noch keine Emanzipation

7. April 2011, 19:16
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Die Zeitschrift "Grundrisse" widmet sich in der aktuellen Ausgabe Geschlechterverhältnissen und Arbeitsteilung

Seit dem Winter 2001 erscheinen die "Grundrisse. Zeitschrift für linke Theorie & Debatte" viermal im Jahr und nicht ganz zufällig fällt das Entstehungsjahr mit diversen Protestbewegungen gegen die einstige schwarz-blaue Bundesregierung zusammen. Neben den politischen Ereignissen von damals war den GründerInnen der Grundrisse das Bedürfnis nach Reflexion und Diskussion über politische Theorie und Praxis Grund genug für die Gründung einer Zeitschrift, wie es auf der Website der Grundrisse heißt.

Orientierte man sich erst stramm an "Analysen Marxscher Texte", wie es auf der Seite weiter heißt, so weitete sich das Interesse der Redaktion auch auf Theorien rund um Rassismus, Migration, Poststrukturalismus oder "Weltsystemanalysen" aus. Laut Eigenbeschreibung rückten auch feministische Ansätze ins Interesse der Grundrisse-Redaktion. Davon war in vielen Ausgaben der Zeitschrift allerdings nicht unbedingt viel zu merken und vor allem der Autorinnen-Anteil war bisher äußerst gering. So standen etwa in der 36. Ausgabe, die den Schwerpunkt "Organisieren?!" titelte, 13 Autoren drei Autorinnen gegenüber. Zwei davon schrieben innerhalb eines AutorInnekollektivs und eine schrieb eine Buchbesprechung. Die großen Artikel zum Thema "Organisieren?!" wurden ausschließlich von Männern geliefert und frau wunderte sich, dass gerade zu diesem Thema keine Stimmen aus feministischen Bewegungen zu lesen waren.

Selbst- und Gesellschaftskritik

Starker Tobak für eine Zeitschrift, die sich kritische Diskussion und Reflexion herrschender Strukturen auf die Fahnen schreibt. Nun aber liegt eine neue Ausgabe vor, die nicht nur mit einem Schwerpunkt zu "Geschlechterverhältnisse und gesellschaftliche Arbeitsteilung", sondern auch mit etwas Selbstkritik im Editorial aufwartet. Wahr sei, dass - wie viele Theoriezeitschriften - innerhalb "männlicher Dominanz laboriert" wird, das sei nicht von der Hand zu weisen, steht da etwas zerknirscht. Ganz wollte man die Sache aber doch nicht auf sich nehmen und so wurde noch in Erinnerung gerufen, dass es sich dabei um "Probleme handelt, die nicht nur uns betreffen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse sind." Diese gesellschaftlichen Machtverhältnisse gerade nicht zu reproduzieren könnte von einem kritischen Medienprojekt aber durchaus erwartet werden.

Jetzt gehen es die Grundrisse aber gleich mit zwei Schwerpunktausgaben an, die in zwei Heften jeweils "Geschlechterverhältnisse und gesellschaftliche Arbeit" fokussieren. Nach Redaktionsschluss der ersten Schwerpunktausgabe lagen laut Redaktion mehr interessante Beiträge dazu vor, als in ein Heft gepackt werden konnten. 

Kampagne "Lohn für Hausarbeit"

Der erste Teil nimmt sich schon einige spannende Themen zur Brust: Ein Interview mit der feministischen Aktivistin und Philosophin Silvia Federici behandelt unter anderem die Auseinandersetzungen über die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und sexistische Uni-Politik. Federici hat sich zum Thema Hausarbeit in den 70ern engagiert und war in der Kampagne "Lohn für Hausarbeit" aktiv, eine Sache, die von Autorin Almut Bachinger in ihrem Text "Lohn für Hausarbeit reloaded" weitergesponnen wird. Bachinger zeichnet die Entwicklung der Debatte nach und stößt dabei auf Phänomene, wie die Verwischung der Unterscheidung von materieller und immaterieller Arbeit bzw. zwischen Produktion und Reproduktion oder auf die Zusammenhänge von Migration und Hausarbeit. Diesbezüglich ist Bachingers Augenmerk auf die "androzentrische Einwanderungs- und Migrationspolitik" besonders interessant. Während nämlich diese um hoch qualifizierte Arbeitskräfte buhlt, wird der Bedarf an ArbeiterInnen sowie DienstleisterInnen negiert, obwohl sie die "globale Ökonomie produzieren und aufrechterhalten", schreibt Bachinger. Dienstleistungen, etwa in Privathaushalten, werden zwar mehr und mehr beansprucht, dennoch werden sie weiterhin innerhalb informeller Beschäftigungsverhältnisse verrichtet, was wiederum durch die Nichtbeachtung dieses Arbeitsbereiches weiterhin gestützt wird.

Ab in die Karriere

Ein besonders ausführlicher Essay von Kathi Weeks beschäftigt sich mit den feministischen Auseinandersetzungen mit immaterieller Arbeit, die für die Erweiterung des Arbeitsbegriffes unabdingbar waren. Elisabeth Perchinig geht indes vom konkreten Arbeitsthema weg und nimmt sich der ansonsten oft affirmativen Rezeption dekonstruktivistischer feministischer Ansätze an und kritisiert diese aus der Perspektive der Psychologie und Pädagogik. 

Die Texte der aktuellen Grundrisse über so komplexe Probleme, wie etwa den Zusammenhang von Feminismus und Arbeit, sind ein brauchbares Instrument für das Nachdenken über Feminismen und Frauenpolitik. Ein solches ist mehr denn je nötig, da die andere Herangehensweise zu "Frauen und Arbeit" zunehmend an Dominanz gewinnt: Jene, die die Zusammenhänge auf "zu wenige Frauen sind Rektorinnen, Aufsichtsrätinnen oder in Top-Positionen" reduziert, wodurch die Thematik zunehmend auf die Karriere-Seiten der Zeitungen verbannt wird und feministische Kritik an der vorherrschenden Marktlogik verstummen lässt. An einer solchen Kritik mangelt es im Heft Nr. 37 der Grundrisse nicht und auch dem bereits angekündigten Nachschub in der nächsten Ausgabe kann sowohl in Bezug auf feministische Themen als auch dem Autorinnen-Anteil hoffnungsvoll entgegengeblickt werden. (beaha, dieStandard.at, 30.3.2011)

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    Während der Diskurs um hoch qualifizierte Arbeitskräfte blüht, geraten Bedarf und Probleme von ArbeiterInnen aus dem Blick.

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